Gut, jetzt kennst du also meine Familie.
Einen Vater dazu gibt es nicht. Also es gibt ihn natürlich schon, aber nicht als Papa, wie man das so kennt. Mein Vater ›hat sich aus dem Staub gemacht‹, kaum dass ich auf der Welt war. Was aber natürlich nichts mit mir zu tun hat – was einer von Mamas am häufigsten wiederholten Sätzen ever ist, damit ich nicht denke, ich sei daran schuld, und ein Trauma kriege oder so was. Als ich noch kleiner war, habe ich mir immer vorgestellt, mein Vater müsse ein Staubgeist sein, grau und irgendwie neblig und trüb, ohne Gesicht. Das hat für mich ganz gut gepasst. Irgendwann habe ich dann verstanden, dass ›aus dem Staub machen‹ eine Art Umschreibung für ›einfach abhauen‹ ist. Und als wir vor Kurzem in der Schule Sprichwörter analysieren sollten, war es klar, welches ich auswähle. Und siehe da, es bedeutet tatsächlich genau das, was es beschreibt: Früher im Krieg, wenn die Soldaten auf den Schlachtfeldern aufeinander losgingen, wurde immer sehr viel Staub aufgewirbelt. Den haben manche Soldaten ausgenutzt, um ungesehen zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen. So was nannte man Fahnenflucht und das war total verboten und wurde hart bestraft, meistens mit dem Tod.
Klar, einen coolen Dad zu haben, fände ich natürlich schon schön, aber wie sagt Omi immer: Man kann nicht alles haben, wo sollte man es auch hintun? Das ist übrigens das Tolle an meiner Omi, dass sie so praktisch ist. Zu ihrem Geburtstag und zu Weihnachten will sie zum Beispiel auf keinen Fall etwas geschenkt bekommen, so hat man schon eine Aufgabe weniger und macht ihr damit gleichzeitig die schönste Freude.
Was man als jüngeres Geschwister nie tun sollte, es aber trotzdem tut
Ich bin inzwischen mit meiner Unterschrift ganz zufrieden und stelle fest, dass zehn Minuten ja schon lässig um sind und ich mal wieder aufs Handy gucken darf. Mama hat mittlerweile so viele verschiedene Medien-Zeit-Regeln aufgestellt, dass wir eigentlich nie genau wissen, welche gerade aktuell gelten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns im Moment auf die ›Alle zehn Minuten eine kurze Interaktion‹-Vereinbarung geeinigt haben.
Als ich mein Smartphone aufnehme, höre ich Liv nebenan über ein YouTube-Video kichern und mich durchfährt ein Stich Eifersucht. Ist Liv inzwischen aus dem Regelbefolgungsalter herausgewachsen, oder was? Sie hängt ständig am Handy und fragt nicht mal mehr, ob sie drandarf! Sie muss auch abends das Licht nicht bis zu einer bestimmten Uhrzeit ausgemacht oder sich im Bad fertig gemacht haben. Also schon, aber macht sie halt nicht und Mama kann ja nicht gleichzeitig schlafen UND mit dem Schlaf-Zimmer-Ruhe-Handy-Chill-Zeiten-Zettel zur Kontrolle an ihrem Bett stehen. Und genauso rechtfertigt Mama ihre total unpädagogische und ungerechte Mach-halt-was-du-willst-Haltung in Bezug auf Liv auch noch, wenn ich sie drauf anspreche.
Aber das tue ich lieber nicht, zumindest nicht so oft. Denn soll ich dir sagen, was dann kommt? Du kennst das, wenn man sich als jüngeres Geschwisterkind beschwert, dass das ältere schon so viel darf und das total ungerecht und gemein ist, ich schwör’s dir, lautet die prompte Antwort vom Geschwisterkind (mit einem total empörten und zutiefst beleidigten Tonfall): »Als ich so alt war wie du, durfte ich noch GAR kein Handy haben / musste ich IMMER um acht das Licht ausmachen / durfte ich NIE GNTM gucken« und so weiter.
Und die deiner Mutter lautet: »Als (Name des Geschwisterkindes) so alt war wie du, hatte er / sie noch gar kein Handy / durfte nicht mal am Wochenende so lange aufbleiben wie du unter der Woche / durfte sich niemals so schwachsinnige Sachen im Fernsehen ODER AUF DEM TABLET ansehen!!!«
Zusammengefasst wollen sie beide sagen: BESCHWER dich nicht, du hast es auf alle Fälle besser als die / der Numero Uno. Na ja, ich will das jetzt mal so stehen lassen … Ein bisschen was Wahres ist schließlich dran. Auch wenn mir natürlich tausend Gegenbeispiele einfallen. Also hundert vielleicht.
