»Schaut ja gruselig aus, voll berlinmäßig«, kommentierte Cosmo. »Wen sollte Dad hier kennen?«
Florian starrte auf sein Smartphonedisplay und ging ein paar Schritte die Straße entlang. Nun holte auch Cosmo sein Handy hervor und öffnete die Tracking-App. Das Signal kam eindeutig von hier. Aber nicht aus einem der Häuser. Cosmo wartete auf eine Lücke im Verkehr und lief dann hinüber zur Trambahnhaltestelle in der Straßenmitte. Er ahnte, wo er suchen musste und wurde schnell fündig.
»Ich hab es!«, rief der den anderen über die Straße zu. Er holte das zertrümmerte Mobiltelefon seines Vaters aus dem Mülleimer an der Haltestelle.
»Scheiße, das hat einer kaputt getreten«, kommentierte Severin, als sie unter einer Straßenlaterne das Telefon begutachteten. »Erstaunlich, dass die Tracking-App f noch unktioniert.«
»Wahrscheinlich ist nur das Display wirklich hinüber«, sagte Cosmo.
»Scheiß auf das kaputte Handy«, rief Florian mit zitternder Stimme. »Wo ist denn jetzt Papa?« Er schaltete die Taschenlampe seines Smartphones an und lief suchend zwischen den parkenden Autos herum.
»Fuck.« Severin rief seine Frau an. »Bella-Maus, sorry, dass ich … ja, haben wir. … Nein … nein. Eben … darum rufe ich an. Habt ihr einen Fall, bei dem sich Max in Schwabing herumtreiben könnte? … Ah, okay. … Förster, Elisabethstraße … ja, kenn ich … okay, und welche Hausnummer?«
34
Tanja Heinbuch sah nervös auf ihre Uhr. Wo blieb der Trottel! Sie hätte schon längst bei den anderen Mädels im Gsindl sein müssen, bei der Geburtstagsparty von Nicky. Fuck. Gut, es war noch nicht ganz zehn Uhr, und vor halb elf war die ganze Blase eh nicht im Gsindl, aber Tanja hasste es, die Letzte zu sein. Sie zündete sich eine Zigarette an und hüpfte ungeduldig von einem Bein aufs andere, während sie an dem Pickel herumpulte, der ihr heute Abend wie aus dem Nichts an der rechten Schläfe aufgetaucht war. Nie wieder, so schwor sie sich, wirklich und diesmal definitiv endgültig, nie wieder würde sie für Geli die Schlüsselübergabe machen. Die machte sich einen faulen Lenz in Barcelona und Tanja durfte Gelis Airbnb-Geschäft managen. Sicher, sie verdiente ein bisschen Geld damit, dass sie Schlüssel übergab und wieder abnahm, dass sie nach Abreise der Gäste die Wohnung kontrollierte und saubermachte, wenn Geli nicht da war. In letzter Zeit war Geli häufig nicht da. Fuck, Geli!
Da kam ein ziemlich übergewichtiger Kerl mit riesigem Rucksack und ›Make America Great Again‹-Käppi schnaufend auf sie zugewankt. Voll der Abtörner, der Typ, und dann auch noch Trump-Fan.
»Hi, I’m Riley Meusebach, are you Tanja?« Er streckte ihr die fleischige Hand entgegen und versuchte zu lächeln. Er sah völlig übermüdet und fertig aus.
Hatte er eben ihren Namen als ›Tänscha‹ ausgesprochen? Hatte er ›Mjusibäck‹ gesagt? Laut Anmeldung hieß er doch Meusebach. Egal, Riley – das war er. Tanja übergab ihm die Schlüssel und erklärte ihm die nötigsten Dinge in der Wohnung in dem holprigen Englisch, zu dem sie gerade so fähig war. Englisch war noch nie eine ihrer Stärken gewesen. Eigentlich funktionierte alles ganz normal, war ihre Schlussbemerkung: »Efrising is normäl.« Dann gab sie ihm noch den Zettel mit dem Wlan-Passwort und verabschiedete sich hastig.
Wenn etwas sei, so rief Riley ihr hinterher, dann könne er sie doch anrufen?
»Kall mi? Jes, ju känn«, rief sie über die Schulter hinweg. Ihre Nummer hatte er ja. »Ach«, sie kehrte noch mal kurz um. »Ganz vergessen, äh, nierly forgotten. Se apartment is on se eleven floor. Eleven, okay?«
»Okay, got it!« Riley winkte ihr nach, obwohl sie gar nicht nett gewesen war. Was konnte er denn dafür, dass er am Marienplatz erst in die falsche U-Bahn umgestiegen war und dann erst wieder hatte zurückfahren müssen. Beim Haustürschloss erwischte er natürlich zuerst den falschen Schlüssel. Dann stand er vor dem Aufzug und las stirnrunzelnd das Schild ›Außer Betrieb‹. Sein Highschool-Deutsch war so erbärmlich. Er hatte schon in den wenigen Stunden hier feststellen müssen, dass er besser niemanden wissen ließ, dass er mal Deutsch gelernt hatte. ›Außer Betrieb‹, das verstand er dennoch. Fluchend machte er sich im Treppenhaus daran, die Stiegen in den elften Stock zu erklimmen. Scheiß-Airbnb, das würde gewaltige Punktabzüge bei der Bewertung geben.
