Zur gleichen Zeit aber kämpft etwas anderes darum, das Licht der Welt zu erblicken. Paul Hawken schrieb sein Buch Wir sind der Wandel: Warum die Rettung der Erde bereits voll im Gang ist – und kaum einer es bemerkt aus der Erkenntnis heraus, dass heute etwas historisch noch nie Dagewesenes passiert: Viele kleine und große Organisationen sprießen auf, um für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zu arbeiten. Hawkens ursprüngliche Schätzung ging von einer bis eineinhalb Millionen aus, doch inzwischen hat er ermittelt, dass es wohl weit mehr als zwei Millionen sind. »Aufsprießen« trifft das Geschehen, denn diese Bewegung ist nicht von oben nach unten organisiert: Die meisten Gruppen sind unabhängig, mit ihrer jeweils eigenen Leitung und ohne einheitliche Ideologie. Das spiegelt einen Wandel in unserem kollektiven Bewusstsein wider, der wohl gerade erst beginnt und zu dem auch der sich globalisierende Buddhismus gehört – und in dem er vielleicht sogar zu einem wichtigen Teil wird.
Wenn Erwachen heißt, diese leidende Welt zu transzendieren, dann dürfen wir deren Probleme getrost ignorieren, denn wir sind ja für einen besseren Ort bestimmt. Ist der buddhistische Pfad hingegen – ganz immanent – Psychotherapie, dann können wir uns weiterhin unseren persönlichen Neurosen widmen. Beide Auffassungen unterstellen und verstärken aber die Illusion – das Grundproblem an der Wurzel unserer Unzufriedenheit –, dass jede und jeder wesensmäßig von allen getrennt sei und deshalb gleichgültig für das sein könne, was den anderen und der Welt allgemein widerfährt.
Die Aufgaben, vor denen wir heute stehen, verlangen mehr von uns, als anderen Individuen zu helfen, ihr persönliches Gefühl von Getrenntheit aufzulösen (das wäre die klassische Aufgabe der Bodhisattvas). Das höchste Ideal der modernen westlichen Überlieferung war, die Gesellschaften so zu gestalten, dass sie sozial gerechter werden. Das wichtigste buddhistische Ziel ist, zu erwachen und (in einer Zen-Formulierung) die eigene Natur zu verwirklichen. Heute wird zunehmend offenbar, dass wir beides brauchen: nicht nur, weil diese Ideale einander ergänzen, sondern weil beide Arten von Befreiung einander benötigen. Der dritte Teil erörtert diese Beziehung zwischen persönlichem und gesellschaftlichem Wandel.
Wir sind hier, um aus der Illusion unserer Getrenntheit zu erwachen.
Thich Nhat Hanh
Im Kern der buddhistischen Lehren gibt es eine wichtige Zweideutigkeit. Das Problem ist nicht neu: Eine gewisse Ambivalenz scheint schon in einigen der frühesten, im Palikanon überlieferten buddhistischen Schriften auf. Heute allerdings, da der Buddhismus sich überall verbreitet und zur modernen Welt gehört, wird diese Unklarheit zunehmend lästig. Wenn die buddhistische Überlieferung ihr befreiendes Potenzial verwirklichen will – also nicht nur erfolgreicher als bisher individuelles Erwachen fördern, sondern überdies helfen will, ökologische und gesellschaftliche Aufgaben anzugehen –, dann müssen wir diese Zweideutigkeit auflösen.
Gautama Buddha sagte, er lehre bloß dukkha und sein Ende; in den Vier Edlen (oder »veredelnden«) Wahrheiten geht es ausschließlich um Dukkha, seine Ursachen, sein Ende und wie man es beendet. Gewöhnlich wird dukkha als »Leiden« übersetzt, doch dieses Wort trifft nur dann zu, wenn man es in seiner weitesten Bedeutung versteht, die auch allgemeine Besorgnis und Unzufriedenheit einschließt. Warum eigentlich sucht uns ein nagendes Unbehagen heim und trübt unsere Lebensfreude? Die Zweideutigkeit im Buddhismus, um die es hier geht, ist direkt damit verbunden, wie wir die Quelle unseres Dukkha verstehen: Ist die Natur dieser Welt selbst das Grundproblem, oder ist es unser Unvermögen, die Welt so anzunehmen, wie sie ist? Oder noch etwas anderes?
