„[d]ie Praxis zeige, dass die Zahl der krankhaften Werte mit der Zahl der Untersuchungen zusammenhänge. Macht man bei jedem Menschen 5 Untersuchungen, sind vielleicht noch mehr als 95 % gesund. Bei 20 Untersuchungen sind es nur noch 36 % und bei 100 Untersuchungen ist mutmaßlich jeder Mensch krank. Da jeder krankhafte Wert weitere Kontrolluntersuchungen nach sich zieht, gibt es ab einem bestimmten Punkt kein Halten mehr. Daraus folgt: Gesund ist, wer nicht ausreichend untersucht wurde.“ 7
Das heißt, der sich vertiefende, sich in seinen ganzheitlichen Aspekten differenzierende Blick auf Gesundheit und Heilsein führt auch zu einer „mikrokosmischen“ Sensibilität in diesem Bereich – zu einer qualitativen Vertiefung der Erwartung an Überwindung der Beeinträchtigung durch Krankheit, fehlender Balance und Belastungen. Die Sehnsucht des Menschen, gesund zu sein und gerne wissen zu wollen, wie er dies erreichen kann, erklärt vielleicht so manchen Arzttermin, der unter Umständen gar nicht nötig wäre.
Mit dem Rückgang existenzieller körperlicher, seelischer und sozialer Bedrohungen geraten heute – auch das ist eine weitere, ergänzende Beobachtung – zunehmend milde Erkrankungen, Befindlichkeitsstörungen und Symptome in das Zentrum der Aufmerksamkeit von Betroffenen und des gesundheitsindustriellen Komplexes. In dieser Entwicklung liegt vielleicht auch der Grund, warum Naturheiler und Heilpraktiker zunehmend eine Rolle auf dem Feld der Erwartungen bezüglich der Gesundheit und des Wohlbefindens des Einzelnen spielen.
Die alternative Medizin befindet sich in einem solchen Ausmaß auf dem Vormarsch, dass in Europa bei steigender Tendenz jährlich etwa ein Drittel der Bevölkerung auf irgendeine Art und Weise diese Medizin in Anspruch nimmt; 8damit verbunden ist auch ein vermehrter Konsum von sogenannten Nahrungsergänzungsmitteln.
Kann man so – auch heute noch oder wieder – mit Platon formulieren: „Die ständige Sorge um die Gesundheit ist auch eine Krankheit“ 9?
1.1.3. Eine tatsächlich religiöse Tiefe der Sehnsucht?
Aus theologischer Perspektive drängt sich jedenfalls – und damit wird der Fokus der hier vorgelegten Untersuchung berührt – angesichts dieser Phänomene gegenwärtiger Erwartungen an Gesundheit, Medizin, Wellness und Heilpraxis die Frage auf, ob darin nicht eine nicht zu verdrängende „religiöse“ Tiefe menschlicher Sehnsucht zum Ausdruck kommt – und zwar mitten in der modernen Gesellschaft, die sich als säkularisiert und von gläubigen Interpretationen weitgehend befreit versteht. In den Spitzen der ganzheitlichen, quantitativen und qualitativen Vertiefung von Sehnsucht und Erwartung an Gesundheit und Medizin könnte sich die genuin religiöse Hoffnung auf eine transzendente Geborgenheit in Krankheit und Bedrohung zum Ausdruck bringen. Ohne diese Beschreibung schon zu sehr theologisch anspruchsvoll füllen zu wollen, lässt es sich vielleicht im Sinne eines ersten Vorverständnisses dieser Untersuchung so formulieren: Sehnt sich der kranke Mensch zunächst nach Gesundheit, so gibt sich offensichtlich sogar der gesunde Mensch mit seinem Wohlbefinden nicht zufrieden. Wer kann schon von sich selbst sagen, er fühle sich vollkommen wohl? Und selbst der, der darum zu beneiden ist, wird eine Sehnsucht nach mehr verspüren, ganz gleich wie unterschiedlich er dieses „Mehr“ beschreibt oder auch gerade nicht beschreiben kann.
Man könnte in diesem Sinne noch einmal eine Beobachtung aus der gegenwärtigen Alltagswelt herausstreichen: „ Heil fasten“ wird von immer mehr Menschen praktiziert, die als Voraussetzung für dieses (oft gemeinsame) Unternehmen gesund sein müssen. Drückt sich schon in dieser Voraussetzung eine Sehnsucht nach mehr als nur Gesundheit aus? Über unterschiedlich lange Zeitabschnitte begibt man sich ja gemeinsam auf einen Weg, der – wie der Name sagt – nicht nur Gesundheit, sondern Heil verspricht. Und auch hier steht noch einmal diese Beobachtung der Konvergenz zwischen körperlichen und spirituellen Anliegen in Frage: Anziehend und verheißungsvoll klingen in jedem Fall für die meisten Menschen Worte wie „ganzheitlich“ oder „Selbstheilungskräfte“. Körperliches und seelisches Wohlergehen sollen zusammengeführt werden. Fasten in Verbindung mit Meditation und Reflexion versprechen ganz offensichtlich mehr als nur (körperliche) Gesundheit.
