Richie Hensen steckte ihren Bankchip in die dafür vorgesehene Öffnung eines auf der rechten Seite des Eingangsbereichs dezent verborgenen Terminals zur Überprüfung der »finanziellen Würdigkeit«, wie es die Restaurants heute nannten. Unter den strengen Blicken des Oberkellners bestand Hensens Chipkarte den Test, und sie wurden an einen Tisch direkt am Ausgang Richtung Toilette geführt.
Ungefähr ein Viertel der Gäste waren die üblichen vermögenden Privatiers, die sich bevorzugt an den teuren Plätzen der Städte aufhielten, wenn sie nicht gerade in den klassischen europäischen Touristenfallen der Reichen unterwegs waren – Sankt Moritz, Genfer See, Gardasee oder Nizza; ältere gepflegte Paare, denen man die Zugehörigkeit zur freien Klasse nicht nur an ihrem betont distinguierten Verhalten, sondern auch an der Kleidung ansah: glitzernde, weit geschnittene Anzüge in gedeckten Farben bei den Herren und enganliegende, die schmalen Hüften und üppigen Brüste betonende Schlauchkleider bei den auf späte Twens gemachten Frauen.
Das Gros der Gäste bestand jedoch aus der Out-of-Net-Worker-Elite: in teure Elite-Worker-Fashion gekleidete Frauen und Männer um die 30, alles erfolgreiche Werber, Anlageberater oder Rationalisierungsconsultants, die mindestens 70 Stunden die Woche arbeiteten und haufenweise Geld verdienten.
Hensen und Di Marco hefteten ihren Blick sofort auf die Speisekarte, die anderen Gäste, die das unpassend gekleidete Trio kritisch beäugten, bewusst ignorierend. Babic musste sich erst orientieren und schaute fast schon hektisch um sich. Draußen hatte sie noch gedacht, alles sei wie früher. Doch jetzt wurde ihr klar, dass von dem Ort, an dem sie aufgewachsen war, in dieser Glitzerwelt aus Silber, dunkelbraunem Tropenholz und blau schimmerndem Marmorboden, nichts mehr übriggeblieben war. Sie warf einer Frau am Nebentisch, die sie kritisch musterte, einen bösen Blick zu und nahm frustriert die Speisekarte in die Hand.
Di Marcos Augen weiteten sich, als Babic der etwas blasierten Kellnerin ihre Bestellung aufgab. Das Miles leistete sich – wie einige der Szenerestaurants, die vor allem von Leuten mit Privatvermögen und Out-of-Net-Workern, wie man die in Lohn und Brot stehenden Einwohner bezeichnete, besucht wurden − noch immer Kellner und Kellnerinnen, statt auf günstigere Service-Servanten umzustellen.
Babic blickte fragend zu Hensen. »Äh, ich glaube, das kostet ein Vermögen?«
Hensen nickte aufmunternd, ein glückliches Grinsen auf dem Gesicht.
Babic zuckte mit den Schultern. »Ich möchte bitte den Cocos-Avocado-Salat als Vorspeise, einmal Ingwer-Curcuma-Spaghetti, dann Esparragos à la Plancha mit Blue-Veltin-Potato-Stripes und zum Schluss noch ein Tiramisu.«
»Mia hat ihr Stipendium in einem Semester aufgegessen«, feixte Hensen, für die die Preise im Miles dank eines dicken großelterlichen Erbes sowie geschickter und glücklicher Aktienspekulationen kein Problem waren. Obwohl sie sich solche Ausschweifungen selten leistete und mittlerweile fast die gesamten Aktiengewinne in Ausbildungsprojekte für Jugendliche aus OON-Familien, aus Familien der Out-of-Net-Gefallenen, steckte.
»Witzbold.«
Als das Essen kam, rang sich Di Marco dazu durch, eine Frage zu stellen, die ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge lag.
»Mia, du siehst irgendwie so, ich weiß nicht, so exotisch aus, wie …«, Di Marco zögerte, unsicher, ob er sich gerade lächerlich machte, »ach, ich weiß nicht.«
Hensens Stöhnen sprach Bände.
Babic lächelte schweigend. Sie war es gewohnt.
»Jetzt komm, erzähl schon. Du heißt doch Babic!«
Mia lehnte sich zurück. »Mein Vater ist zur Hälfte Ghanaer, zur anderen Hälfte Bosnier, dazu in Deutschland geboren und von Anfang an mit deutschem Pass. Meine Mutter ist eine Norddeutsche und sieht auch so aus. Und das Ergebnis ihrer Liebe bin ich. Außerdem muss ich solche Fragen ständig beantworten, also mach dir nichts draus.«
Di Marco schaute unglücklich drein, seine Frage schien ihm peinlich zu sein.
»Echt, ist schon okay!«, lächelte sie ihn an.
