Spannung zwischen Konsumverhalten und Eigenverantwortung
Berufliche Weiterbildung findet oft abends und in der Freizeit statt. Die Motivation, aktiv zu werden und im Unterricht mitzumachen, ist häufig gering.
Und doch ist aus der Lernpsychologie bekannt, dass einzig aktives Lernen zum Lernerfolg führt. Mit methodischer Abwechslung ist es möglich, Lernende optimal zu aktivieren. Welche Methoden sich im theorielastigen Unterricht besonders bewährt haben, lesen Sie in Kapitel 7.
Spannung zwischen Theorie und Praxis
Oft äussert sich die Spannung zwischen Theorie und Praxis so, dass die Lernenden für die Prüfung (die Theorie!) etwas anderes lernen müssen, als die Lehrperson bei Fallbeispielen oder Erfahrungen erklärt («In der Praxis machen wir es so …»). Die Aufgabe der Lehrperson ist es, Brücken und Analogien zwischen Wissenschaft, Praxis und Prüfungsstoff aufzuzeigen ( Kapitel 5) und die Lernenden auf die Grenzen einer Theorie aufmerksam zu machen: dass es immer verschiedene Sichtweisen gibt (Kapitel 13) und dass in Alltagssituationen oft zusätzliche Einflussfaktoren wirken, die ein angepasstes Handeln verlangen.
Gehört haben heisst nicht wissen, wissen heisst nicht verstehen, verstehen heisst nicht können, können heisst nicht einordnen, einordnen heisst nicht beurteilen können.
Dieser Lehrspruch weist auf ein weiteres Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis hin, das unmittelbar mit dem Auf bau des Unterrichts zu tun hat. Sollen die Teilnehmenden kompetent ihr Wissen und Können in den Alltag übertragen, dann wird das mit Vorträgen, Referaten, Präsentationen nicht funktionieren. Die Lernenden müssen Gelegenheit erhalten, das Wissen anzuwenden, zu üben, in die Praxis zu übertragen, Zusammenhänge und Strukturen zu erkennen und das Neue mit dem bereits Bekannten zu verbinden. Als Lehrperson legen Sie daher fest, was die Teilnehmenden mit Ihrem Unterricht erreichen sollen, sie definieren in den Zielen, ob es um Wissen, um Anwendung, um Begründung und Beurteilung geht ( Kapitel 5). Entsprechend wählen Sie Unterrichtsformen, in denen die Lernenden die vorgegebenen Ziele erreichen können.
Zu jedem Thema gibt es allerdings auch Informationen oder Theorien, die – vielleicht sogar auswendig – gelernt werden müssen. Dies kann die Lehrperson nicht für die Lernenden erledigen – Lernen findet immer bei den Lernenden statt. Und selbst wenn gut gelernt wurde: Das meiste davon wird sofort wieder vergessen. Um Gelerntes nachhaltig zu speichern, muss es regelmässig repetiert werden (nach wenigen Stunden, nach wenigen Tagen, nach wenigen Wochen) (Kapitel 8).
Spannung zwischen Unterrichtsmaterialien und Unterrichtsgestaltung
Laptop, Tablet und Smartphone
Wenn Sie im Unterricht mit elektronischen Geräten arbeiten, hat das einen direkten Einfluss auf die Stimmung und die Interaktionen unter den Lernenden. Sie sollten dem Praxisbezug, der Anschaulichkeit und dem Arbeitsklima hierbei besondere Beachtung schenken, damit sich die Lernenden mit allen ihren Sinnen einbringen können. Probehandeln, Fehler machen, Anschaulichkeit, Rhythmus und Erfahrungsaustausch sind menschliche Bedürfnisse, die beim Unterrichten und Lernen zentral sind.
Probehandeln : Menschen probieren zwar sehr gerne aus, aber zielloses Ausprobieren führt in die Sackgasse. Sowohl bei einer Internet-Recherche als auch beim Erstellen einer Präsentation oder beim Schreiben eines Wiki-Beitrags sollten Sie einen klaren Rahmen abstecken und Hilfestellungen geben.
Fehler : Meistens funktionieren die Geräte und Anwendungen genau dann nicht, wenn man sie dringend braucht. Als Lehrperson sind Sie das Vorbild im Umgang mit Fehlern und Nicht-Funktionieren. Palavern Sie nicht über Schuld und Dummheit, sondern zeigen Sie Lösungswege auf.
Anschaulichkeit : Innere und äussere Bilder stimmen selten überein. Was der Lernende in seinem Kopf sieht, ist oft nicht das, was er am Bildschirm bekommt und auch nicht das, was er eigentlich wollte. Eine Präsentation mit dem Beamer sorgt dafür, dass der Stoff noch weniger anschaulich wird – die Gelegenheit, selbst zu handeln und eigene Vorstellungen zu entwickeln, wird daher im elektronisch unterstützten Unterricht noch wichtiger.
