Zu Eschlis Beerdigung erschienen über 1.000 Rocker – Bandidos aus ganz Europa. Sie bedeckten seinen Sarg mit den Farben des Klubs und führten Memorial Runs – Ausflüge auf Motorrädern – in Erinnerung an den Verstorbenen durch. In dem Buch ist auch ein Bild von Eschli abgedruckt, ergänzt mit den szenetypischen Codes „Expect no Mercy“ und „G.N.B.F.“. Der erste wird Mitgliedern verliehen, die sich durch Gewalt verdient gemacht haben. Die Abkürzung „G.N.B.F.“ steht für „Gone but not forgotten“. Zur Beerdigung erschienen auch Mitglieder aus der Gelsenszene und zeigten ihr Banner. Zudem fand sich unter den zahlreichen Kränzen auch ein blau-weißer der „Ultras Gelsenkirchen“.
Eschli ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass die Hooliganszene in Gelsenkirchen zwar gewaltbereit ist, dabei aber Neonazis eher fern steht. Ein Mitbegründer der Gelsenszene war Pele Corral. Der gelernte Speditionskaufmann arbeitete für die „Raveline“ (ein Magazin für elektronische Tanzmusik, das in Gelsenkirchen entstanden ist) und betrieb dann eine eigene DJ-Booking-Agentur. Auch er ist begeisterter Schalke-Fan und Gewalt gegenüber nicht abgeneigt. Im Interview mit dem Fanmagazin „Schalke unser“ sagte er: „Was wir machen, ist eine Art Sport unter Gleichgesinnten. Da kommt selten jemand Fremdes zu Schaden.“ Auf die Frage „Was sagst du zum Thema Rassismus bei Hools?“ antwortete er: „Nichts … soll doch mal einer von denen kommen.“ Heute arbeitet Pele Corral in Portugal als DJ.
An die Leser_innen: Sachlichkeit statt Medienpanik
Ein Buch über Hooligans zu schreiben, trifft auf verschiedene Probleme. Denn zum einen entsteht um die Themen Fußballfankultur generell und Hooligans speziell oftmals Panik. Nicht selten erreichen auch mich Interviewanfragen, in denen Hooligans, Ultras und Fanklubs grob über einen Kamm geschoren werden. Interviewer fragen, weshalb „Fußballfans“ immer so ein Problem seien, wobei man noch im Vorgespräch auf die nötige Differenzierung hingewiesen hat. Insofern sei diesem Buch eines vorweggeschickt: Es ist kein Buch über Fußballfankultur generell. Viele Fans und Fangruppen gehen ihrer größten Leidenschaft mit enormem Einsatz nach, feiern friedlich und singen für ihr Team. Und auch bei den Gewalttätern muss sich eine Gesellschaft stets fragen, was sie dazu beigetragen hat, dass jugendliche Fußballfans Gewalt ausüben. Dies hier ist ein Buch über Hooligans, die nicht mit der großen Masse an Fans verwechselt oder gar vermischt werden dürfen.
Dennoch wird ein Buch über Hooligans wohl auch als Teil eines Sicherheitsdiskurses gelesen, der oftmals dramatisierend und alarmistisch geführt wird sowie teilweise zu unangebrachten Superlativen neigt. Seine Kernmetapher ist die „neue Dimension der Gewalt“: Von der „Süddeutschen Zeitung“ am 7. Mai 2010 über Krawalle zwischen Fans von 1860 München und Waldhof Mannheim, der „Berliner Zeitung“ am 7. März 2012 über Angriffe von Kölner Hooligans auf Gladbacher Fans und der „Frankfurter Rundschau“ am 21. Januar 2014 über eine Schlägerei von Kölner Ultras mit Schalkern bis zur „Mittelbayerischen Zeitung“ am 7. Februar 2017 nach den Ausschreitungen von BVB-Fans gegen die Anhänger von RB Leipzig: Sie alle schreiben von einer „neuen Dimension der Gewalt“.
Es ist unbestritten, dass diese Vorfälle von physischer Gewalt geprägt waren, aber erreicht die Gewalt im Fußball wirklich alle paar Jahre eine „neue Dimension“? Nach welchen Kriterien ließe sich dies überhaupt messen? Die Metapher scheint eher dem Arsenal dramatisierender Debatten geschuldet zu sein: zwischen sicherheitspolitischen Interessen und medialem Auflagenverkauf. Jedoch hilft sie nicht weiter, um eine Lage angemessen zu beschreiben oder gar zu differenzieren. Letztlich bleibt dies aber die Aufgabe. Dabei muss unterschieden werden zwischen differierenden Gewaltformen, Anlässen, Phänomenen, Standorten und Strömungen in den jeweiligen Fanszenen. Zudem muss dies eingebettet werden in eine Beschreibung unserer Gesellschaft und der Landschaft des Fußballs mit all seinen Akteuren, von den Vereinen und Verbänden über Fans und Fanprojekte bis hin zur Polizei.
