Nicht allen Mädchen, die bei mir arbeiteten, schafften danach den Sprung in ein glückliches Leben. Doch Manuela scheint das gelungen zu sein. Bei mir in der Bar verliebte sie sich in einen Bauunternehmer. Mittlerweile haben sie und der Herr zwei Kinder. Ob ihr Leben glücklich ist, kann nur sie selbst sagen. Aber ich glaube, dass sie es gut getroffen hat.
Wenn ich sie das nächste Mal sehe, werde ich sie aber auf alle Fälle fragen, was aus Charlie Sheens Calvin-Klein-Unterhose geworden ist.
Diskretion war für mich immer das oberste Gebot, sie stand stets an erster Stelle meines Ehrenkodex. Niemals, wirklich niemals, würde ich den Namen eines Herrn nennen, der Gast in meinem Etablissement war. Eine Ausnahme mache ich aber, wenn Gäste selbst ganz offen in den Medien über ihre Vorliebe für die Bar gesprochen und sich dazu bekannt haben, dass sie meinen Nachtclub gern besuchen. Was die Namen der übrigen Herren betrifft, sind meine Lippen für ewige Zeit versiegelt. Keiner meiner Gäste soll jemals wegen der angenehmen Stunden, die er in Ninas Bar genossen hat, Schwierigkeiten bekommen. Keiner soll sich für diese schöne Zeit rechtfertigen müssen.
Von Anfang an wollte ich mit meinem Nachtclub einen Mikrokosmos der Entspanntheit und Behaglichkeit schaffen, der nichts mit der Alltagswelt vor der Eingangstüre zu tun hat. Hier sollten die Gäste in ein Märchenland abtauchen und Abenteuer erleben können. Die Herren mussten aber sicher sein, dass sie diese aufregenden Episoden ihres Lebens, die Befriedigung ihrer innersten Sehnsüchte, im Kreis von zutiefst loyalen Freunden genießen konnten. Meine Mädchen und ich wurden diesem unausgesprochenen Wunsch nach absolutem Vertrauen von Anfang an gerecht. Die Herren wussten, dass nichts, was in der Bar geschah, nach außen drang.
Dass sich die Gäste unserer Verschwiegenheit gewiss waren, erwies sich als äußerst zuträglich fürs Geschäft. Denn die Gäste bedankten sich für unser Stillschweigen und die Intimität, die sie in meiner Bar genossen, oft mit unglaublicher Großzügigkeit. Sie orderten den besten Champagner, ließen die edelsten Tropfen in Strömen fließen. Mancher Gast badete im wahrsten Sinne des Wortes darin. Ich erinnere mich an einen Herrn, der den Jacuzzi eines Séparées mit Champagner füllen ließ.
Charlie Sheen, über dessen Besuch in meiner Bar ich eingangs erzählt habe, fällt nicht unter meine selbst auferlegte Verschwiegenheitspflicht. Er hat mit Journalisten darüber gesprochen, wie gern und wie oft er bei mir Gast ist. Und das hat er nicht nur einmal getan. Deshalb habe ich mich entschlossen, diesem Buch meine Erinnerungen an ihn voranzustellen. Immerhin ist er ein Hollywoodschauspieler, ein internationaler Star, und es ist doch schön, wenn ein so prominenter Herr die Geschichte meines Lebens, meine Memoiren, eröffnet. Die Erlebnisse mit Charlie Sheen zeigen ja auch, wohin mich mein Schicksal geführt hat. Ich wurde Europas letzte echte Puffmutter, das war meine Bestimmung. Ich werde Sie auf eine Reise in die Vergangenheit mitnehmen, Ihnen erzählen, wie es dazu kam, und was ich alles in meiner Bar erlebt habe.
Die Episode mit Charlie Sheen habe ich Ihnen zum Aufwärmen serviert. Damit Sie wissen, woran Sie hier sind. Damit Sie eine Vorstellung haben, was Sie erwartet, wenn ich Sie aufs schlüpfrige Parkett des Wiener Nachtlebens der vergangenen dreißig Jahre bitte.
Halt. Schlüpfrig ist eigentlich nicht das richtige Wort, um mein Etablissement und meine Mädchen zu beschreiben. Sage ich schlüpfrig, schwingt etwas Anstößiges, Unanständiges, Ordinäres und Billiges mit. Und weder die Mädchen, die bei mir gearbeitet haben, noch das Ambiente meiner Bar wurde diesen Begriffen gerecht. Ja, die Mädchen boten auch Liebe an, aber eine Art der Liebe, die vermutlich ehrlicher war, als dies oftmals im Alltag der Fall ist.
Ich werde Ihnen wilde und groteske, abenteuerliche und lustige, tragische und weise Geschichten über einige der mehreren Hundert Mädchen erzählen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten bei mir gutes Geld verdient haben. Dass es in meinem Etablissement nie schlüpfrig wurde, ist sicher auch meiner Auswahl dieser Damen zu verdanken.
