Das Buch von Katharina Blaß und Armin Himmelrath zeigt uns, wie vielfältig und komplex die Konsequenzen sind, die aus der Aufnahme der Flüchtlinge erwachsen. Das Buch vermittelt die Zuversicht, dass es – trotz vieler Probleme – möglich ist, sie erfolgreich zu integrieren. Das gilt vor allem dann, wenn man früh beginnt und von Anfang an auf Bildung setzt. Erfolgreiche Integration hängt vor allem davon ab, wie es gelingt, auf die erste Generation der Neuankömmlinge, die Flüchtlingskinder, zuzugehen. Die Sprach- und Leseförderung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Rund ein Drittel aller Geflüchteten, die derzeit nach Europa kommen, sind minderjährig, mehr als die Hälfte ist unter 25 Jahre alt, und mindestens zwei Drittel haben keinen Schulabschluss, an den sich in Deutschland eine Berufsausbildung anschließen könnte. Oft können sie kaum lesen und schreiben. Hier sind Kurse zur elementaren Bildung und zum Kennenlernen der neuen Alltagskultur gefragt, ehe überhaupt eine Aufnahme in reguläre Schulklassen erfolgen kann.
Das Leitmotiv der Autoren heißt »Verändern und Verbessern«. Dass sich die Schulen in Deutschland mit dieser neuen Herausforderung wandeln werden und verändern müssen, steht außer Frage. So sollten wir in der Tat den Anlass nutzen, Schule von Grund auf anders und neu zu denken, sie umzugestalten und dafür auch neue gesellschaftliche und pädagogische Wege zu beschreiten.
Integration durch Bildung, heißt es – das gilt aber ebenso im reziproken Sinn: Bildung durch Integration. Denn auch für die hier Aufgewachsenen ist es eine wichtige Erfah-rung, das Eigene mit dem Fremden konfrontiert zu sehen und zu lernen, diese Begeg-nung als Bereicherung anzusehen. Es geht ja nicht nur um diejenigen, die zu integrieren sind, sondern auch um jene, die ihrerseits Geflüchtete in ihre Gemeinschaft aufnehmen sollen. Auch das will gelernt sein. Alle Menschen, ob Zugewanderte oder Einheimische, bedürfen der Integration in eine weltoffene, tolerante, freundliche und faire Gesellschaft. Dazu müssen auch alle bereit sein, sich Neuem zu öffnen und dazuzulernen. Nur dann können wir alle heimisch werden in einer humanen, freiheitlich-demokratischen und gerechten Welt.
Geschrieben wurde dieses Buch vor allem für Lehrkräfte, Pädagoginnen und Pädagogen, Sozialarbeiterinnen und -arbeiter sowie politisch Verantwortliche. Es soll ihnen das notwendige Rüstzeug vermitteln und ihnen Mut machen, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Es entstand nicht an einem fernen Redaktionsschreibtisch und ist auch viel mehr als eine sorgfältige journalistische Arbeit aus aktuellem Anlass. Die Autoren wollen informieren und motivieren, anleiten und bestärken, dokumentieren und anregen. Damit greifen sie in gewisser Weise selbst ein wichtiges pädagogisches Prinzip auf, das aus ihrem Projekt im besten Sinne ein lehrreiches Buch macht. Lehrreich ist es nicht nur durch die Analysen und Materialsammlungen, seien sie rechtlicher, administrativer oder einfach nur statistischer Art, sondern vor allem durch die unmittelbaren Zugänge: Vor-Ort-Besuche in Schulen oder Einrichtungen der Jugend- und Sozialarbeit, Vorstellung von Modellprojekten wie Willkommensklassen, persönliche Begegnungen und Interviews mit aktiven Gestaltern des Integrationsgeschehens.
Mit dieser Vielfalt von Themen und Aspekten der Arbeit mit Flüchtlingskindern ist ein sehr authentisches Buch entstanden, das dicht an der Praxis, zugleich aber wissenschaftlich fundiert, ein differenziertes Bild der Aufgaben zeichnet, vor denen vor allem die Schule steht.
Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz
(Kultusminister a. D., Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin 2010-2016)
Berlin, im Juni 2016
Die Situation der Zugewanderten Die Situation der Zugewanderten
Wie viele kommen?
Wer kommt?
Welchen Bildungsstand haben die Zugewanderten?