Er wird dich vergewaltigen und foltern und töten und es wird sehr schmutzig werden. Max Pfeffer konzentrierte sich aufs Atmen. Vergewaltigung, das würde er irgendwie ertragen können. Folter wahrscheinlich nicht. Pfeffer versuchte eine sachliche Analyse. Er war ausgestreckt auf dem Bett gefesselt, alle viere von sich gestreckt. Ganz nüchtern betrachtet, bot das für sexuelle Aktivitäten nur eine Möglichkeit. Das bedeutete, für mehr müsste man ihn zumindest an den Beinen losmachen und … Er ließ seine Augen langsam die Decke entlangwandern. Dann sah er die großen Haken, die dort verdübelt waren. Von ihnen hingen kräftige Seile herab, die in ledernen Manschetten endeten. Höchstwahrscheinlich würde er also an den Beinen losgebunden und dann mit den Beinen nach oben neu fixiert werden.
»Die kleine Polly war echt leichtgläubig«, erzählte die Stimme weiter. »Ich habe ihr gesagt, dass ich Nachforschungen anstellen werde und dass sie erst einmal ruhig bleiben soll. Sie sollte niemandem etwas sagen. Klar. Die Polizei könnten wir ja immer noch rufen. Leider hat sie den Reif mitgenommen und irgendwie herausgefunden, dass man den einen Widderkopf abschrauben kann. Da hat sie mich dann angerufen und mir von dem Zettel mit ›Pops23‹ erzählt. So ein Fuck, kannst du dir das vorstellen? Wozu in aller Welt schreibt sich dieser verblödete Elvedin meinen Nickname auf einen Zettel und versteckt ihn in seinem Armreif? War er zu blöd, sich Namen zu merken? Na, das werden wir nie erfahren.«
Pfeffer hörte ein schmatzendes Geräusch, kurz danach roch es angenehm dezent nach einem herben Duft. Dann die feuchte Berührung am Unterschenkel links. Eine Zunge. Er wurde abgeleckt, danach rieben Hände sanft über seine Haut. Er wurde erst abgeleckt und danach eingeölt. Pfeffer grunzte und räkelte sich ein wenig, weil er gelernt hatte, dass Menschen auf Rohypnol sehr wohl zu inhaltlich passenden Äußerungen und koordinierten Bewegungen fähig sind – sie können sich nur nicht mehr daran erinnern. Wenn er komplett schweigen und starr daliegen würde, würde das verdächtig wirken.
»Du schmeckst geil.« Dann: »Das Zeug hier riecht ganz gut, oder? Gar nicht schlecht. Ich finde, eingeölt seht ihr immer noch besser aus. Wobei … du bist leider ein bisschen käsig, muss ich schon sagen. Es hat schon seinen Grund, warum ich Südländer bevorzuge. Da glänzt die Haut so erotisch kupfern. Die Polly war ja auch so käsig. Fast weiß. Es war schon beinahe rührend, wie sehr sie mir vertraut hat. Als ich ihr dann ein Treffen in aller Herrgottsfrühe vorgeschlagen habe, da war sie nicht mal ansatzweise misstrauisch. Ich habe mir eine mords Räuberpistole ausgedacht, um sie einzulullen, was ich alles Geheimes herausgefunden hätte, aber sie war überhaupt nicht misstrauisch. Die hielt das für Cluedo oder so. Sagt einfach zu. Kannst du dir das vorstellen? Sagt die einfach zu und kommt dann pünktlich zu ihrer Hinrichtung. Ts, frisch vom Dancefloor. Leider bist du dann ein paar Augenblicke zu früh aufgetaucht! Böser Bube. Sonst hätte ich sie noch besser präparieren können, dass alle, auch du, mein Süßer, an ein echtes Sexualverbrechen geglaubt hätten. Das blöde Gestochere mit dem Holzdings, das tut mir echt leid. Das hatte sie nicht verdient, aber du hast mir keine Zeit gelassen.«
Pfeffer grunzte.
»Ja, das gefällt euch allen. Schade, schade«, es wurde gegen seinen Penis geschnippt, »das ist wirklich ein unschöner Nachteil von Roofies. Schlaffe Pimmel. Aber man kann nicht alles haben.«
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