»Na gut.« Di Marco war nicht der Typ, dem etwas lange peinlich war, und er machte sich über seine vegetarische Moussaka her.
»Du, Di Marco«, auch Babic hatte Fragen, »woher hast du eigentlich im Supermarkt die Informationen über den Geiselnehmer gehabt?«
Di Marco grinste und bewegte seine Finger wie ein Pianist. »Magie!«
»Na klar. Komm, sag schon!«
»Das war eigentlich ganz einfach. 66 Prozent der Bevölkerung leben heute alleine. Wenn man bedenkt, dass der Typ im Supermarkt Dinge durch die Gegend schmiss, anstatt zu Hause seine Familie zu vermöbeln, lag die Annahme, dass er alleine lebt, doch ziemlich nahe.«
»Und dass er Physiotherapeut ist?«
»Hast du seinen Berufsverbandaufnäher an der Jacke nicht bemerkt?« Di Marco schüttelte den Kopf.
»Wie denn? Mein Kopf klemmte unter seinem Oberarm«, entgegnete Babic schnippisch. »Und seine Tante?«, hakte sie nach.
»Educated guess, sozusagen. Fast jeder Dritte hat eine Tante oder einen Onkel in den USA, darüber habe ich letzte Woche eine Studie gelesen. Außerdem lag ich damit ja nicht einmal richtig. Aber das hat er wohl nicht bemerkt.«
»Cool«, sagte Babic anerkennend.
»Wie heißt du eigentlich mit Vornamen, Di Marco?«, hakte sie nach.
Hensen kicherte. »Don Juan«, platzte sie heraus.
Di Marco warf ihr einen bösen Blick zu.
»Echt? Don Juan Di Marco? Feurig, feurig!«, amüsierte sich Babic.
»Quatsch, ich heiß Domuan, was auch immer das für ein Name ist, frag mich nicht. Wahrscheinlich wollten meine Eltern mich Domian nennen und haben sich vertan. Haben sie aber nie zugegeben. Richie Witzbold kam auf die Don-Juan-Idee, und seither muss ich mir diesen Scheiß ständig anhören.«
»Hast du ja auch verdient«, grinste Hensen, schob sich das letzte Blatt ihres kleinen Salats in den Mund, lehnte sich zurück und holte zufrieden eine Schachtel rauchfreier Nikotinsticks aus der Brusttasche ihrer Weste.
Als Babic die letzten Reste ihres Tiramisus vom Teller kratzte, zog Hensen bereits an ihrem zweiten Nikotin-Stick. Es war an der Zeit, Babic in den Fall, an dem sie vor allem arbeiten sollte, einzuweisen. Zwar begann ihre Arbeit offiziell erst morgen, und die Zuordnung von Fällen war eigentlich Burgers Sache, doch Vorinformationen konnten nicht schaden.
*
Exakt zur selben Zeit gab der zuständige Pathologe seinen Medizin-Servanten die Anweisung, dem aus den noch erkennbaren Teilen mühsam rekonstruierten Oberkörper des Jungen aus dem Supermarkt ein weißes Leichenhemd überzuziehen. Der Junge hatte sich als Sohn des amerikanischen Botschafters herausgestellt. Die Servanten hatten in seiner Geldbörse eine goldene Bankchipkarte gefunden und ihn in die pathologische Abteilung der Bundespolizei gebracht, in welcher für privat versicherte Opfer von Gewaltverbrechen eine spezielle Verstorbenen-Kosmetik angeboten wurde.
So sorgfältig sie den Jungen auch wieder hergerichtet hatten, so wenig half dies doch, als seine Mutter den Jungen identifizieren musste. »Das ist er«, sagte sie mit ruhiger Stimme und unbewegtem Gesicht und fiel in Ohnmacht.
Der leitende Untersuchungsbeamte der Stadtpolizei entschied sicherheitshalber, und da er sich angesichts der Herkunft des Jungen nicht traute, eine eventuelle terroristische Motivation des Geiselnehmers auszuschließen, den Fall der SBBK zu übergeben.
*
Hensen wusste von all dem noch nichts. Sie zog an ihrem Nikotinstick und sah Babic an, die sich gerade den letzten Löffel Tiramisu in den Mund schob.
»Was weißt du über Netzidentitäten?«
»Ich weiß, dass jeder über 18 eine Netzidentität braucht und zum normalen Pass einen Netzausweis bekommt.«
Dies geschah automatisch, per Zuteilung eines solchen durch die Bundesstaatlichen Netzverwaltungen, wobei man Wünsche hinsichtlich des Aussehens, des Namens und des Geschlechts äußern konnte. Die Netzidentität war die Grundlage der Virtual Work. Wenn man sich im Netz bewegte, ob man arbeitete oder sich vergnügte, dann im Normalfall mit dieser Identität, mit diesem Aussehen und mit diesem Geschlecht.
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