»Was?!« Tyran war schockiert. Er hockte sich neben Pablo und streichelte ihn.
Die Señora nickte. »Es wäre sein sicherer Tod gewesen, wenn ich ihn nicht mit nach Hause genommen hätte.«
»A-Armer Pablo«, sagte Timmy und gesellte sich zu Tyran und dem Briard.
»Menschen sind so böse!« Die Señora rümpfte die Nase. »Ohne sie würden wir alle in Frieden zusammenleben und Pablo könnte jetzt spre–« Aufgebracht hielt sie inne und holte erneut aus. »Was ich damit sagen will, ist, dass Noblas für ihr Wesen nichts können. Sie sind ein Produkt des Menschen!«
»Mama«, sagte Tyran, »du weiß doch, dass wir niemals was mit Menschen zu tun haben wollen!« Er wandte sich an seinen Bruder. »Nicht wahr, Timmy?«
Timmy nickte eifrig.
»¡Muy bien!, dann werdet ihr auch niemals enttäuscht werden!«
»Hast du denn schon mal mit einem Menschen gesprochen?«
»¡No! Das würde gegen unseren Ehrenkodex verstoßen!«
Tyran bemerkte Tränen in den Augen seiner Mutter und hakte nach: »Bist du dir sicher oder verschweigst du uns etwas? Wir sind doch schon zehn!«
» Erst zehn!«, flüsterte sie mit gebrochener Stimme. Ein Donnern ließ sie zusammenzucken. Kurz danach blitzte es. Ein Gewitter war aufgezogen. »Also merkt euch: Sprecht niemals –«
»Mit einem Menschen«, ergänzten Tyran und Timmy, die den Satz schon unzählige Male von ihrer Mutter gehört hatten.
Die Señora nahm ihre Sprösslinge an die Pfote. »Gut! Als Familie müssen wir aufeinander aufpassen. Nur gemeinsam sind wir stark! «
Tyran ließ nicht locker. »Mama, wir versprechen dir hoch und heilig, uns von den bösen Menschen fernzuhalten, aber können wir nicht trotzdem zum Casting?«
»¡Nooo!«, schrie die Señora.
Tyran wies beleidigt die Pfote seiner Mutter zurück, eilte aus dem Schlafzimmer, warf mit lautem Knallen die Tür hinter sich zu und lief ins Kinderzimmer.
Pablo war aufgesprungen und kratzte an der verschlossenen Tür. Mit einem fragenden Blick sah er zu Timmy.
»G-Gute Nacht, Ma-Mama«, sagte Timmy verlegen und verließ ebenfalls das Zimmer.
»Gute Nacht, Timmy«, antwortete die Señora abwesend.
Am frühen Morgen stand Smokey in Mister Darks Wohnwagen. Er schmunzelte.
»Und?«, fragte Mister Dark, während er ein Geldbündel nach dem anderen auf dem Tisch zu einer hohen Pyramide aufstapelte.
Der Schimpanse antwortete nicht.
Argwöhnisch blickte der Zirkusdirektor an der Pyramide vorbei zu Smokey. »Was hast du ausgefressen?«
»Ich werde den Höllenkreisel nochmals versuchen.«
»Bist du bescheuert? Wegen dieser Aktion musste ich beinahe den Laden hier dichtmachen!«
»Ist jetzt eh zu spät.«
»Was soll das heißen?«
»Habe Tellys zum Casting am Platz nahe dem Waldrand eingeladen.«
»Du hast was?« Mister Dark donnerte mit seiner Faust auf den Tisch, wobei die Geldpyramide umkippte und einige Bündel davon auf dem Teppich landeten. »Ohne mich um Erlaubnis zu fragen?«
»Ich hatte keine Zeit zu verlieren. Außerdem habe ich die Attraktion perfektioniert!«
»Mhm.« Nachdenklich lehnte sich Mister Dark zurück und schwieg.
Smokeys Hoffnung schwand von Sekunde zu Sekunde, je länger der Zirkusdirektor ihn im Ungewissen ließ.
»Gut«, kam es unerwartet. »Aber erhalte ich noch einmal schlechte Presse, bist du dran! Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Smokey nickte und verließ den Wohnwagen. Dieses Mal konnten Gordo und Elroy rechtzeitig ausweichen, bevor sie durch Smokeys schwungvolles Öffnen der Tür umgeworfen wurden. Trotzdem hörte der Schimpanse, während er die Stufen hinabstieg, irgendetwas auf den Schotter knallen. Suchend blickte er sich um und entdeckte wenige Meter vom Wohnwagen entfernt Jacks Besen. Dieser verdammte Schnüffler, dachte er.