Wenn sich ein Mädchen bei mir vorstellen kam, gab es ganz klar definierte Kriterien, die sie zu erfüllen hatte. Hübsch sollte sie sein und Ausstrahlung und Charisma haben. Fröhlichkeit musste sie mitbringen, ein positives Wesen. Und nach Möglichkeit sollte sie intelligent sein und mehrere Sprachen beherrschen. Völlig nebensächlich war dagegen ihre Herkunft; ob sie aus einer wohlsituierten Familie kam oder aus einer unteren sozialen Schicht, war mir egal. Eine untergeordnete Rolle spielte auch das Alter. Obwohl ich doch gern Anfängerinnen nahm, die noch nie in diesem Gewerbe gearbeitet hatten, denn sie ließen sich leichter nach meinen Wünschen und zu ihrem Vorteil formen.
Um herauszufinden, ob ein Mädchen meinen Vorgaben entsprach, vertiefte ich mich in ein Gespräch mit ihr, um es besser kennenzulernen. Ich erkannte rasch, ob eine Dame in meine Bar passte, denn ich betrachtete die Bewerberinnen aus meiner ganz eigenen Perspektive, ich nannte sie Stein-Perspektive. Diese Betrachtungsweise hatte drei Kategorien, in die ich die Mädchen, die sich vorstellten, einteilte. Es gab rohe Edelsteine, die sich in kurzer Zeit zu perfektem Glanz schleifen ließen. Es gab Halbedelsteine, die mit Geduld und Liebe ebenfalls zu recht ansehnlichen Schmucksteinen werden konnten. Es gab aber auch die Pflastersteine, bei denen jede Mühe vergeblich wäre, sie würden nie glänzen.
Zumeist entschied ich mich für Rohdiamanten, die noch geschliffen werden mussten. Im Formen dieser Mädchen habe ich mir in den Jahrzehnten, während ich die Bar betrieb, unendliche Geduld antrainiert. Ich nahm die jungen Damen also unter meine Fittiche und arbeitete mit ihnen zuerst an ihren Umgangsformen und an ihrem Aussehen.
Ich erklärte ihnen, wie sie sich den Gästen gegenüber zu benehmen hatten, dass ich von ihnen erwartete, dass sie höflich und freundlich sind und gut zuhören können müssen. Ich zeigte ihnen auch, wie man Champagner einschenkt und Drinks serviert.
Wichtig war natürlich ihre optische Erscheinung. Hatte ein Mädchen schlechte Zähne, schickte ich sie auf meine Kosten zum Zahnarzt. Die Arbeit in meiner Bar sollte ja nicht an ihrem Friedhof im Mund scheitern, wenn sonst alles passte. Für manche Mädchen vereinbarte ich einen Termin beim Friseur. Denn sie sahen zwar hübsch aus, aber erst eine neue Haarfarbe oder eine schicker Schnitt machten sie zum unverwechselbaren Typ. Außerdem erteilte ich den jungen Damen eine Lektion in Körperpflege. Sie mussten sich gründlich und regelmäßig baden, ihre Fingernägel und ihre Haare pflegen und frisch duften.
Wohlgerüche waren mir immer besonders wichtig. In meinem Etablissement legte ich nicht nur Wert auf absolute Sauberkeit, da durfte kein Staubkörnchen auf der Theke liegen, ich ließ sogar die Champagnerflaschen polieren, ehe sie gekühlt wurden, sondern es musste auch herrlich duften. Für das angenehme Aroma sorgten riesige Arrangements weißer Lilien, meine Lieblingsblumen, die ich regelmäßig liefern ließ, und der sinnliche Geruch der Duftkerzen, die jeden Abend entzündet wurden, bevor die ersten Gäste kamen. Natürlich erwartete ich auch von meinen Mädchen, dass sie ein exklusiver, frischer, sanft-blumiger Duft einhüllte. Bei den Parfums kam nur das Beste vom Besten in Frage. Ich ließ Flakons der großen Marken wie Hermès und Chanel bringen und die Mädchen konnten sich ihr Lieblingsparfum auswählen.
Düfte spielen für mich von frühester Kindheit an eine große Rolle. Ich erinnere mich noch immer an den frischen Geruch, der meine Mutter umgab. Als junges Mädchen las ich in einem Buch den Satz »Es hat nach billigem Parfum gerochen«. Ich sprach mit meinem Vater darüber und er erklärte mir den Unterschied zwischen minderwertigen und teuren Essenzen, aus denen Düfte hergestellt werden. »Wer sich kein edles Parfum leisten kann, sollte sich auf Wasser und Seife beschränken«, sagte er. »Wenn du einen Duft trägst, dann muss er fein und feminin sein.«
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