»Mensch, Rufus. Ich mein’, das is’ ‘n nettes Tat’ und so und die Haare sind auch cool, aber ich mein’, echt jetzt?«
Colquettes Bedürfnis, Blackshaw zu beeindrucken und ihn zu überzeugen, wurde nun immer stärker und verzweifelter. Er deckte das Tattoo wieder ab und griff in seine linke hintere Hosentasche. Nach ein paar Momenten des Wühlens oder des Kratzens, Blackshaw war sich da nicht ganz sicher, zog er ein Handy hervor. Das Smartphone war ramponiert, zerkratzt und ungepflegt. Es war auf jeden Fall ein privates Telefon und kein Wegwerfgerät.
»Guck dir das mal an, Mann.« Colquette öffnete jetzt die Bildergalerie. Er blätterte rückwärts, vorbei an den drei neuesten Fotos. Sie huschten extrem schnell über den Schirm, aber Blackshaw konnte trotzdem erkennen, dass es Aufnahmen von Colquette zusammen mit zwei weißen Männern, die Gewehre hielten, waren. Umgebaute AR-15er. Der Junge hörte nun auf zu blättern.
Wieder einmal sah sich Rufus Colquette auffällig um, um sicherzugehen, dass nur Blackshaw zuschaute. Dann hielt er ihm das Telefon entgegen.
Als Veteran und manchmal nicht ganz ungefährlicher Zivilist hatte Blackshaw schon furchtbare Gemetzel mit eigenen Augen sehen müssen. Leichen, häufig frische, und manchmal auch in einem gewissen Alter. Einmal hatte er auf Patrouille mal einen Arm gefunden. Nur einen Arm, abgefetzt vom Körper bei irgendeiner Explosion. Aber rund um den Arm herum hatte es keine Leiche gegeben. Ein simples Gruppenfoto hätte ihn deshalb nicht so schocken sollen, wie das Bild, das Colquette ihm jetzt preisgab.
Auf dem Foto stand Rufus Colquette neben den beiden Männern von den anderen Fotos. Einer war ein kleinerer, muskulöser Mann, vielleicht Mitte fünfzig, mit kurzgeschorenen grauen Haaren. Er strahlte durch seine gerade Haltung Autorität aus, aber der Ausdruck seiner Augen war der eines Untergebenen und Lakaien. Der andere war nicht viel größer, etwa Mitte vierzig, mit längerem, angegrautem Haar und Muskeln, die langsam Fett wichen. In den Augen des größeren Mannes herrschte eine düstere Leere. Beide Männer trugen khakifarbene Kampfhosen und olivfarbene Hemden, mit akkurat bis zum Bizeps hochgerollten Ärmeln. Sie hatten ihre AR-15er in einer Hand und hielten mit der anderen große Kampfmesser gegen ihre Herzen als eine Art Ehrenbezeugung.
Rechts hielt Colquette ein Messer, vermutlich das, was in seiner Tasche steckte. Die Klinge auf dem Foto war ausgeklappt und voller Blut. Außerdem gab es noch eine vierte Person auf dem Bild. Es war ein Junge, der zehn oder zwölf Jahre alt gewesen sein mochte, aber in Anbetracht seines Zustands war sein richtiges Alter nur noch schwer schätzbar. Der Junge war schwarz, nackt und an einem Baumstamm in einem dichten Wald festgebunden. Es musste ein sehr abgeschiedener Fleck sein, denn angesichts der Wunden des Jungen musste er sehr laut geschrien haben, und trotzdem war er nicht geknebelt.
Blackshaw konnte seine Augen einfach nicht von dem Kopf des Jungen abwenden. An den Seiten waren nur noch ein paar Haare übrig; kleine Büschel über den Ohren. Der Rest des Schädels war eine rohe Glatze aus Knochen und Blut, das in seine Augen troff. Entsetzte Augen starrten Blackshaw an. Unfassbar angewidert begriff Blackshaw, dass der Junge noch gelebt hatte, als das Foto gemacht worden war, doch das Kind hatte die darauffolgende Stunde wahrscheinlich nicht mehr erlebt.
Im krassen Kontrast zu den äußersten Qualen auf dem Gesicht des Opfers stand hingegen das überhebliche, breite Grinsen, das in den Visagen seiner Peiniger zu sehen war. Als sein Blick ein letztes Mal über das Bild wanderte, bemerkte Blackshaw Colquettes andere Hand auf dem Foto – mit der er den Skalp umklammerte.
