Stellt sich die Frage, ob nicht auch in den biologischen Systemen, ähnlich wie Anton Zeilinger es für die physikalischen vermutet, eine Information über eine Balance des Lebendigen steckt. Die Überlegung liegt nahe. Denn auch die Viren haben seither nicht untätig zugesehen, wie sie von Bakterien zerschnitten werden. Sie konnten in der Zwischenzeit eine Überlebensstrategie entwickeln, die sie vor der Zerstückelung schützt.
Es ist ein riesengroßes Puzzle, und die einzelnen Steinchen werden am ganzen Erdball darauf abgeklopft, ob sie ins Große und Ganze passen. Mit jedem Steinchen werden die Verbindungen, die die Natur hergestellt hat, immer logischer. Die Evolution bekommt zusehends etwas Nachvollziehbares. Dabei an ein beliebiges Roulette zu glauben, geht fast nicht mehr.
Kann wirklich alles einem Zufallsgenerator überlassen gewesen sein? Oder steht ein wunderbares holistisches Prinzip dahinter, dem wir in der Forschung nachjagen?
Das Weiterleben in den anderen
Näher als Mutter und Kind in der Schwangerschaft können sich zwei Menschen nicht sein. Ein Körper im anderen, nicht bloß zu einem Teil wie Mann und Frau in der Vereinigung beim Liebesakt, sondern zur Gänze. Das Kind wohnt in der Mutter, neun Monate lang. Näher geht es nicht.
Das Haus der Mutter ist für beide da, aber der Embryo hat eine separate Wohnung. Anders wäre so eine WG nicht möglich. Die Organismen müssen in ihren Blutkreisläufen komplett voneinander getrennt sein, dafür sorgt die Plazenta. Aus ihr bekommt das Kind über die Nabelschnur geliefert, was es braucht. Ansonsten verhindert diese Schranke jeden Zellaustausch, den die Immunsysteme auch nicht tolerieren würden. So haben wir das in Biologie gelernt, so glaubte es lange Zeit die Medizin.
Jetzt weiß man: Die Plazenta schottet nicht bedingungslos ab. Sie lässt Stammzellen durch. Und die bleiben im Körper der Mutter. Auch nach der Geburt.
Umgekehrt bleiben mütterliche Zellen auch im Organismus des Kindes erhalten, die es dann sein Leben lang begleiten. Der Austausch funktioniert demnach bidirektional. Mutter und Kind stehen einander also noch näher, als wir angenommen haben. Es verbindet sie etwas hochgradig Holistisches.
Mikrochimärismus nennen wir dieses Phänomen. Unwillkürlich zucken einem da die Chimären der griechischen Mythologie durch den Kopf, die Mischwesen aus Homers Ilias, die den Kopf eines Löwen, den Rumpf einer Ziege und das Hinterteil eines Drachen haben. An Mutter und Kind will man bei so einem Geschöpf nur ungern denken, aber auf der Mikroebene der Zellen ist der Begriff nicht verkehrt.
Mutter und Kind sind nicht nur Mutter und Kind. Wir alle sind Mamakinder im wissenschaftlich hehrsten Sinn. Wir leben ineinander weiter. Wir sind miteinander verschränkt.
Ich habe die Anfänge der Erforschung des Mikrochimärismus mit Spannung verfolgt. Es war ein weltweites Aha-Erlebnis, das Mitte der neunziger Jahre einer Entdeckung in Seattle folgte: Im Blut einer Laborassistentin fand sich DNA ihres einjährigen Sohnes. Dabei sind es nicht nur ein paar Irrläufer, die sich in einen anderen Organismus verstolpern. Während der Schwangerschaft wird eine Fülle fetalen Erbguts in den Kreislauf der Mutter eingeschleust. Das hat eine Reihe positiver und natürlich wieder einmal auch etliche negative Auswirkungen.
Ein Vordenker auf diesem Gebiet ist Wolfgang Holzgreve, ein berühmter Gynäkologe aus Basel und Freund von mir. Er forscht, inwieweit dieser Zellenaustausch für die pränatale Diagnostik zu nutzen ist. Außerdem untersucht er die Auswirkungen dieses Zellentauschs.
In der Forschung ist es gar nicht so leicht gewesen, diese körperfremden Zellen zu finden. Was dabei hilft, ist die Tatsache, dass die kindlichen Zellen viel jünger sind als die der Mutter. Ganz abgesehen davon, dass sie natürlich auch das Erbgut des Vaters beinhalten.
Die Verbundenheit zwischen Mutter und Kind geht aber noch viel weiter.
