Also, die Augen der Ärztin bohrten sich in mein T-Shirt und als sie dort nicht den Hauch einer Wölbung entdecken konnte, schob Mama den hilfreichen Satz: »Sie ist halt sehr sportlich« hinterher, als ob sie sich für meinen fehlenden Busen entschuldigen müsste. Das wollte Frau Dr. Dings, ich vergesse immer, wie sie heißt, aber nicht gelten lassen und ehe ich michs versah, hatte sie auch schon in meinen peinlichen Kätzchen-Schlüpfer gelinst, der seit ich neun bin einfach nicht zu klein wird, und ließ den Bund mit einem zufriedenen Nicken wieder an meinen Bauch zurück flitschen. Übersetzt hieß das wahrscheinlich so viel wie: Alles im grünen Bereich, solange es dort unten sprießt, kommt der Rest auch noch.
Ich starte mein Video, die Musik legt los und meine Stimme ertönt:
»Hi Leute, hier bin ich wieder, eure Matti von Amazing Jumping Cupcake, DEM Channel für Lifestyle, Süßes und …«
»Nicht schon wieder, ich hab das jetzt schon hundert Mal gehört!«, brüllt Liv herüber, gefolgt von einem dumpfen Schlag, als sie zur Betonung ihrer Genervtheit etwas an die Wand zwischen unseren Zimmern wirft.
Hastig stelle ich den Ton leiser.
»Ist ja guuut!«, rufe ich augenrollend.
»… heute zeige ich euch, wie man aus Puff Pastry etwas ganz Besonderes zaubert«, erkläre ich im Video weiter. »Alles, was ihr braucht, ist eine Rolle Blätterteig, Zimtzucker, Schokocreme, Marmelade oder Apfelmus, Schokolade, Käse und Schinken.« Jede neue Zutat erscheint wie von Zauberhand auf dem Küchentisch. Aaah, ich kann mich gar nicht dran sattsehen, die Schnitte sind mir dermaßen gut gelungen, bin echt impressed. Achtung, jetzt, rollt sich der Blätterteig unter magischem Glitzergefunkel von ganz alleine auf einem Blatt Backpapier aus. »Und, Leute, Puff Pastry hört sich doch schon gleich viel leckerer an als Blätterteig, oder?«, kommt meine Stimme fröhlich aus dem Off.
»Ich bin so dermaßen die Videokünstlerin«, murmele ich zufrieden und stelle mir vor, wie sich, pling, pling, mit jeder Sekunde, die das Video online ist, die Followerzahl meines Kanals ins Gigantische erhöht.
»Als Erstes zeige ich euch das Windrad.
Bestreicht das Quadrat aus Teig dünn mit Schokocreme und schneidet den Teig dann an den Ecken ein. Jetzt klappt ihr die Ecken in die Mitte und drückt sie etwas fest.
Mit der nächsten Technik werden aus langweiligen Schnecken feine Cinnamon-Flowers.
Bestreut ein rechteckiges Stück mit reichlich Zimtzucker und rollt es dann zu einer Schnur zusammen. Daraus wird eine Schnecke gedreht. Legt zwei davon aneinander und drückt sie an den Seiten richtig kräftig zusammen. Noch mal die losen Enden befestigen, fertig.
Mein liebstes Muster ist der Strohstern.
Ich nenne es so, weil es mich an Weihnachtssterne erinnert. Es geht total einfach und sieht hinterher sensationell aus. Legt ein Stück Schokolade in die Mitte und schneidet von dort aus den Teig bis zum Rand ein, klappt die Seiten über die Schokolade und presst sie gut fest. Nun drückt ihr einfach die Ecken jedes Dreiecks für den Strohsterneffekt zusammen, wow, so speziell!
Und dann sieht man, hops, hops, hops die fertigen Blätterteigteile aufs Backblech wandern, wo sie noch ein paarmal um sich selbst kreiseln, bevor sie still liegen.
»Hab ich echt saugut hingekriegt«, lobe ich mich selbst. Hat zwar Stunden gedauert, aber das hat sich gelohnt.
