1 ...8 9 10 12 13 14 ...23 Man fragte sie oft, warum sie sich eigentlich nicht häufiger in der virtuellen Welt bewegte, die doch nicht nur Arbeit, sondern auch Zerstreuung und Unterhaltung ohne Ende zu bieten habe. Tja, sie konnte es nicht erklären. Leute wie sie und Hensen waren froh, wenn sie sich so viel wie möglich in der analogen Welt bewegen konnten. Vielleicht war es die digitale Übersättigung, vielleicht war es aber auch das Gefühl, dass buchstäblich alles, was man im Netz machte, überwacht wurde. Da beruhigte sie auch das Gesetz der Digitalen Verhaltensfreiheit nicht, das eine ganze Reihe der Strafrechtsnormen in der digitalen Welt aussetzte.
Sie ging lieber raus, ganz analog, Joggen, Spazieren, Skaten. Wie sie und Hensen waren auch eine Menge andere Leute unterwegs, Real-World-Worker, aber auch Virtual Worker, die sich lieber analog zerstreuten, als ihre Freizeit im Netz zu verbringen.
Als sie wieder zurückkam, machte sie sich frisch. Sie stand noch unter der Dusche, als der Rezeptionist des Hotels, in dem sie vorübergehend untergebracht war, anrief. Genau sieben Minuten brauchte sie, um sich abzutrocknen, anzuziehen und etwas zurechtzumachen.
Das BMW-E-Mobil der SBBK stand direkt vor dem Hoteleingang. Das E-Mobil war ein Dreisitzer, zwei Plätze hinten und ein Fahrersitz vorne.
Di Marco grüßte Babic lächelnd vom Rücksitz aus. Viel Platz war nicht mehr neben ihm.
Babic umarmte Hensen, bevor sie sich neben Di Marco zwängte. Hensen kletterte auf den Fahrersitz, schob sich routiniert den Sprechbügel ihres in die Sonnenbrille integrierten Mobile-Speakers vor den Mund und lehnte sich zurück.
Als sie Di Marco im Rückspiegel sah, der trotz allen Platzmangels zufrieden lächelte, drehte sie sich um und verwuschelte ihm die Haare. »Di Marco, deine Tolle ist immer noch wie frisch vom Friseur, vom Feinsten«, frotzelte sie in Anspielung auf seine Elvis-Obsession.
Di Marco grinste.
Wenige Minuten später fuhren sie über den Ku’damm. Dessen Straßenfläche war nach wie vor für E-Mobile mit Sonderzulassungen reserviert; die breiten Flanier- und Eventstreifen auf beiden Seiten wurden wie immer um die frühe Abendzeit von regelrechten Horden verschiedenster Nationalitäten überflutet: Touristen, Kauflustige, die ihr Bürgergeld verbraten wollten, Skater, Hopper, Chill-Boarder und Biker aller Art, und immer wieder ältere Menschen, die, an die Häuser gedrängt, um Essen oder ein bisschen Geld bettelten.
»Hey, Mia, schläfst du?«, riss Hensen ihre Freundin, die stumm aus dem Fenster schaute, aus deren Gedanken.
»Ich habe Hunger.«
»Gehen wir zu dir nach Hause.«
»Wie, nach Hause? Ich wohne noch im Hotel.«
»Ich meine ins Miles, da warst du bestimmt schon lange nicht mehr. Und du bist bestimmt gespannt, wie das heute aussieht.«
»Definitiv«, sagte Mia und verzog das Gesicht.
Das Miles war früher, als es noch John Babic, Mias Vater, gehörte, ein angesagter Berliner Szeneladen gewesen. Mia war gerade 17 und mit dem Abitur fertig gewesen, als John den Laden an eine Eventagentur verkaufte und in die USA übersiedelte. Seine Tochter hatte keine Lust gehabt mitzugehen, was sollte sie auch in den USA. Vorzeigeschülerin, die sie war – sie hatte den scharfen Verstand ihrer Mutter Marisa, einer Neurologin an der Charité, geerbt – lebte sie die unvermeidliche pubertäre Rebellion gegen den von ihr vergötterten, aber »voll abgefahrenen« Papa mit regelmäßig und gewissenhaft erledigten Hausaufgaben, einem klassenbesten Notendurchschnitt und schließlich der Aufnahme eines Hochbegabtenstipendiums für ein Psychologiestudium an der Europäischen Privathochschule Berlin aus.
Als ihre Eltern Deutschland verließen, blieb sie die ersten Jahre in einem Zimmer über dem Miles wohnen, ging aber nicht mehr in die Kneipe, die sowohl ihren Stil als auch ihre Klientel vollkommen gewechselt hatte und nunmehr zum Schickimicki-Treff der intellektuellen Rich-Young-Urban-Elite, den legitimen Nachfolgern der Yuppies, geworden war.