Tyran blockte jedes versöhnliche Gespräch mit seiner Mutter ab. Selbst als sie ihn umarmen wollte, drehte er sich trotzig weg. Er musste unbedingt zum Casting und konnte nicht verstehen, warum Timmy sich mit einem Nein zufriedengab.
Auch als wenig später die Señora auf das alljährliche Familienfoto bestand, um eine schöne Erinnerung an ihre Sprösslinge zu haben, reagierte Tyran bockig. Er wollte lieber auf seinem Zimmer bleiben und schmollen. Letztendlich ließ er sich dann aber doch dazu überreden. In den vorangegangenen Jahren hatte er seine Mutter und Timmy mit Grimassen zum Lachen gebracht. Dieses Mal verzog er keine Miene. Dabei wäre das Foto perfekt gewesen, weil Pablo kerzengerade in die Linse der Sofortbildkamera hechelte, was noch nie vorgekommen war.
»Morgen wäre das Casting«, nörgelte Tyran, während er die Kinderzimmertür schloss.
»V-Vielleicht hat Mama recht und es ist zu g-gefährlich für uns.«
»Blödsinn!«
»L-Lass uns doch ein b-bisschen spielen.«
»Keine Lust.«
Tyran kehrte Timmy den Rücken, kletterte auf den Tisch und blickte aus dem Fenster. Er sah, wie seine Mutter mit Pablo am Kräutergarten unter einem Baum saß und zu ihm sprach. Er konnte spüren, dass sie über ihn redete. Neugierig steckte er seinen Kopf aus dem Fenster und lauschte.
»Schau mich nicht so an«, hörte er die Señora mit liebevoller Stimme sagen, während sie Pablo am Ohr streichelte.
Der Briard hatte seine Augen weit geöffnet und legte seinen Kopf gegen die kleine Pfoteninnenfläche der Igeldame.
»Du hast ja recht. Als ich in dem Alter war, in dem Tyran jetzt ist, wollte ich auch die ganze Welt erobern.«
Pablo wedelte mit dem Schwanz.
»Wahrscheinlich mache ich mir zu viele Sorgen, oder? Meinst du, ich sollte mir das erst mal anschauen und dann entscheiden?«
Pablo schnaufte erquickt.
»Ist ja schon gut. Noch eindeutiger geht es wohl kaum.« Die Señora lachte. »Danke, dass ich immer auf deinen Rat zählen kann.« Sie umarmte ihren Hund und ging wieder ins Haus. Der Briard legte sich unter den Baum, um ein Nickerchen zu machen.
Wenig später hörte Tyran Schritte näher kommen. Er sprang vom Tisch, legte sich schnurstracks ins Bett und drehte sich zur Wand.
Die Türe öffnete sich. »T-Tyran?« Die Señora kam herein.
Tyran wandte seinen Kopf, blinzelte mit einem Auge in ihre Richtung und sah, dass sie die Pfoten in den Hosentaschen ihrer Latzhose vergraben hatte.
»Ich habe mir die Sache noch mal durch den Kopf gehen lassen«, sagte sie.
Verwirrt drehte sich Tyran um. »Was meinst du damit?«
»Das Casting«, antwortete sie unsicher.
Tyran presste seinen Oberkörper in die Senkrechte. Seine Mutter hatte jetzt seine volle Aufmerksamkeit. »Nun sag schon!«, bohrte er ungeduldig nach.
»Wir können …«
»Was können wir?«
Die Señora holte kurz Luft und fing den Satz noch einmal von vorne an: »Wir können dort hingehen.«
»Wirklich? Das ist kein Witz, oder?«
Sie schüttelte den Kopf.
Sprachlos sah Tyran zu Timmy hinüber, der ebenso verdutzt zu sein schien, wie er es war. Dann riss er die Arme in die Höhe und ließ ein euphorisches »Jaaa!« ertönen, während er aufstand und zum Sprung ansetzte.
»¡No, Tyran!«, sagte die Señora und winkte ab.
Mit einem Hechtsprung landete Tyran auf seiner Mutter. Timmy tat es Tyran gleich. Die Señora lag schneller mit den beiden auf dem Rücken, als sie Luft holen konnte.
»Aber wenn es mir nicht gefällt, dann gehen wir wieder!«, stieß sie mit angestrengter Stimme aus.
»Einverstanden!«, erwiderte Tyran.
Freudig umarmten die beiden Igeljungs ihre Mutter und für einen kurzen Augenblick war ihre Welt wieder in Ordnung.
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