Im Sommer 2019 organisierten wir dazu eine Veranstaltung im Rahmen des Kulturprogramms der Tibus-Residenz. Die Senioren waren eingeladen, sich von den Schülern und Coaches der örtlichen ParkourONE -Klasse das Training genauer erklären und auch zeigen zu lassen. Bis heute profitieren nicht nur wir durch den Spot, sondern auch die Bewohner von dieser respektvoll gewachsenen Beziehung.“
Hinterlasse keine Spur!
von Dan Edwardes 7
„ ‚Sei stark, um nützlich zu sein‘ , ist ein fundamentaler Grundsatz unserer Disziplin und ein Satz, den man in Communitys auf der ganzen Welt häufig hört. Während zu reden aber leicht ist, sind wir bei Parkour Generations 8der festen Überzeugung, dass Taten lauter sprechen als Wörter. Aus diesem Grund fragen wir uns oft, wie wir dieses Prinzip auch verkörpern können. Wie können wir es zum Leben erwecken?
Die ‚Leave No Trace JAMs‘ sind ein fantastisches Beispiel für diesen Grundsatz in Action:
JAMs 9sind das Lebenselixier von Parkour. Menschen an lokalen Trainingsspots zusammenzubringen, andere Gleichgesinnte zu treffen, Ideen auszutauschen und mit Freunden zu trainieren, war schon immer ein zentraler Bestandteil von Parkour und seiner Entwicklung. Daher war es absolut sinnvoll, diesen fast universellen Brauch mit dem einfachen, aber äußerst zielgerichteten, funktionalen und sozial denkenden Konzept ‚Leave No Trace‘ (dt.: ‚Hinterlasse keine Spur!‘ ) zu kombinieren.
Das Parkour-Training verbindet uns mit unserer Umwelt auf eine einzigartige Art und Weise. Die Räume, die wir nutzen, die Architektur, die Hindernisse, die Oberflächen – jeder Aspekt der Umgebung bedeutet etwas für einen Traceur, und wir können uns privilegiert und glücklich schätzen, in der Lage zu sein, in solch einer freien und uneingeschränkten Art in unzähligen wunderbaren Szenarien trainieren zu dürfen. Demnach sollten wir darauf achten, diese Orte zu respektieren, und uns dazu verpflichten, sie für andere Traceure, spätere Generationen und natürlich andere Menschen, die dort wohnen, leben oder arbeiten, zu bewahren.
Der oben beschriebene Grundsatz geht aber noch einen Schritt weiter: Wir können nicht nur Bewegung oder positive Energie in unseren Gemeinden und in den Räumen um uns herum teilen, sondern auch daran arbeiten, diese besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben. – Und so funktioniert ein ‚Leave No Trace JAM‘ :
Zu Beginn jeder Session planen wir eine Stunde ein, in welcher jeder den Spot und die Ecken rundherum von Dreck, Müll und Abfall befreit, diesen, zum Recyceln, in verschiedene Müllbeutel sortiert und in der jeder schaut, auf welche Weise er den Ort mit einfachen Mitteln verbessern kann. Beginnt anschließend die JAM, so sind die Teilnehmer jetzt in der Lage, an einem Spot zu trainieren, von dem sie wissen, dass er sauber ist und keine Gefahren, wie Scherben oder Abfälle, mehr birgt.
© Barbora Hovorkova
© Barbora Hovorkova
Das verbessert nicht nur das Erlebnis, sondern bringt Menschen für einen gemeinsamen Zweck zusammen und schenkt der Veranstaltung einen breiteren sozialen Nutzen.
Dieser Ansatz hat zudem den Vorteil, dass er die Verbindung der Teilnehmer zu ihrer (urbanen) Umwelt stärkt und dass sie so beginnen, zu verstehen, wie ihr Training ebendiese beeinflusst – positiv wie negativ. Und Bewusstsein ist unabdinglich für einen Traceur!
Die Philosophie von Parkour hat an Stärke gewonnen, weil sie diese Prinzipien im Herzen trägt, aber jede Philosophie bleibt nur dann nützlich und relevant, wenn sie auch gelebt wird. Sie muss verkörpert werden.
