Qualität
Berufliche Weiterbildung wird daran gemessen, ob die Prüfungen bestanden werden und ob das erworbene Wissen in der Praxis umgesetzt werden kann. Die Lernenden sollen zu Selbstständigkeit und Zusammenarbeit befähigt werden. Die Schulung soll nach neuesten Erkenntnissen der Lernpsychologie und Didaktik stattfinden und die Erwachsenen als bereits Wissende und Erfahrene ernst nehmen.
Solche und ähnliche Erwartungen halten Schulen in Leitbildern und pädagogischen Leitsätzen fest:
•Wir sorgen für ein entspanntes Lernklima.
•Wir verstehen Bildung als erkenntnisorientierten Prozess.
•Die Lernenden sollen befähigt werden, die beruflichen Herausforderungen erfolgreich selbst zu meistern.
•Unser Unterricht ist teilnehmerzentriert.
•Unsere Kursgestaltung orientiert sich an den individuellen Lernprozessen der Lernenden.
•Unsere Lernziele sind an der Praxis orientiert.
•Unsere Lehrmittel sind nach modernen erwachsenenbildnerischen Grundsätzen gestaltet.
•Wir bieten Möglichkeiten zur Übung und zu selbstverantwortlichem Lernen.
Für die Lehrpersonen in der Praxis ist die Umsetzung nicht ganz einfach, wie ein kritischer Blick auf die Unterrichtsrealität zeigt.
Die Realität
Beispiel 1: Frontal und trocken
Ob es um Buchhaltung, Marketing oder Projektmanagement, juristische Feinheiten oder Business Process Engineering geht: Viele Lehrpersonen reden von ihrem Unterricht als Theorieunterricht und gehen davon aus, dass dieser Unterricht frontal und trocken sein muss. Berufliche Weiterbildung findet mehrheitlich in Schulzimmern mit fix nach vorne ausgerichteten Bankreihen statt. Da in kürzester Zeit möglichst viel Stoff vermittelt werden muss, werden Folienschlachten geschlagen, und das Sprechtempo der Vorlesung wird erhöht. Lernende, die nicht mitkommen, werden unter diesen Umständen schnell als unmotiviert oder dumm wahrgenommen oder als unfähig, selbstverantwortlich zu lernen: Wenn jemand die Prüfung nicht besteht, dann hat er halt nicht zugehört und nicht richtig gelernt.
Beispiel 2: Lehrerzentriert und praxisfern
Unterricht mit und am PC hat meistens klare, eindeutige Zielsetzungen. Allen Lernenden wird am Ende der gleiche Wissensstand versprochen. Wenn Wissen heisst, es gehört zu haben, dann wird dieses Versprechen mehrheitlich eingehalten. Der Unterricht findet lehrerzentriert statt: Der EDV-Kursleiter projiziert seinen eigenen Bildschirm auf die Leinwand, und alle können sehen, was auf seinem Bildschirm passiert. Der Einsatz des Beamers bedingt eine Sitzordnung nach traditionellem Muster: Alle Lernenden blicken aufmerksam nach vorne. Kontakte unter den Lernenden sind erschwert, Gruppenarbeit ist unmöglich. Diese Unterrichtsform lässt es nicht zu, dass der Stoff auf die eigene Praxis übertragen wird und die Anwendung geübt werden kann.
Anforderungen an die Lehrpersonen
Lehrpersonen sind meistens ausgewiesene Fachleute aus der Praxis oder Wissenschaft und haben häufig keine pädagogische oder didaktische Ausbildung. Es ist einleuchtend, dass sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen auf herkömmliche Unterrichtsmittel wie Referat oder Präsentation zurückgreifen. Damit genügen sie zwar vordergründig den Ansprüchen an Zeit und Stoff; die modernen Erkenntnisse der Erwachsenenbildung (Andragogik) belegen allerdings deutlich, dass so nicht nachhaltig gelernt wird.
