Silvia Stauber nickte nachdenklich. »Vergewaltigung also möglich. Vor oder nach dem Tod?«
»Niklaus Zehnder ist sich nicht hundertprozentig sicher. Er meint aber, wenn überhaupt, dann eher erst nach dem Tod.«
Silvia Stauber blickte Lukas an. »Wir werden also Speichelproben aller Verdächtigen für die genetischen Fingerabdrücke beschaffen müssen, um sie mit den gefundenen Hautpartikeln abzugleichen. Mit den Textilfasern können wir wohl nicht viel herausbringen. Es sei denn, der Täter wäre so ungeschickt gewesen, nicht alle seine Kleider zu entsorgen… Und jetzt zu dir, Anna. Sind schon Verdächtige in Sicht?«
Anna seufzte tief. »Leider nichts Konkretes. Immerhin habe ich heute mit mehreren Personen aus dem Umfeld des Opfers gesprochen und kann mir schon ein ungefähres Bild der Verstorbenen machen.«
Dann reichte sie die Fotografie herum.
»Oh, was für eine Schönheit«, rutschte es Lukas heraus.
»Also«, fuhr Anna fort, »Monika Sarasin, fünfunddreissig, Gymnasiallehrerin, lebte allein in ihrer grossen Wohnung in Riehen, wenige hundert Meter vom Ort des Verbrechens entfernt. Sie hatte zwei Brüder, und auch ihre Eltern leben noch. Patrizia Staehelin, die Partnerin von Monikas jüngerem Bruder Peter, war zugleich Monikas beste Freundin. Offenbar lebte Monika ziemlich isoliert von ihrer Familie. Einen wirklichen Grund dafür habe ich noch nicht ermitteln können. Ihre wichtigsten Lebensbereiche umfassten ihre Arbeit in der Schule und ihre Aktivitäten im Tennisclub. Das Auffälligste an Monikas Lebenswandel waren ihre häufig wechselnden Liebhaber, und die Tatsache, dass der Abbruch der jeweiligen Beziehungen immer von ihr aus ging. Das heisst, Kränkung und Eifersucht von sitzengelassenen Liebhabern könnten durchaus ein Motiv für den Mord darstellen. Patrizia Staehelin konnte mir fünf vergangene Liebhaber von Monika nennen. Drei davon werden wir uns morgen vorknöpfen. Den viertletzten und den fünftletzten, beide damals Lehrer am Gymnasium, können wir bereits ausschliessen. Der eine hat nachweislich seit einer Woche das Engadin nicht verlassen, und der andere sitzt, seit einem Unfall, querschnittgelähmt im Rollstuhl.«
»Gute Arbeit, vielen Dank«, lobte Silvia ihre Untergebenen, »auf diesem Weg kommen wir bestimmt bald weiter. Dringend sind jetzt die Befragungen bei den Nachbarn, in diesem Tennisclub und im Lehrerkollegium. Auch müssen wir von allen potentiell Verdächtigen die Speichelproben beschaffen. Ebenso dringend ist die Durchsuchung von Monika Sarasins Wohnung. Ich hoffe doch sehr, dass wir dort einen Hinweis finden. Haben wir eigentlich einen Schlüssel?«
»Ja«, sagte Anna, »in ihrer Hüfttasche war ein Schlüssel. Ich gehe davon aus, dass er zu ihrer Wohnung passt.«
Silvia lächelte. »Gut, dann wünsche ich euch viel Erfolg. Wir treffen uns dann übermorgen, acht Uhr, zum nächsten Rapport. Und jetzt ab in den Feierabend!«
Auf dem Rückweg in sein Büro kreisten Lukas‘ Gedanken um seine Chefin Silvia Stauber. Alle Achtung, was diese Frau geleistet hat, dachte er. Als einfache Polizistin hatte sie angefangen, sich später im kriminaltechnischen Dienst etabliert und stetig weitergebildet. Nach fast zwei Jahrzehnten Erfahrung in diesem Bereich war sie dann zur stellvertretenden Chefin der Kriminalpolizei befördert worden. Jetzt war sie Mitte fünfzig, eine grosse, kräftige Frau mit ziemlich kurzen, grauen Haaren, einer runden Brille und einem meist strengen Gesichtsausdruck. Nur ab und zu kam ihre weichere Seite zum Vorschein. Etwa dann, wenn es um ein verschwundenes Kind ging. Über ihr Privatleben hatte sie kaum je etwas erzählt. Lukas wusste nur, dass sie im Neubad-Quartier wohnte. Aber ob sie Single war oder in einer Beziehung lebte?
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