Von meinen Mädchen, die sich immer wieder zu ihm drängten, nahm er keine Notiz. Erst Tanja schaffte es, mit Falco ins Gespräch zu kommen. Tanja war ein schlankes, blasses Mädchen. Sie sah so unschuldig aus, als hätte sie sich von der Betstunde kommend in die Bar verirrt. Doch das täuschte. Tanja war intelligent und schlagfertig. Manchmal übertrieb sie es auch und wurde richtig frech.
Es dauerte nicht lange, und sie setzte sich zu Falco an die Bar, begleitet von den neidvollen Blicken der anderen Mädchen. Ich kannte Tanja gut genug, um zu wissen, dass sie zu ihm passte. Denn auf seine herablassenden, snobistischen Sprüche würde sie mit stoischer Gelassenheit antworten.
Genau das tat sie auch. Sie hielt dagegen, aber nicht zu viel. Sie provozierte ihn, aber wohldosiert. Am Ende zogen sich die beiden in mein exklusivstes Séparée zurück, in den Roten Salon.
Falco kam immer öfter in die Bar. Ich hatte das intensive Gefühl, dass ihn mehr herzog, als die Lust aufs Nachtleben, auf schöne Mädchen und auf die Möglichkeit, sich hemmungslos zu inszenieren. Da war etwas, das über diese Dinge hinausging, etwas, das ihn an meiner Bar faszinierte. Doch was genau ihn hier so in den Bann zog, konnte ich nicht erklären.
Ich beobachtete ihn, wie ich alle Gäste beobachtete, um sicherstellen zu können, dass er sich wohlfühlte. Gleichzeitig hoffte ich, dadurch irgendeinen Anhaltspunkt zu bekommen, was ihn an meiner Bar so begeisterte.
Falco bestellte immer Jack-Daniel’s-Whiskey für sich, und für die Mädchen Champagner. An seiner herablassenden Art änderte sich nichts. Einige Nächte widmete er sich demselben Mädchen, um es dann ganz plötzlich links liegen zu lassen und nicht mehr zu beachten und sich ausschließlich mit einem anderen zu beschäftigen. Doch selbst dieses unverschämte, flegelhafte Verhalten verhinderte nicht, dass ein Mädchen nach dem anderen sein Herz an ihn verlor.
Wie kann man sich nur in einen Mann mit solchen Manieren verlieben, dachte ich. Ich verstand das zwar nicht, aber ich akzeptierte es. Der Gast war zufrieden, und die Mädchen waren selber schuld, wenn sie nicht professionell die Grenze zogen. Trotzdem konnte ich mir eines Abends ein Kopfschütteln nicht verkneifen, als er sich den Mädchen gegenüber wieder besonders rüpelhaft benahm.
Falco bemerkte meinen Unwillen. Er bat mich zu seinem Tisch. Ich wusste, warum. Trotzdem gab ich die Unwissende. Ich lächelte ihn an. »Was ist denn, Hans?«, fragte ich. »Ist bei dir alles in Ordnung?«
Er nahm einen kräftigen Schluck Jack Daniel’s, direkt aus der Flasche. Es war, wie zumeist, bereits die zweite an diesem Abend.
»Warum schüttelst du den Kopf?«, fragte er. »Was mache ich falsch?«
»Du solltest die Mädchen nicht so von oben herab behandeln«, hielt ich ihm entgegen. »Du lebst doch auch in gewisser Weise von ihnen. Sie kaufen alle deine Platten.«
Er nahm noch einen Schluck Whiskey. Es schien, als würde er sich meine Worte zu Herzen nehmen. »Du hast recht«, sagte er dann auch. »Könntest du bitte die Musik etwas leiser machen? Ich möchte dazu etwas sagen.«
Obwohl es mir seltsam vorkam, dass sich Falco, der in meiner Bar sonst eher unter seinen Freunden blieb, an alle Gäste wenden wollte, erfüllte ich ihm seinen Wunsch und machte die Musik leiser. Die Bar war voll, jeder Tisch besetzt. Alle Augen richteten sich auf ihn, als er sich erhob. Er stellte die Whiskeyflasche ab und ging zu unserer kleinen Bühne.
Die Bühne in meiner Bar war ein kleines Podest in einer Nische. Dort wurde oft und gern getanzt. Die Mädchen drehten sich allein zur Musik oder sie tanzten mit den Herren. Besonders am Donnerstagabend, dem traditionellen »Herrenabend«, an dem immer Boogie-Musik auf dem Programm stand, wurde die Bühne stark frequentiert.