Auf der Ebene anthropologischer Grundannahmen formuliert könnte dies heißen: Diese Sehnsucht nach mehr (als nur Gesundheit) scheint den Menschen auszuzeichnen, wobei er sicher den Inhalt seiner Sehnsucht nicht immer in Worte fassen kann. Heilfasten scheint ein Weg zu sein, dieser nur schwer fassbaren Sehnsucht auf die Spur zu kommen.
Hier aber kommt die einzigartige Beziehung zwischen den Begrifflichkeiten „Gesundheit“ und „Heil“ – sie wird die vorliegende Untersuchung signifikant beschäftigen! – in einer ersten Wahrnehmung in den Blick. Der Ausspruch: „Der Gesunde hat viele Wünsche, der Kranke nur einen!“ wird meist nur auf den kranken Menschen bezogen, der sich (als einzigem Wunsch) nach Gesundheit sehnt. So verständlich das (vielleicht) ist, so zielt dieser Ausspruch doch auch auf die vielen Wünsche und Sehnsüchte, die der gesunde (aber letztlich wohl jeder, auch der kranke) Mensch hat. Was in der Krankheit zum einzigen Ziel wird, die „Gesundheit“, das scheint in der Gesundheit zum Inbegriff einer irgendwie ebenso unbedingt erhofften Integrität zu werden, welche diese zugleich unbestimmt überschreitet – zum „Heil“.
Auf diesem Hintergrund lässt sich vielleicht vorläufig festhalten: „Heil“ ist sicher eine Umschreibung dessen, was weit über den Zustand der Gesundheit hinausgeht und wonach sich sowohl der kranke als auch der gesunde Mensch sehnen kann. Gewiss scheint dabei zu sein, dass „Heil“ nicht mit „Gesundheit“ gleichgesetzt werden darf, was möglicherweise, aber eben missverständlicherweise der Begriff „ Heil ung“ als der Weg von der Krankheit zur Gesundheit nahelegen könnte.
Oder in einer Art unmittelbaren, negativen Heuristik ausgedrückt: Würde man Heil mit Gesundheit identifizieren, dann hätte der vermeintlich gesunde Mensch keine Sehnsucht mehr nach Heil und bliebe zudem vor jeder „Unheilserfahrung“ bewahrt; nur der kranke Mensch „wüsste“ dann noch, was Sehnsucht nach Heil bedeutet.
Auch hier kann, wenn man so will, noch einmal die Analyse der Alltagssprache behilflich sein, um ein erstes Problembewusstsein, ja Vorverständnis abzusichern: Wenn die Sprache den Menschen verrät, dann gilt: „Heilfroh“ kann sowohl ein gesunder als auch ein kranker Mensch sein, genauso wie der Mensch in beiden gesundheitlichen Situationen „Heilserlebnisse“ und „Heilserfahrungen“, aber auch „Unheilserlebnisse“ und „Unheilserfahrungen“ haben kann.
Die Sehnsucht des Menschen nach Heil als etwas, das weit mehr als Gesundheit ist, kommt in diesem Sinne offensichtlich in unzähligen und vielfältigen Werken in Literatur, Musik, Theater, Malerei etc. zum Ausdruck. Etwas pointiert gesagt: Der Traum von einer „heilen Welt“ scheint „in dieser Welt“ nie ausgeträumt werden zu können.
1.1.4. Die gegenwärtige (theologisch-)ethische Bewertung: Die These von der Gesundheit als Ersatzreligion
Die Fülle der Aspekte, die mit dieser Beziehung zwischen Gesundheit und Sehnsucht nach Heil verbunden sind, lässt sich hier im einleitenden Blick auf das alltägliche Lebensgefühl nur andeuten. In Bezug auf die moraltheologischen Fragestellungen aber bleibt ein letzter Hinweis: Auch wenn die Unterscheidung zwischen Heilung und Heil im allgemeinen Bewusstsein der Gegenwart in diesem Sinne präsent ist, wertet eine (theologisch-)ethische Analyse die gegenwärtigen Tendenzen schließlich sogar als eine Entwicklung, in der die Wünsche an die Gesundheit die Rolle einer „Ersatzreligion“ 10einnehmen würden.
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