Wird die Frau nämlich noch einmal schwanger, bekommt sie auch die Zellen des zweiten Kindes. Und weil der muntere Zellverkehr in beide Richtungen fließt, wandern die Mutterzellen vice versa auch in den Organismus ihres zweiten Kindes.
Selbst damit ist das muntere Zellentauschen nicht vorbei.
Das Ganze wiederholt sich nicht nur bei jeder Schwangerschaft. Die fetalen Zellen des erstgeborenen Kindes gehen über die Mutter auch auf die jüngeren Geschwister über. Der Zweitgeborene bekommt die Mamazellen und die des Erstgeborenen. Das dritte Kind bekommt die mütterlichen Zellen und die der beiden vor ihm geborenen Geschwister.
Da werden Stammzellen von mehreren Organismen weitergegeben, und das jeweilige Immunsystem findet das, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, ganz in Ordnung.
Es gibt also nicht nur eine Blutlinie, es gibt auch so etwas wie eine Zellengemeinschaft. Zwischen Müttern und ihren Kindern und von den älteren Geschwistern bis hin zum Nesthäkchen. Die Mutter und das letzte Kind in der Reihe sind quasi Mischwesen aus allen. Der Erstgeborene hat nur Mamas Zellen, gibt aber die seinen an alle weiter, die nach ihm geboren werden.
Das zementiert in gewisser Weise die herausragende Rolle, die den Erstgeborenen in alten Kulturen oder auch im Adel zukommt. Sie sind die Stammhalter und die ersten in der Erbfolge. Die Bedeutung der Erstgeborenen hat also einen mystischen Hintergrund, der mit dem Mikrochimärismus eine naturwissenschaftliche Erklärung bekommt. Allerdings ist so gesehen auch das letztgeborene Kind herausragend.
Es handelt sich um eine Entdeckung der letzten Jahrzehnte. Und holistisch weitergedacht ist es nur logisch, dass sich diese mikrochimärische Zellengemeinschaft über viele Generationen zieht. Eine Mutter hat ja auch eine Mutter.
Darüber könnte man viel diskutieren, auch über die Meinung der katholischen Kirche, dass die Ehe auch in Zeiten der endemischen Scheidungen etwas Besonderes wäre, und zwar aus biologischer Sicht.
Ich erinnere mich an den ersten Gynäkologen-Kongress im Campo Santo Teutonico direkt im Vatikan vor ein paar Jahren. Am Ende stieß Erzbischof Georg Gänswein für eine Stunde zu uns und erkundigte sich nach den Fortschritten auf unserem Gebiet. Zuletzt, sagte er, gäbe er uns Geburtshelfern gern noch eine Botschaft mit. Sie lautete: »Die Elternschaft ist heilig.«
Das Verfahren, mit dem man die mütterliche und kindliche DNA auseinanderhält, haben sich die Amerikaner patentieren lassen. Es ist ein Panorama-Test, der mittlerweile Routine ist. Früher war die Pränatal-Diagnose auf die Fruchtblasenanalyse beschränkt, die immer ein bisschen heikel war. Wenn man wissen wollte, ob das Kind ein Risiko auf Trisomie 21 hat, stachen die Ärzte mit beeindruckenden Nadeln durch den Bauch der Mutter in die Fruchtblase und entnahmen etwas Fruchtwasser.
Das ist jetzt zumeist hinfällig. Der Frauenarzt nimmt der Mutter Blut ab und schickt es in die USA in eines der Zentren, die das Patent für die Analyse haben. Runde 400 Euro kostet die Gewissheit. Einfacher, billiger, aber nicht ganz so präzise lässt sich Trisomie 21 freilich auch mit der Nackenfaltenmessung beim Ultraschall erkennen. Zwischen der 11. und der 14. Schwangerschaftswoche ist das bei uns eine Standarduntersuchung.
Ganz abgeschafft ist die Fruchtblasenanalyse allerdings noch nicht. Hatte sich bei einem Kind der Verdacht auf Down-Syndrom bestätigt, und die Mutter deshalb die Schwangerschaft abgebrochen, trägt sie das entsprechende Zellgut trotzdem noch in sich. Bei einer zweiten Schwangerschaft könnte es bei der DNA-Analyse dann durchaus zu einer falschen Diagnose kommen. Denn es ist derzeit nur prinzipiell nachzuweisen, dass kindliche DNA-Stücke vorhanden sind. Von welchem Kind sie stammen, ist nicht zu unterscheiden. Selbst wenn das zweite Kind völlig gesund ist, könnte die Untersuchung das Gegenteil ergeben.
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