Eines Abends war auf der Bühne der Teufel los. Eines meiner Mädchen tanzte mit einem Gast zu den Liedern des Musicals »Das Phantom der Oper«. Die beiden machten das wirklich gut. An einem der Tische saß ein Herr allein bei einem Glas Champagner und beobachtete die Darbietung. Ich ging auf ihn zu. »Sie sitzen so allein hier, mein Herr«, sagte ich. »Darf ich Ihnen eine Dame schicken, die Ihnen Gesellschaft leistet?«
»Nein, danke«, antwortete der nette Gast. »Ich warte, bis das Programm zu Ende ist.«
Er dachte tatsächlich, dass wir hier in der Bar auf der Bühne eine professionelle Show bieten.
In meiner Bar ging es ja auch um Unterhaltung. Es war nicht so, dass die Gäste sofort mit einem Mädchen im Séparée verschwanden. Es gab Herren, die sich davor stundenlang in der Bar amüsierten, die tanzten und sangen. Manchmal dachte ich, dass diese Männer ein recht unglückliches Leben haben mussten, wenn sie nur hier bei mir richtig Spaß haben konnten.
Nun stellte sich Falco auf die Bühne und ich nahm an, dass er nach meinen mahnenden Worten etwas Verbindliches sagen würde, vielleicht etwas Selbstkritisches, etwas in der Art, dass es ihm hier gefiel, dass er allen dankbar für das gute Service und die freundliche Behandlung war, und dass er sich bessern wolle. Doch Falco war ein Mann der Überraschungen.
Da stand er nun, alle schauten zu ihm und jeder wartete auf seine Rede. Doch es kam anders. Langsam knöpfte Falco den Hosenschlitz seiner Jeans auf. Dann holte er sein bestes Stück hervor, das, wie mir die Mädchen schon berichtet hatten, von ansehnlicher Größe war. Ja, und dann pinkelte Falco auf die Bühne.
Alle waren fassungslos. Ich auch. Doch im Gegensatz zu den anderen musste ich etwas tun. Schließlich war ich die Chefin. »Hans«, sagte ich, während er noch pinkelte, »was machst du da?«
Er schnauzte mich an. »Halt den Mund«, rief er. »Du kannst dir deine Huren in den Arsch schieben. Ich brauche euch alle nicht.«
Das war zu viel. Ich erteilte ihm Lokalverbot, was auch sonst. Eine so strikte Maßnahme war ungewöhnlich, denn ich hatte ein großes Herz und sah über Verfehlungen der Gäste eher hinweg, zumal dann, wenn sich ein Herr entschuldigte. Falco dachte aber nicht daran, um Verzeihung zu bitten. Und so blieb ich hart, auch wenn es sich bei ihm um einen international erfolgreichen Popstar handelte.
Mir war schon damals klar, dass Falco große Probleme hatte. Ich bin empathisch, ich fühle mich leicht in Menschen ein, deshalb ahnte ich, dass sich hinter seiner arroganten Maske eine verletzte Seele verbarg. Heilung suchte er nicht im Hellen und Positiven, ihn zogen das Dunkle, die Abgründe und die Exzesse an. Dazu gehörte Alkohol, der seine Schwierigkeiten noch verstärkte.
Bereits zwei Nächte später konnte sich Falco nicht mehr an seinen skandalösen Auftritt und dessen Konsequenz erinnern. Er klopfte wieder am Portal meiner Bar. Die schwere Eingangstüre, außen in dunklem Schönbrunner-Grün lackiert und innen rot tapeziert, war stets verschlossen. Erst nach einem Blick durchs Guckloch entschieden die Mädchen oder ich, ob ein Herr eingelassen wurde. Als Falco draußen stand, schickte ich ihn weg. Er gebärdete sich wie ein abgewiesener Liebhaber, raunzte und bettelte, war beleidigt und verletzt. Das war Falco in einer völlig neuen Rolle. Und zum ersten Mal war er mir sympathisch. Ich fühlte mit ihm, und ich war sicher, dass ich mit meiner schon lange gehegten Vermutung recht hatte. Er war nicht wie die anderen Gäste, die in meine Bar kamen, um Spaß zu haben, sich wohlzufühlen und sich mit den Mädchen zu vergnügen. Falco zog noch etwas anderes hierher.
Aber ich konnte ihn nicht hereinlassen. Er hatte Lokalverbot. Aus gutem Grund, er hatte auf meine Bühne gepinkelt. Es musste Grenzen geben, vor allem im Nachtleben, und die Einhaltung dieser Grenzen musste kontrolliert werden. In meiner Bar sorgte ich dafür. Hätte ich Falco seine Entgleisung durchgehen lassen, wären vielleicht andere Gäste auf die Idee gekommen, sich auch so schlecht zu benehmen. Wer weiß, welche Gespenster ich da geweckt hätte.
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