Sie klingelten bei Förster. Ein mal, zwei Mal. Nichts.
»Mach auf, du Arsch«, fluchte Cosmo und drückte mit der flachen Hand auf das Klingelbrett. Kurze Zeit später knackste die Gegensprechanlage. »Hast du schon wieder den Schlüssel vergessen«, keifte eine Frauenstimme. Gleichzeitig summte der Türöffner. Sie rannten das Treppenhaus hinauf. Altehrwürdige Holzstufen knarzten. Die Frau, die in der offenen Tür im zweiten Stock stand und ihnen hinterherrief, was das denn solle und sie würde die Polizei rufen, ignorierten sie. Oben im Dachgeschoss hämmerte Cosmo gegen die Tür. Die flog schließlich auf und ein wütender Herbert Förster stand im Morgenmantel vor ihnen.
»Hat euch Vollidioten jemand ins Hirn geschissen?«, brüllte er. »Wisst ihr wie spät es ist? Und wer seid ihr überhaupt?«
»Ist mein Vater bei Ihnen?«, fragte Cosmo.
»Was? Wer?« Herbert Förster starrte ihn ungläubig an. »A, wer ist dein Vater? Und B, geht dich Bürscherl überhaupt nichts an, wer vielleicht hier ist.«
»Was ist das?« Florian deutete auf die Flasche, die Herbert Förster in der Hand hielt.
»Bodyoil, und auch das geht euch Haufen Spinner gar nichts an! So, jetzt reichts. Gute Nacht!« Förster trat einen Schritt zurück und versuchte, die Tür zuzuknallen. Severin stellte seinen Fuß dazwischen.
Im elften Stock angekommen, musste Riley sich erst einmal auf die Stufen setzen, um wieder Luft zu bekommen. Eine Scheiße war das. Er war so fertig! Wollte doch nur ins Bett. Er raffte sich auf und ging den Flur links hinunter. Elfter Stock, Flur links, hatte diese Tanja gesagt, dann das letzte Apartment auf der rechten Seite, hatte diese Tanja gesagt, kein Name am Klingelschild, an der Tür hängt so ein Kranz aus trockenen Blumen, hatte diese Tanja gesagt. Riley setzte seinen schweren Rucksack vor der Tür mit einem Kranz aus Lavendel ab und steckte den Schlüssel ins Loch. Der Schlüssel glitt zwar hinein, ließ sich aber nicht umdrehen. Hatte sich heute alles gegen ihn verschworen? Riley fluchte und rüttelte an der Tür. Manchmal verhaken sich Schlüssel. Also noch einmal mit Feingefühl. Nichts. Und dann noch mal mit Kraft. Nichts. Riley trat wütend gegen die Tür. Hatte er sich bei den Stockwerken verzählt? Definitiv nicht, da war er sich sicher. Er holte sein Telefon heraus und wählte stinkig Tanjas Nummer.
Tanja Heinbuch saß in der S-Bahn in Richtung Friedenheimer Brücke, als ihr Handy klingelte. Sie starrte auf das Display, weil ihr die Nummer erst nichts sagte. Sie wollte schon rangehen, dann fiel ihr ein, dass das der speckige Ami von vorhin war. Auf irgendwelche Beschwerden gleich bei der Ankunft hatte sie keinen Bock. Sie drückte den Anruf weg. Sollte er es morgen noch mal probieren.
Riley steckte wütend sein Telefon in die Hosentasche. Fuck. Er trat erneut gegen die Tür. Was sollte er tun? Er rüttelte am Schlüssel, drehte mit Kraft und noch einmal – und der Schlüssel brach ab. Riley sank hysterisch lachend am Türrahmen nach unten. Die Wohnungstür nebenan ging einen Spalt breit auf. Eine ältere Frau mit gelbem Frotteebademantel beäugte misstrauisch den Amerikaner. Sie schrak zusammen, als er sich hochrappelte und ihr etwas sagte, das sie nicht verstand. »Ich ruf die Polizei«, keuchte sie, schlug die Tür zu und verriegelte sie.
»Fuck«, machte Riley erneut. Okay, ruhig bleiben. Bei der Alten von eben klingeln, würde nichts bringen. Nachdenken, Riley! Das Schloss muss eh ausgetauscht werden, wenn der Schlüssel abgebrochen ist. Das würde er am nächsten Tag angehen. Wenn das Schloss schon kaputt war, dann würde es auch nichts ausmachen, es noch weiter kaputt zu machen. Zahlen müsste er eh. Er holte aus seinem Rucksack sein Multitool heraus. Das hier war ein recht einfaches Schloss mit leicht hervorstehendem Zylinder aus Urzeiten, vielleicht aus den Siebzigern. Also nichts, was lange halten würde. Vielleicht konnte er es sogar mit dem Schraubenziehertool aufhebeln. Als sie jung gewesen waren, hatten sie ein paar Schlösser geknackt. Damals in Fritztown. Sie waren schon wild gewesen! Er machte sich ans Werk.