Da geht es auch schon mit der nächsten Szene weiter:
»Als Nächstes zeige ich euch meinen Swiss-Cheese-Wrap, ihr werdet gleich sehen, warum er so heißt. Drückt mit einem Zahnpastatubendeckel oder einem Fingerhut aus der einen Hälfte von der quadratischen Teigplatte kleine Löcher heraus. Die andere Seite belegt ihr mit Käse, Schinkenstreifen oder Gemüse nach Wahl oder alles zusammen. Klappt den Wrap zu und versiegelt den Rand mit einer Gabel.
Als Letztes gibt es meine Candy-Roll, ein Bonbon aus Blätterteig.
Ihr könnt euer Candy mit Marmelade oder Apfelmus füllen. Oder einem Zettel mit einer kleinen Botschaft. Den Teig darüber einfach zusammenrollen und die Enden verzwirbeln. Fertig. Und ab damit in den Ofen.«
Die Szene zeigt, wie meine Hand das Backblech in den Ofen schiebt. Und jetzt kommt meine liebste Stelle: Die Ofentür schließt sich und man guckt von innen heraus und sieht, wie ich in den Ofen hineinschaue! Das war ganz schön knifflig, mein Handy für diesen Abschnitt richtig im Ofen zu arrangieren.
Im Zeitraffer geht der Blätterteig nun auf und Puderzucker stäubt in einer süßen Wolke über die Teilchen.
In der letzten Szene isst sich, knusper, knusper, haps, eins der Schokostrohsternchen von allein auf, bis nur noch Krümel an seiner Stelle auf dem Backblech liegen.
Dann rieselt Sternenstaub und Ende des Videos.
»Wow!«, sagt eine Stimme hinter mir.
»Mama!« Ich wirble mit dem Schreibtischstuhl herum. »Du hast mich total erschreckt!«
»Sorry«, sagt sie und deutet auf mein Handy. »Hammer, dein Video. Wie du das machst, ist mir ein Rätsel. Du schneidest das richtig zusammen, ja? Aber wie?«
Ich rolle mit den Augen. Ich glaube, ich habe Mama schon hundert Mal von meiner Video-App erzählt und ebenso oft, dass ich aus genau diesem Grund, eben weil ich so aufwendige Videos drehe, dringend ein neues Handy mit mehr Speicherplatz brauche.
»Ach so, ja richtig, da hast du ja so eine App«, sagt Mama und zwinkert mir zu. »Aber ganz im Ernst, ich bin wirklich beeindruckt.«
Sie sammelt ein paar Klamotten vom Boden auf und will gerade nach draußen gehen, als mich ein schier übermächtiger Zwang befällt. Ich werde jetzt etwas sagen, ich kann nicht anders, auch wenn ich weiß, dass das nur dazu führt, dass wir uns hinterher gegenseitig doof finden. Aber ich kann es mir auch nicht verkneifen.
Deshalb räuspere ich mich und gebe Folgendes von mir:
»Warum darf ich das nicht ins Netz stellen?« Und zwar im Tonfall einer trotzigen Fünfjährigen.
Korrekt, es gibt geschicktere Möglichkeiten, in ein solches Gespräch einzusteigen, aber im Grunde spielt es keine Rolle, wie ich die Frage formuliere, weil ich die Antwort sowieso längst kenne und im Grunde ja tatsächlich trotzig bin. Da macht das Alter dann auch keinen Unterschied mehr.
»Och Mathilda«, erwidert Mama prompt und klingt genervt. Und gleich wird sie sagen, dass wir dieses Gespräch doch schon hundert Mal geführt haben.
»Wir haben darüber schon tausend Mal geredet«, sagt sie.
Okay, fast getroffen.
»Aber trotzdem«, erwidere ich. Puh, schwache Retoure, aber ich merke jetzt schon, wie ich sauer werde. »Dann sprechen wir halt noch mal darüber!« Ich verschränke die Arme und sehe Mama herausfordernd an.
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