Integration durch Schule, Integration durch Bildung
So viel zur Theorie – doch wie sieht die Praxis aus?
Passen die Flüchtlinge in unser Ausbildungssystem?
Aus der Geschichte lernen
Zu Besuch beim Verein »Schüler Treffen Flüchtlinge e. V.«
Das Grundrecht auf Schulbesuch – auch für Flüchtlinge
Bildung ist ein Menschenrecht
Beginn der Schulpflicht
Ende der Meldepflicht
Ende der Schulpflicht
Eine besondere Herausforderung: Deutsch als Zweitsprache
Die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern
Im Gespräch mit Marita Müller-Krätzschmar
Systematische Sprachförderung als dynamischer Prozess
Das Hamburger Sprachförderkonzept
Im Gespräch mit Jasmin Bauer, DaZ-Lehrerin aus Leidenschaft
Integration durch Bildung
Leistungsdruck und Konkurrenz
Schulorganisatorische Modelle an einer Regelschule
Strukturelle Diskriminierung von zugewanderten Schülerinnen und Schülern
Das Konzept der Schlauschule
Senken Flüchtlinge das Niveau einer Schulklasse?
Zu Besuch in der Welt-Schule Borgfeld
Noch nicht im Fokus: Flüchtlinge in den Berufsschulen
Vielversprechende Ideen: Integration durch Berufsbildung
Im Gespräch mit Susanne Kraus-Lindner
Die Maßnahmen von Bund und Ländern
Ratschläge an die politischen Weichensteller
Die Maßnahmen der Bundesregierung
Die Maßnahmen der Länder am Beispiel Nordrhein-Westfalens
Zu Besuch an der Grundschule Schloss Benrath
Wie außerschulische Kooperationspartner die Integration unterstützen
Externe Hilfe, die stark macht
Zu Besuch bei einer Lehrerin in Sachsen-Anhalt
Zu Besuch in der Offenen Jugendwerkstatt Karlsruhe
Mit traumatischen Erfahrungen umgehen
Die besondere Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge
Der Weg von der Ankunft zum Asylverfahren
Traumatisierung als Folge der Flucht
Zu Besuch am Beruflichen Schulzentrum Regensburger Land
Blick über die Landesgrenzen: Die Schweiz
Trotz aller Diskussionen: Integration auf vielen Ebenen
Grundrecht auf Schule in der Schweiz
Zu Besuch in der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule (BFF) in Bern
Vom Trauma zum Schulabschluss?
Kanton Zürich: Erfolgreich mit QUIMS?
Blick über die Landesgrenzen: Der Integrationspakt in Österreich
Zeichen setzen mit einer »Integrationspflicht«
Grundrecht auf Schule in Österreich
Umstrittene Wertekurse
Schule im Integrationspaket
Schulorganisation und Deutsch als Fremdsprache
Reaktionen erwünscht: Was die Politik tun muss
Nachhaltige Bildungspolitik für Flüchtlinge: Noch fehlen Grundlagen
Zu Besuch am Gymnasium Wanne
Eine Frage der Finanzierung
Refugee Impact Fund
Zu Besuch in der Freien Waldorfschule Kreuzberg
Im Gespräch mit Fluisa Pasho
Literaturverzeichnis
Abbildungsnachweis
Die Situation der Zugewanderten
Den Flüchtlingszuzug in Zahlen wiederzugeben ist ein ständiges Tauziehen zwischen Erhebung und Prognosen. Die Fakten (BaMF 2016 c) – soweit sie zu erfassen sind – stellen sich als Momentaufnahme wie folgt dar:
→In Deutschland wurden 2015 insgesamt 1,09 Millionen Menschen im Datensystem Easy registriert, durch das die Hilfesuchenden nach ihrer Einreise auf deutsche Erstaufnahmeeinrichtungen verteilt werden.
→476 649 formelle Asylanträge (davon 441 899 Erstanträge) wurden insgesamt im Jahr 2015 beim deutschen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) gestellt.
→Die Erst- und Folgeanträge wurden hauptsächlich von Flüchtlingen aus den Herkunftsländern Syrien (31,1 Prozent), Albanien (11,5 Prozent), Kosovo (7,8 Prozent), Afghanistan (6,7 Prozent), Irak (6,6 Prozent), Serbien (5,7 Prozent), Mazedonien (3,0 Prozent), Eritrea (2,3 Prozent) und Pakistan (1,8 Prozent) gestellt.
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