Zu reden ist leicht. Wichtig ist, was wir tun !“
5Ihab Yassin war Deutschlands erster kleinwüchsiger Traceur und ist ein weltweit bekanntes Vorbild für Menschen mit Behinderungen im Parkour-Sport .
6Johannes Schulte ist Coach für ParkourONE Münsterund langjähriger Traceur der Szene .
7Dan ist Gründer und Leiter von Parkour Generation Londonund aktiv als Coach und Athlet .
8 Parkour Generationsist ein Unternehmen aus Großbritannien, das sich ganzheitlich mit Parkour, der Vermittlung sowie Wissenschaft und Außendarstellung in den Medien befasst .
9Eine JAM ist eine gemeinsame Trainingssession von Traceuren aus verschiedenen Orten .
1Geschichte und Definitionen
2Philosophie und Werte
3Community und Szene
4Rahmen und Ziele der Parkour-Lehre
5Grundlagen des sportlichen Trainings
6Grundlagen der Bewegungsvermittlung
7Biomechanik und Bewegungsverständnis
8Bevor es losgeht
Kapitel 3
COMMUNITY UND SZENE
Der moderne Parkour-Sport wurde durch Freundschaften entwickelt und geprägt. Dabei stand die gemeinsame Bewegung, die gegenseitige Herausforderung und der offene Austausch schon von jeher in seinem Fokus. Werte standen über Leistung, und die Inspiration über dem Gewinnen.
Fußend auf diesen Überzeugungen, ist so über die Jahre eine Kultur gewachsen, die vor allem eine begeisterte Community hervorgebracht hat, die sich selbst organisiert und definiert. Für sie ist Parkour mehr als nur ein Sport …
3.1Parkour: Ein Lebensstil
„Parkour ist mehr als nur ein Sport; es ist ein Lebensstil.“
Dieses Zitat hört man fast immer von Traceuren, wenn diese ihre Herzenssportart vorstellen und erklären dürfen. Sie sprechen fast poetisch über Parkour, und wie das Training ihren Lebensalltag, ihre Werte und ihre ganze Denkweise eingenommen und verändert hat. Begonnen bei der neuen Wahrnehmung ihrer direkten Umwelt, in welcher bedrückende Hindernisse zu spannenden Bewegungsmöglichkeiten wurden, über die neuerliche Auseinandersetzung mit sich selbst, bis hin zur Vernetzung mit Gleichgesinnten – teils weit über die eigenen Stadtoder Landesgrenzen hinaus.
Parkour formte ihre Weltanschauung und ihre Auseinandersetzung mit ebendieser.
© Georgij Sosunov
Abb. 7: Drei Traceure kundschaften neue Wege aus .
Während manche den Sport nun gar als Kunst verstehen, betonen andere vor allem die Freiheit, die ihnen Parkour geschenkt hat. Frei von gesellschaftlichen Konventionen, von den Regeln urbaner Architektur und von Institutionen, wollen sie ihren eigenen Weg bestimmen, indem sie die bekannten Gegebenheiten lernen, neu für sich zu definieren und zu nutzen.
Nicht selten scheinen ebendiese Menschen, die einmal eine derartige Sicht auf die Welt gewonnen haben, sie nicht mehr loslassen zu können. Eine Mauer wird für sie niemals mehr wieder „nur eine Mauer“ sein und auch soziale Werte, die mit Parkour einhergehen, wie Toleranz oder Nachhaltigkeit, werden ihr Leben fortan begleiten.
Aber nicht nur die eigene Entwicklung steht für viele Sportler im Vordergrund. Sie engagieren sich auch in der Parkour-Vermittlung, tauschen sich bei Reisen aus, organisieren ganze Events, gründen eigene Modemarken oder erstellen Filme und Videos für Gleichgesinnte. Authentisch und unabhängig wollen sie gemeinsam den Sport gestalten und definieren ihre Zugehörigkeit vor allem durch ihre aktive Teilhabe in der Gemeinschaft.
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