Für den Psychologen, der sich selbst versteht, dürften Forschung und Existenz nicht derart eine unzertrennliche Einheit sein. Jung, der so gerne den rein wissenschaftlichen Charakter seiner Lehre betont, sollte die Grenzen aller Wissenschaft nicht aus dem Wege verlieren. Bliebe er sich ihrer ganz bewusst, dann dürfte seine Psychologie meines Erachtens weit zurückhaltender sein, als sie es tatsächlich ist. Hier aber wurde ein psychologisches System über seinen partiellen Geltungsbereich hinaus zum Ausdruck einer vorbildlich sein wollenden Existenzhaltung und erhob den Anspruch, als Weltanschauung entweder total angenommen oder abgelehnt zu werden. Jungs Lehre in ihrem Ganzheitsanspruch annehmen heißt sodann: seine existenziell gewollte introvertierte Haltung der Weltabkehr und des psychologischen Selbstbezugs sich zu Eigen machen und beides an sich selbst und an anderen als verpflichtendes Lebensbeispiel wiederholen.
Der Kampf, in den ich mich seit Jahren hineingezwungen sah, hat sich so zu richten – muss es ausdrücklich betont werden? – nicht gegen C. G. Jung im engeren Sinne seines persönlichen Lebens, sondern eben gegen jenen Anspruch auf totale Nachfolge, der in seiner Forscherpersönlichkeit mitgesetzt ist und der als solcher über alle rein sachlichen Belange hinausreicht. Mein Kampf gilt dem in Jungs Persönlichkeit verführerisch auftretenden Vorbild einer introvertiert-gnostischen Grundhaltung, die dann zugleich therapeutische Zielsetzung ist. Das, was an dieser »Symbiose« Irrtum und Fehlweg ist, musste zur Diskussion gestellt werden.
Worauf es uns ankommt – gegenüber der introspektiven Forschung Jungs mit all ihren mannigfaltigen Ergebnissen –, ist das Folgende. Im Prozess seiner »Individuation« erfasst Jung die geheimen Wirk- und Ausdrucksbereiche der Seele, deren souveräner Herrscher das menschliche Selbst ist. Dieses Selbst, auf das Jungs Ergründung des »Unbewussten« zuletzt gerichtet ist, soll nichts Fiktives, nicht ein »Als-Ob« sein – gemeint ist ein wirklich Seiendes. Dieses Selbst, das gemeint ist, aber hat – so überraschend und verwunderlich dies zunächst auch sein mag – seinen »Ort« in gewissem Sinne nicht in der Psyche. In der Nachfolge Jungs sehen wir uns genötigt, es eben hier, in der Psyche, zu suchen und wieder zu suchen – bis wir erkennen und innewerden, dass es nicht hier, sondern drüben – im »Metapsychischen« existiert und zu finden ist.
Das lebendige personale Selbst des Menschen lernen wir in seiner metapsychischen Qualität erst wahrhaft kennen im dialogisch konstellierten ereignishaften Geschehen partnerischer Begegnung: von Mensch zu Gott, von Mensch zu Mensch, von Mensch zum Weltkonkretum. Denn nur in solch »transzendierender« Begegnung bezeugt es sich in seiner wahren Existenz – offenbart es sich als das wirklich Seiende, das es ist.
Im Hinblick auf seine Bemühungen, die Existenzmitte des Menschen, sein lebendiges Selbst, als zentralen Archetypus objektiv psychologisch zu erfassen, ist Jungs ganzes Forscherleben ein großangelegtes Abenteuer, gleichsam eine einzige endlose Entdeckungsfahrt ins Reich der ewig unbewussten »Psyche« und darüber hinaus. In unermüdlicher Kleinarbeit mit seinen Patienten und an sich selbst und an Hand eines universellen geistesgeschichtlichen Vergleichsmaterials hat Jung empirisch und dokumentarisch nachgewiesen, dass der Mensch in sich fähig und mächtig ist, aus den urbildhaft aufleuchtenden Elementen seiner Seele eine selbsteigene Welt zu imaginieren und diese »Welt« als mythisch-mystische Schöpfung gegen die »extravertierten« Bereiche des menschlichen Lebens abzutrennen, sie autark auszubauen und machtvoll zu entfalten.
Diese Entdeckungsfahrt und diese Schöpfung: das ist die zugleich bedeutende und betörende Leistung C. G. Jungs.
Im Nachwort zu seinem Eranosvortrag 1946 zitiert Jung eine Briefstelle des Physikers W. Pauli: »Es ist der freien Wahl des Beobachters und Experimentators überlassen, welche Kenntnisse er gewinnen und welche er einbüßen will – oder, populär ausgedrückt, ob er A messen und B ruinieren, oder ob er A ruinieren und B messen will. Es ist ihm aber nicht anheimgestellt, nur Kenntnisse zu gewinnen, ohne auch welche zu verlieren.«
Im Lichte dieses instruktiven Ausspruchs Paulis dürfen wir es auszusprechen wagen, dass Jungs Persönlichkeit mitsamt seinem Lebenswerk in eben dieser Tragik steht: hier entschwand dem erkennenden Blick eines Forschers – um der wissenschaftlichen Leistung willen, die sich introspektivpsychologisch vollzog – jene andere äußere Welt mitmenschlichen Daseins, in der sich uns die erweckende Kraft partnerischer Begegnung kundtut oder versagt, versagt und zugleich kundtut, und die eben darum der uns schicksalhaft zubestimmte Ort wirklicher Selbstbewährung und Heilung ist.
So fand ich es an der Zeit, den geheimen Entwicklungsgang der Komplexen Psychologie bis zu ihrem Ursprung – bis zu jenem geheimen Punkt existenzieller personhafter Entscheidung – aufzudecken und darzulegen: um wichtige Folgerungen, die sich daraus ergeben, darzutun.
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