Ein zweites Problem ist die Quellenlage: Zwar existieren ganze Regale an Publikationen zu Hooligans und noch mehr Zeitungsartikel. Doch viele bilden nur punktuelle Ausschnitte ab, zumeist verbunden mit Ereignissen, die für gesellschaftlichen Aufruhr sorgten – wie die „Hooligans gegen Salafisten“. Zudem ist die letzte breiter angelegte Studie zu Hooligans 16 Jahre alt. Jenseits dessen liegen viele Fanzines der 1980er und 1990er Jahre in teilweise privaten Kellern und Archiven. Es existiert kein Archiv der „Fanszenen in Deutschland“, welches eine zentrale und geordnete Recherche ermöglichte. Im Gegenzug haben die sozialen Medien zu einer schieren Informationsflut geführt: Videos, Bilder und Memes werden zuhauf gepostet. Hier besteht die Aufgabe eher darin, zu sortieren, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und zu einer Analyse zu führen. Überdies erschweren die Gewalt und Verstrickungen in kriminelle Machenschaften die Recherche. Denn vieles, was Hooligans betreiben, findet nicht den Weg in die Öffentlichkeit. Es war nicht einfach, gesprächsbereite Kenner von „Matches“ und rechten Kampfsportturnieren zu finden. Das Bedürfnis nach Anonymität und Schutz vor Strafverfolgung ist sehr hoch. Somit sind die hier angeführten Orte, Entwicklungen und Daten als sequenzielle Reise durch die Szene zu lesen, wobei niemals ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann.
Darüber hinaus scheint auch in den bisherigen Schilderungen immer wieder auf: Bei Taten von rechten Hooligans gibt es meistens drei beteiligte Personen bzw. Gruppen: erstens die Täter, zweitens die Opfer und Betroffenen, drittens die Zuschauer und Dabeistehenden, die einschreiten oder auch nicht. Die letzten beiden werden in der öffentlichen Debatte allzu oft vergessen. So dürfte die Anzahl der Opfer und Betroffenen der Gewalt rechter Hooligans die Zahl der Täter bei weitem übersteigen. Doch Fußballfanszenen sind oftmals wie ein Dorf. Jeder kennt fast jeden, über wenige Ecken kennen sich alle. Dies hat Folgen für die Gewalt: Anzeigen werden äußerst selten erstattet. Zu groß ist oft die Angst der Betroffenen, in der Fanszene isoliert zu werden. Oder auch davor, dass die Polizei keinen ausreichenden Schutz gewährleisten kann. So berichten Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt unisono, dass sie überraschend wenig Kontakt zu Fußballfans haben. Umso größer ist die Dunkelziffer. Fälle, die nicht bekannt werden.
Dennoch diente letztlich eine Vielzahl an Quellen für dieses Buch: ältere und neuere Fanzines, Accounts und Posts auf Facebook, VK sowie Instagram, Interviews und informelle Gespräche mit aktiven sowie ehemaligen Hooligans, Polizisten, Experten und Zeitzeugen des Fußballs der 1980er und 1990er Jahre, Fans, die sich gegen Gewalt engagieren, Wissenschaftler und Pioniere der Fanprojektarbeit sowie gerichtliche Akten, Urteile, Zeitungsberichte, Bücher und Broschüren. Und vor allem: eigene Beobachtungen, von Demonstrationen bis hin zu Kampfsportturnieren mit teilweise sehr rechtem Publikum. Mit dem Ziel, die Szene und ihre Entwicklungen zu beschreiben – für eine breite, interessierte Leserschaft.
Zu guter Letzt sei noch auf den Unterschied zwischen Verstehen und Verständnis hingewiesen: Verstehen bedeutet, Logiken und Denkweisen ein Stück weit nachvollziehen zu wollen, um einordnen zu können, was Hooligans zu Gewalt bewegt, wie sie diese organisieren und welchen Einflüssen sie unterliegen. Verständnis hingegen würde Sympathie oder gar Unterstützung bedeuten. Somit bietet dieses Buch Streifzüge durch die von Gewalt geprägte Welt der Hooligans. Es gibt Einblicke und versucht sich dabei weder verharmlosend noch alarmistisch zu geben.
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