»Mia, sieh’s positiv. Ich lade dich ein.«
»Können wir da auch über den Fall reden, dessentwegen wir uns eigentlich überhaupt treffen wollten?«
»Klar, außerdem gibt’s ’ne tolle Küche, super Bedienungen, und auch Di Marco lassen sie rein, wenn er so schön lächelt.«
Als sie fünf Minuten gefahren waren, meldete sich Di Marco.
»Leute, ich habe Durst«, sagte er und zeigte auf einen Kiosk.
Hensen hielt, und Di Marco sprang aus dem E-Mobil.
»Was wollt ihr?«
»Mineralwasser.«
»Ich auch.«
Di Marco ging auf einen Bettler zu, der an einer Hauswand saß, und gab ihm High-Five. Der Bettler freute sich sichtlich, ihn zu sehen, offensichtlich kannten sich die beiden. Di Marco drückte ihm einen Geldschein in die Hand und ging weiter Richtung Kiosk, vor dem sich eine längere Schlange reihte.
Hensen und Babic hatten ihn beobachtet.
»Di Marco ist ein echt netter Typ«, begann Richie den Small Talk. Sie drehte sich auf ihrem Sitz herum, um Babic anschauen zu können. »Lass dich von seinem lässigen Auftreten nicht täuschen. Er ist eigentlich ein ziemlich ernsthafter Kerl, klug und belesen. Stipendium für Bioinformatik und Philosophie in Stanford, das er kurz vor dem Masterabschluss abgebrochen hat, warum auch immer. Freiwilliges Engagement in verschiedenen sozialen Brennpunkten in den USA und in Berlin, hat Bildungsprogramme für ökonomisch Benachteiligte mit aufgebaut und war lange Zeit politisch aktiv bei Protesten gegen Maßnahmen zur Totalüberwachung von Netzbewegungen.«
Sie lachte kurz auf. »Bei ihm konnte auch keiner verstehen, dass er sich freiwillig für das Quereinsteigerprogramm der Kripo gemeldet hat, weder seine ehemaligen Mitkämpferinnen und Mitkämpfer noch die neuen Kollegen.« Sie grinste. »Und er sieht nicht schlecht aus, oder?
»Ganz nett. Willst du mich verkuppeln?«
Babic schaute zur Schlange. Di Marco, der bereits bis zur Hälfte aufgerückt war, lächelte ihr zu. Er sah wirklich gut aus.
»Wie steht’s eigentlich bei dir, Richie?«, wandte sie sich wieder an Hensen.
Sie war gespannt, ob sich beziehungstechnisch etwas bei Hensen verändert hatte. Richie Hensen bezeichnete sich selbst als »nur mittelmäßig beziehungsfähig«. Aber seit einer Weile schien sich was mit Burger, ihrem Chef, anzubahnen.
Hensen zögerte.
»Ich weiß nicht, ob ich das jetzt erzählen soll …«
Babic schwieg, das beste Mittel, um zögernde Menschen zum Weiterreden zu ermutigen.
»Wir haben uns letzte Woche mal getroffen, privat zu Hause, meine ich«, fuhr Hensen schließlich fort.
Hensen blickte zur Schlange. Di Marco stand schon ganz vorne. Wie machte der das?
Sie drehte sich wieder zurück zu Babic.
»Wir haben uns zum ersten Mal richtig ausführlich unterhalten«, sagte sie leise und schaute Babic offen ins Gesicht. »Das war echt …«
Die Fahrertür wurde aufgerissen.
»So, Mädels, euer Wasser.«
*
Auf dem Weg zum Miles passierten sie die Zentrale des militärischen Generalstabs der European Treaty Organization (EUTO), deren Fassade in diametralem Gegensatz zu einigen vom Verfall bedrohten Nachbargebäuden stand. Dann fuhren sie am neuen KaDeWe vorbei, vor dessen Eingang ein ganzes Bataillon von Security-Servanten wachte, und dessen Exklusivität bereits durch das imposante neoklassizistische Eingangsportal weithin demonstriert wurde. Schließlich kamen sie am Café Miles an, das auf den ersten Blick seinen Stil typischer Berliner Szenekneipen des ausgehenden 20. Jahrhunderts beibehalten hatte. Hensen parkte direkt vor dem Eingang auf einem VIP-Parkplatz.
»VIP?« Babic runzelte die Stirn.
»Na klar«, grinste Hensen und ignorierte das digitale Räuspern der vor dem Restaurant postierten Security-Servanten, deren Bestimmung weniger im Abweisen von Gästen lag als in der Vermittlung eines Gefühls von Sicherheit für die Kunden, die es sich leisten konnten. Die hier servierte Küche im Stil der Super-Nouvelle-Cousine war für die meisten Netzarbeiter nicht nur unbezahlbar, sondern auch wenig attraktiv.
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