Das »Ende des Leidens« ist dem frühen Buddhismus zufolge Nirvana, was wörtlich so etwas wie »ausgeblasen« oder »abgekühlt« bedeutet. Es ist nicht ganz klar, worauf sich diese Bilder genau beziehen, denn der Buddha umschrieb das Wesen von Nirvana hauptsächlich mit Negationen (das Ende von Begehren, Unwissenheit und so weiter) und einzelnen Metaphern (Schutz, Hafen, Zuflucht und so weiter). Damit bleibt die Frage offen: »Was für eine Zuflucht?«
Die offenkundige Zurückhaltung des Buddha, das Ende des Leidens zu definieren, lässt uns mit der wichtigen Unklarheit zurück, ob Nirvana für das Erreichen einer anderen Dimension von Wirklichkeit steht, die diese Welt transzendiert, oder ob es um eine Erfahrung geht, die dieser Welt immanent ist, eine Seinsverfassung, die man eher psychologisch verstehen und (beispielsweise) als Ende von Gier, Übelwollen und Verblendung im jetzigen Leben beschreiben könnte. Muss Nirvana nicht entweder das eine oder das andere sein?
Besonders sinnfällig wird diese grundlegende Zweideutigkeit heute am Gegensatz zwischen zwei Lesarten des Palikanons. Die eine versteht Nirvana als eine nichtbedingte (asamskrta) Sphäre oder Dimension; die andere zeigt sich in der »Psychologisierung« des US-amerikanischen Buddhismus, die man neuerdings besonders in der Popularität der Achtsamkeitsbewegung sehen kann. Wenn wir den Unterschied zwischen diesen beiden verstehen, dann werden wir eine dritte Möglichkeit erkennen, die weder auf die Transzendierung dieser Welt noch auf ihre Annahme als solcher (wie sie ist oder zu sein scheint) abhebt. Stattdessen fasst sie die Welt, die wir normalerweise erleben – einschließlich der Art, wie wir uns selbst normalerweise erleben –, als psychisches und soziales Konstrukt auf, das sich dekonstruieren und rekonstruieren lässt. Wir müssen nichts erlangen und auch keinen anderen Ort erreichen, aber ebenso wenig müssen wir die üblichen, von der Moderne unterstellten Möglichkeiten annehmen. Was uns nottut, ist, zu erkennen, dass diese Welt ganz anders als unsere üblichen Annahmen über sie und uns ist.
Die frühesten buddhistischen Lehren wurden im sogenannten Palikanon gesammelt, der annähernd elfmal so lang ist wie die Bibel. Das darin enthaltene Material ist so umfassend und vielfältig, dass fast jede Verallgemeinerung riskant wäre. Das gilt besonders für das Wesen von Nirvana. Dieses Buch ist zwar nicht der Ort einer umfassenden Analyse des Kanons, es ist aber wichtig, sich einige der – vielleicht nur scheinbaren – Widersprüchlichkeiten anzusehen, wie Nirvana umschrieben wird. Zahlreiche Abschnitte in den Nikayas – den Schriften des frühen Buddhismus – legen anscheinend Transzendenz nahe, aber vielleicht ebenso viele lassen sich im Sinne von Immanenz verstehen. Bevor wir das Thema näher betrachten, sollten wir zunächst klären, worauf wir uns einlassen.
Der Überlieferung zufolge wurden die Texte des Palikanons auswendig gelernt und wenigstens dreihundert Jahre lang mündlich weitergegeben, bevor man sie aufgeschrieben hat. Wie genau sie die tatsächlichen Worte des geschichtlichen Buddha bewahren und inwieweit es in jener Phase schon zu Bearbeitungen und Veränderungen gekommen ist, ist eine Streitfrage, die man vielleicht nie beilegen kann. Möglicherweise freuen wir uns an der Vorstellung, die Sutras würden uns direkt mit dem verbinden, was der Buddha tatsächlich gesagt hat, doch so einfach ist das nicht. Religiöse Lehren können sich rasch entwickeln, zumal in ihrer Frühzeit, wenn jene Institutionen gerade erst entstehen, die das Erbe des Stifters bewahren sollen. Die Gleichnisse Jesu, eines apokalyptischen jüdischen Propheten, wurden im Verlauf von nur einer Generation von seiner neuen Rolle als auferstandener Gott, der uns retten kann, überschattet. Das war der außerordentlich erfolgreichen Missionstätigkeit des Paulus zu verdanken, der dem lebendigen Jesus zwar nie begegnet war, anscheinend aber besser als alle anderen wusste, was dieser tatsächlich gemeint hatte. Wie sicher dürfen wir da sein, dass die Bearbeiter des Palikanons das vom Buddha Gemeinte zutreffend erkannt hatten und seine Lehre nun genau überlieferten?
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