35
»Weißt du«, er rieb Pfeffers Schultern ein, mehr noch, er massierte sie. Angenehm. Pfeffer seufzte. »Das graue Hoodie war mein Lieblingshoodie. Schade, dass ich es weghauen musste. Und auch sie anderen Sportsachen, die waren praktisch noch neu. Ich hab sie zerfetzt und hier in den Container geworfen. Da habt ihr nicht gesucht. Wie auch. Wusstet ihr ja nicht! Man muss eben Opfer bringen, wenn man so ein ausgefallenes Hobby hat wie ich. Blödes Wort, Hobby. Nur, wie soll man das sonst nennen? Eine Veranlagung? Ist das tatsächlich eine Veranlagung? Einen Drang? Ja, ein Drang ist es. Aber es ist auch so erlösend. Die meisten werden das nicht nachvollziehen können. Das ist leider das Problem. Da werden Menschen wie ich als krank bezeichnet. So wie die blöde Fotze damals, die mich wegen häuslicher Gewalt angezeigt hat und sich dann hat scheiden lassen. Eine Woche Krankenhaus. Pah. Dabei habe ich ihr nur … ach, das interessiert dich nicht. Mit Burschen macht das alles viel mehr Spaß. Das musste ich aber erst herausfinden. So viel vertane Zeit.«
Pfeffers Kopf wurde sanft zur Seite gedreht. Das Einölen war beendet. Pfeffer sah das Messer. Ein einfaches Küchenmesser mit hölzernem Griff und rund fünfzehn Zentimeter langer Klinge. Er blinzelte nicht, sondern schloss langsam die Augen und öffnete sie ebenso langsam. Er brummelte etwas in den Knebel.
»Ich zeig dir das schon mal. Nur, damit du Bescheid weißt.« Lachen. »Ich habe es schön geschliffen und eingeölt. Für dich. Schau, das lege ich erst mal hierhin. Das brauchen wir noch nicht gleich. Ich mag das Messer. Es sind schon einige Erinnerungen damit verbunden. Siehst du hier die Kerben? Ja, für jeden eine! Ein bisschen kitschig, oder? Aber so bin ich halt. Ach, eigentlich schade. Du wirst es nicht überleben und du kriegst auch jetzt gar nichts mit. Ja, du siehst alles und du hörst alles, aber es bleibt nur an der Oberfläche, es dringt nicht zu dir vor. In dein Bewusstsein! Und trotzdem gebe ich mir so eine Mühe mit dir. Ich erzähle dir alles, weil ich mir vorgenommen hatte, dass ich, sollte es mal so weit kommen wie jetzt, dir alles erzählen werde. Du bist bisher der Einzige, der mir auch nur ansatzweise auf die Spur gekommen ist. Vielleicht sollte ich das beim nächsten Mal ganz ohne Drogen ausprobieren. Schreien könntest du hier eh, so viel du willst. Das Schlafzimmer habe ich praktisch schalldicht gemacht. Auch die Tür – dick gepolstert! Aber jetzt denk nicht, dass ich dir den Knebel rausnehme. Das ist mir doch ein bisschen zu riskant. Vor allem – ich möchte euch sehen, aber nicht unbedingt hören. Das ist unschön. Ach, und wenn du reden könntest, würdest du wahrscheinlich eh nur so banale Fragen stellen wie – warum?« Er lachte affektiert. »Warum? Das interessiert doch wirklich niemanden. Warum? Darum.«
»Das war nicht so gut«, sagte Severin kleinlaut zu seiner Frau am Telefon. »Die Details erkläre ich dir später. Wir sollten uns aber schon mal auf eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs vorbereiten.«
Nichts hatten sie gefunden beziehungsweise nicht denjenigen, den sie erhofft hatten, als sie an Förster vorbei in dessen Arbeitsapartment gestürmt waren und Schlafzimmer inklusive Schränke und Bad durchsucht hatten. Nichts. Nur ein tobender Kükenschredder-König – und ein verschrecktes junges Mädchen.
»Sag mal, ist der ein Kinderficker?«, fragte Severin seine Frau am Telefon. »Da war ein sehr junges Mädel … was? … Ach so, die ist sechsundzwanzig … Echt? Na, dann ist gut.«
Florian kickte mit den Händen in den Hosentaschen auf dem Bordstein nach imaginären Kieseln, und Cosmo starrte zu den Neonlichtern der Schauburg in der Ferne. Die Nacht war mild. Aus einem italienischen Restaurant in der Nähe wehte Knoblauchduft herüber. Ein Blaulicht flackerte durch die Szenerie. Hatte doch jemand die Bullen gerufen. Cosmo, Florian und Severin setzten sich in Bewegung und stiegen schnell in den Tesla. Als der Streifenwagen vor dem Haus hielt, waren sie schon eine Kreuzung weiter.
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