Jedenfalls sehe ich, dass in unserer Klassengruppe schon wieder siebzehn Nachrichten eingegangen sind. Von den Jungs. Nur Smileys, Kackhaufen und Kotzgesichter. Das nervt. Typisch. So was ist doch keine Unterhaltung …
Ups, da fällt mir gerade ein, dass WhatsApp ja auch zu Mamas Gegenargumenten zählt. Ich bin nämlich bei WhatsApp, wie jeder in meiner Klasse (außer einem Mädchen, das darf nicht mal ein Smartphone haben und tut mir entsprechend leid!), obwohl WhatsApp erst ab 16 ist. Aber ich glaube, Mama denkt immer noch, das sei ab 13 Jahren erlaubt, und irgendwie konnte ich sie mit meinem »Ach komm schon, Mama, 12 ist das neue 13«-Spruch überraschend schnell überzeugen, dass WhatsApp okay geht. Sie findet es nämlich selbst ganz praktisch, dass wir eine Familiengruppe haben und wenn es ihrer Beruhigung dient, uns hinterherzustalken, dann bitte.
Ich scrolle ein wenig durch meine Videos und sehe mir noch mal mein Back-DIY von gestern an. Ich bin ziemlich zufrieden damit, die Schnitte passen perfekt auf den Takt des Songs im Hintergrund. Für die Aufnahme habe ich mein Smartphone mit Doppelklebeband an die Küchenlampe über dem Tisch geklebt – keine Ahnung, warum ich da noch nicht früher draufgekommen bin, denn für die letzten Videos habe ich fast länger gebraucht, um aus irgendwelchen Bücherstapeln, Notenständern oder Tischlampen ein Stativ zu basteln, als für die eigentlichen Aufnahmen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich die ganze Zeit ziemlich Schiss hatte, dass mir das Handy in den Teig fällt, aber dieses Spiegelklebeband pappt wirklich wie verrückt. Ich hätte das Handy beinahe nicht mehr von der Lampe bekommen – es ist auch wirklich nur ein winziges Stückchen Lack vom Lampenschirm mit abgegangen … Jetzt weiß ich endlich, warum Mama mit der Rolle so geizig ist und wir ihre persönliche Genehmigung brauchen, wenn wir von DEM GUTEN DOPPELSEITIGEN ein Stück brauchen: wie sonst halten die vielen Spiegel in unserem Haus an den verrücktesten Stellen? Hatte ich erzählt, dass unser Haus ziemlich winzig ist? Aber mit geschickt platzierten Spiegeln kann man optisch das Doppelte an Fläche rausholen. Deswegen hängen sie überall, nein, kleben sie überall. Unser Bad zum Beispiel ist so winzig, dass man sich kaum drin umdrehen kann, aber mit den neun an die Kacheln geklebten Wandspiegeln wirkt es wie der reinste Wellnesspalast. Ganz nebenbei hat die Rundumverspiegelung auch den Vorteil, dass einem ohne große Verrenkungen ein Ganzkörpercheck gelingt, und der ist ja, gerade wenn man darauf wartet, endlich einen Busen zu bekommen, fast noch wichtiger als Zähneputzen. Und ich warte schon lang. Du weißt ja, 12 ist das neue 13, nur mein Körper scheint das nicht zu kapieren. Bei meinen Freundinnen klappt diese Haltung ohne Probleme. Bloß ich habe nicht mal den Hauch eines Hügels. Ins Freibad könnte ich locker nur in Bikinihose, oberkörpermäßig sehe ich aus wie ein Junge, während meine Freundin Polina schon einen BH trägt. Und da hilft Mamas Spruch ›Wo nix ist, kann später auch nix hängen‹, auch nicht gerade weiter. Besonders, weil ich anscheinend wirklich aus der Art geschlagen bin, Liv wächst und gedeiht nämlich in alle Richtungen, so schnell können wir gar keine BHs nachkaufen, wie sie neue Größen braucht, und ich habe nicht das Gefühl, dass ein Ende in Sicht ist.
Dass meine Pubertät aber doch irgendwie im Gange ist, lässt sich immerhin an meinen (spärlich) sprießenden Schamhaaren erkennen. Manchmal wächst wochenlang keins, dann sind plötzlich über Nacht drei dazugekommen. Tja, mit zwölf kannst du deinen Schamhaaren noch Namen geben … Vor Kurzem hatten wir einen Termin zur Jugenduntersuchung bei der Kinderärztin. Wie jedes Mal betrachtete sie mich mit gerunzelter Stirn, als ob sie mich zum ersten Mal sähe, dabei bin ich seit meiner Geburt bei ihr in Behandlung und zusätzlich dasjenige Kind, das immer den Kopf schüttelt, wenn sie einem nach der Untersuchung das Gummibärchenglas hinhält. Es gruselt mich schon beim Gedanken daran, wie viele Schnupfen-Husten-Windpocken-und-was-weiß-ich-alles-für-Viren- und-Bakterien-Hände da jeden Tag reinfassen!
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