Timon Pardue brach am nächsten Morgen, trotz des Katers, der in seinem Schädel wütete, sein Camp ab. Gemächlich belud er Popper mit seinen Sachen und führte das Tier dann den steinigen Abhang hinunter in das Gebüsch, das rund um den kleinen Bachlauf am Boden der Schlucht wuchs. Ihm war bewusst, dass Wimble und sein komischer Kader vielleicht nach ihm suchten, aber wenn er hier verharrte und zu leicht zu finden war, konnte es seiner Meinung nach den Eindruck erwecken, er wäre berechenbar, oder schlimmer noch, willens, auf ihre Seite zu wechseln.
Nach einem zweistündigen Spaziergang blieb Popper stehen, fing an zu wiehern, zerrte kräftig an seinen Zügeln und riss sie Pardue dann fast aus den Händen. Pardue war kurz davor, wütend auf sein Pferd zu werden, als er die eng gewundene Klapperschlange zwei Meter vor sich erblickte und ihre unverkennbare Rassel hörte. Es war schwer zu sagen, wie lang sie tatsächlich war, so eng zusammengerollt, wie sie war, aber sie war zweifellos riesig. Bevor er sich rührte, betrachtete er die Umgebung um sich und Popper herum, um sicherzugehen, dass er sich am Rande des Schlangenterritoriums befand und nicht genau in dessen Nest gestolpert war. Der Weg zurück den Pfad entlang war zum Glück frei. Pardue führte Popper gute drei Meter rückwärts, bevor er das Pferd wendete, noch fünfzig weitere Meter wegbrachte und an einer einsamen Kalifornischen Washington-Palme festband. Die Pflanze war womöglich ein vertriebener Flüchtling des Kofa Naturschutzgebiets hundert Meilen nordwestlich von hier. Oder vielleicht war es auch ein Überbleibsel aus der Zeit der Postkutschen, in der man schattenspendende Zwischenstationen angelegt hatte. Ein Indianer oder ein Vogel hatte womöglich einen Samen fallenlassen. Pardue staunte noch eine Weile über das kleine Wunder der Natur, bis er sein Henry-Gewehr aus dessen Holster zog und den Pfad hinunterlief.
Pardue war nur ein paar Minuten weg gewesen, aber als er an die Stelle zurückkehrte, an der Popper gescheut hatte, hatte die Klapperschlange den Weg bereits wieder freigegeben. Pardue folgte einem von der Sonne erwärmten Streifen den Hang hinauf, aber da Popper nicht da war, um ihn zu warnen, bewegte er sich dieses Mal mit größerer Vorsicht. Und da war sie auch schon, dick wie ein Männerarm schlängelte sie sich immer höher, bis zu einer Stelle, an der sie für den Rest des Nachmittags in der Sonne baden konnte. Dieses Vieh war ein Monster, knapp zwei Meter lang und mit einem Kopf so groß wie ein Spaten … so kam es Pardue zumindest vor.
Der frühere Sheriff kniete sich hin und nahm die Schlange sorgfältig ins Visier. Einen Augenblick später hallte der Knall seines Gewehrs zwischen den Hängen und das Tier krümmte sich kopflos in Pardues Griff.
Als er seine Beute zusammenrollte und in die Satteltasche stopfte, fiel sein Auge auf ein Knäuel aus Gestrüpp, etwas weiter den Hang hinauf. Irgendetwas war eigenartig daran. Normalerweise konnte Pardue das Hindernis, das die Sträucher und Zweige eingefangen hatten immer gut erkennen. In einem trockenen Flussbett war es häufig ein Baumstamm oder Unrat, der das Zentrum des Wirrwarrs bildete. Bei einem Bachlauf war es manchmal ein alter Biberdamm, um den sich Gestrüpp gesammelt hatte, zumindest drüben im Osten. Diese Ansammlung hier schien allerdings eher aus Ranken und Wurzeln zu bestehen. Pardue trat näher. Nein, dies war Müll aus Menschenhand.
Eine Reihe wurzelartiger Fäden wand sich den Hügel hinauf; niedergedrückt vom Lauf der Zeit und vielleicht dem gelegentlichen Niederschlag hatten sie die Konturen und die Farbe des Bodens und der Felsen angenommen. Die Ranken endeten an einer glatten, ausgewaschenen Fläche. Wäre die Schlange nicht gewesen, hätte er es niemals bemerkt, aber jetzt wusste er, was es war.
Ein alter Fallschirm lag dort ausgebreitet vor ihm, quer über den Hang drapiert, aber bedeckt von Sand und Geröll und halb verrottet, was den Boden so glatt wie getrockneten Schlamm aussehen ließ.
An den Stellen, an denen der Stoff die Sandtöne der Wüste nicht angenommen hatte, schimmerte das blasse, sonnengebleichte Armeegrün hervor.
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