Rhythmus : Ein PC erledigt Aufgaben, für die wir viel Zeit brauchen (z. B. hundert Adressen nach Wohnort und Strassennamen sortieren), in Sekundenbruchteilen. Damit diktiert er uns Menschen seinen Rhythmus – es besteht die Gefahr, dass wir unsere Sinnlichkeit, unsere Körperempfindungen und unsere Gefühle während der Arbeit am Computer unterdrücken und die rechte Hirnhälfte ausschalten. Diese bräuchten wir aber dringend, um Probleme kreativ lösen zu können und Informationen zu vernetzen. Im Unterricht sollte die Lehrperson also dafür sorgen, dass die Lernenden so oft wie möglich in ihrem eigenen Rhythmus, kreativ und vernetzt arbeiten und lernen können.
Erfahrungsaustausch : Erkenntnisse und Erfahrungen müssen in Worte gefasst werden, Menschen lernen beim Miteinander-Reden. Die Maschine steht den Menschen bei dieser Interaktion eher im Weg. Eine methodische Idee zur Unterrichtsgestaltung, die genau diese Interaktion fördert, ist der Flipped Classroom. Davon ausgehend, dass mittlerweile fast alle Teilnehmenden Zugang zu digitalen Inhalten haben, wird bei dieser Methode die Erarbeitung der theoretischen Inhalte den Teilnehmenden übergeben: Sie erledigen diese eigenverantwortlich zu Hause, bevor im Unterricht dann Erkenntnisse diskutiert und praktische Anwendungen untersucht oder Ideen umgesetzt und konkret geübt werden. Natürlich ist auch das Umgekehrte immer noch möglich: Nach der theoretischen Auseinandersetzung im Unterricht erproben die Teilnehmenden die Inhalte konkret in der Praxis, an eigenen Situationen, durch Beobachtungsaufgaben usw. und bringen die Erkenntnisse wieder zurück in den Präsenzunterricht. Diese Vorgehensweise ist bei weniger lerngewohnten Teilnehmenden angezeigt.
Beamer, Visualizer und Smartboards
Der gewohnheitsmässige Einsatz von (Folien-)Präsentationen birgt die Gefahr, dass die Lernenden überwiegend zum passiven Aufnehmen gezwungen werden. Die Einflussnahme der Lernenden ist eingeschränkt, Blickrichtung und Tempo sind vorgegeben. Visualizer bieten die Möglichkeit, aufzulockern und Lernende eigene Skizzen usw. auf schnelle Art und Weise in den Unterricht einbringen zu lassen. Dank der dazugehörigen Software können solche spontan erzielten Unterrichtsbeiträge sofort gespeichert und auf Lernplattformen geteilt werden.
Pinnwände, Flipcharts und Plakate
Je grösser die Räume und die Anzahl der Lernenden, desto schwieriger wird bei diesen Medien die Lesbarkeit für alle. Grosse Räume mit viel freiem Platz bieten dafür die Chance, in kleineren Gruppen verteilt zu arbeiten und das Material wie in einer Ausstellung hängen zu lassen. Für das Protokoll muss es dann nur noch fotografiert und auf die Lernplattform gestellt werden.
Ein Selbsttest: Wie gut gelingt Ihnen die konkrete Unterrichtsgestaltung?
Testen Sie hier Ihre Unterrichtspraxis. Je mehr Fragen Sie mit «eher nicht» beantworten, desto eher sollten Sie eine methodisch-didaktische Weiterbildung ins Auge fassen. In diesem Buch finden Sie Hinweise, wie Sie Ihre Unterrichtspraxis verbessern können.
Den Test finden Sie auch bei den Materialien zum Buch unter http://mehr.hep-verlag.ch/lehren-kompakt-1, auch in einer Variante für Lehrpersonen, die vorwiegend am PC schulen. Der Test basiert auf den Grundsätzen von Norbert Landwehr (2008) und auf methodischen Anregungen von Gerbig/Gerbig-Calcagni.
1.Vermittlung von Kenntnissen und Umsetzungsmöglichkeiten
Im Theorieunterricht geht es vorwiegend um Kenntnisse und die Fähigkeit zur Umsetzung/Übertragung auf neue Situationen. Die Lehrperson richtet ihr Augenmerk deshalb mit Vorteil darauf, wie sie die Theorie/die Kenntnisse in lerngerechter Dosis und Form darbringt. Reines Wissen sollte schriftlich vorliegen. Die Theorie soll in Form von Überblick, Zusammenhängen und Strukturierung vermittelt/erarbeitet und die Umsetzung mit ausreichend komplexen Fallbeispielen und Übungsaufgaben mit anschliessender Präsentation geübt werden.
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