Konkrete Anforderungen an die Lehrpersonen
(in Klammern die Angabe, wo das Thema behandelt wird)
Das Lernen Erwachsener kennen ( Kapitel 2)
Die eigenen Vorlieben und Abneigungen beim Lernen kennen ( Kapitel 3)
Die Lernumgebung vorbereiten und gestalten ( Kapitel 4)
Kompetenzen und Lernziele formulieren ( Kapitel 5)
Den Stoff auswählen, reduzieren (evtl. komprimieren) und aufbereiten (Kapitel 6)
Lehren methodisch abwechslungsreich gestalten (Kapitel 7)
Lern- und Arbeitstechniken vorleben und vermitteln (Kapitel 8)
Informationsmanagement vorleben und vermitteln (Kapitel 8)
Einsatz von Medien und Lernmaterialien (Kapitel 9)
Aktuelle lernpsychologische Erkenntnisse umsetzen (Kapitel 10)
Rückmeldungen geben (Kapitel 10)
Soziale Prozesse aufgreifen und steuern (Kapitel 11)
Intervenieren und Konflikte vermeiden (Kapitel 12)
Lernfortschritte kontrollieren (Kapitel 13)
Unterrichtsqualität überwachen ( Kapitel 13)
Vertiefende Materialien und Anwendungsbeispiele zum Buch finden Sie im Internet unter http://mehr.hep-verlag.ch/lehren-kompakt-1. Im Buch wird an den entsprechenden Stellen jeweils darauf verwiesen, im Anhang finden Sie ein Verzeichnis dieser Materialien.
Spannungsfeld Unterricht
Abbildung 1.1zeigt die Rahmenbedingungen von Unterricht und damit die Komplexität des Spannungsfeldes, in dem sich Lehrpersonen bewegen.
Abbildung 1.1: Spannungsfeld Unterricht
Ich greife zuerst aus diesen voneinander abhängigen Themen ein paar typische Problemzonen heraus (in Klammer das Kapitel, in dem das Thema vertieft dargestellt wird).
Spannung zwischen Thema/Sache und Mensch
In der Weiterbildung geht es neben dem Inhalt (sachlicher Aspekt) immer auch um Werthaltungen, Einstellungen und Begegnung (menschlicher Aspekt). Diese beiden Aspekte widerspiegeln sich in den wissensorientierten (kognitiven) und gefühlsbezogenen (affektiven) Lernzielen bzw. Werthaltungen ( Kapitel 5). Die Kursplanung muss beide Aspekte berücksichtigen, um die Lern- und Arbeitsfähigkeit zu gewährleisten ( Kapitel 4). Wenn während eines Kurses Konflikte oder Motivationsprobleme auftauchen (Kapitel 12), stehen dahinter häufig Widersprüche zwischen sachlichen und menschlichen Aspekten.
Spannung zwischen Teilnehmererwartungen und Lehrpersonenleistung
Lernende und Lehrperson haben unterschiedliche Vorstellungen, wer welche Rolle einnehmen sollte. Äusserungen wie «Das haben Sie uns aber im Unterricht nicht erklärt!» oder «Dafür sind Sie doch da!» zeigen diese Erwartungsunterschiede (Kapitel 11).
Unterschiedliche Lehr- und Lernstile
Die Art und Weise, wie gelernt wird, ist individuell sehr verschieden. Der eigene Lernstil und die subjektiven Lernerfahrungen prägen auch den Unterrichtsstil der Lehrpersonen stark. Kapitel 2und 3zeigen auf, wie Erwachsene lernen und was es mit der Lernbiografie auf sich hat. In Kapitel 10 finden Sie konkrete Anregungen, wie Sie Lernende mit unterschiedlichen Lernstilen am besten fördern können, sowie Tipps zum überlegten Umgang mit Ihrem eigenen Lehrstil.
Spannung zwischen Vollständigkeit und exemplarischem Lernen
Es gibt immer zu viel Stoff und zu wenig Zeit. Im schlimmsten Fall wird der Stoff reduziert, indem am Ende der Unterrichtsstunde einfach aufgehört wird. Der Rest, der nun umständehalber keinen Platz mehr hat, fällt unter den Tisch oder wird als Hausaufgabe in die Eigenverantwortung der Lernenden übergeben. Besser wäre es, bereits bei der Planung zu reduzieren (Kapitel 6).
Spannung zwischen Wissensvermittlung und aktivem Lernen
Da Wissen nicht wie ein Paket dem Empfänger übergeben werden kann, ist der Prozess der Wissensaneignung viel wichtiger, als den Lehrpersonen bewusst ist. Es wäre zugegebenermassen einfacher, wenn mittels Referat und Vormachen den Lernenden das Wissen auf ihre Festplatte (= Gehirn) kopiert werden könnte. Um den Prozess der Wissensaneignung zu erleichtern und Nachhaltigkeit zu ermöglichen, braucht es eine erweiterte Methodik zur Unterstützung des Lernens (Fehler nutzbar machen, Lerntipps vermitteln), des Reflektierens und zum Informationsmanagement (Kapitel 8). Der Einsatz von Medien und geeigneten Unterrichtsmaterialien unterstützt das nachhaltige Lernen und dient nicht nur der Unterhaltung (Kapitel 9).
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