Anders bei den „Hooligans Elbflorenz“. Auch ihre Zaunfahne hing lange im K-Block, auch sie waren an Gewalttaten im Umfeld von Fußballspielen sowie an „Drittorten“ beteiligt. Zur Last gelegt wurden Teilen der Gruppe auch Überfälle auf türkische Dönerläden in der Dresdner Innenstadt nach dem Spiel der DFB-Auswahl gegen die Türkei im Juni 2008. Einige Gruppenmitglieder waren früher bei den „Skinheads Sächsische Schweiz“, die mit 120 gewaltbereiten Neonazis eine der größten Kameradschaften der vergangenen Jahre darstellte. Sie wurde 2001 verboten.
Die Aktivitäten der „Hooligans Elbflorenz“ führten letztlich zu einem juristischen Präzedenzfall am Landgericht Dresden. Der Vorwurf: Gründung einer kriminellen Vereinigung. Der Fanforscher Jonas Gabler charakterisierte die „Hooligans Elbflorenz“ in einem für das Verfahren erstellten Gutachten: „Aus meiner Sicht besteht kein Zweifel daran, dass die ‚Hooligans Elbflorenz‘ dieser Szene (des modernen Hooliganismus, Anm. d. Autors) zuzurechnen sind. An Spieltagen treten sie kaum in Erscheinung und beteiligen sich nicht an spontanen Auseinandersetzungen.“ Stattdessen seien die Aktionen gut geplant. Das Gericht verurteilte fünf führende Mitglieder der Gruppe im April 2013 wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, gefährlicher Körperverletzung sowie teilweise Landfriedensbruchs. Vier der Täter erhielten Haftstrafen zwischen neun Monaten ohne Bewährung und vier Jahren. Ein weiterer bekam eine Geldstrafe über 3.000 Euro. Nach einer durch die Angeklagten eingereichten Revision wurde das Urteil zu großen Teilen vom BGH bestätigt. Die Folgen des Urteils in der juristischen und polizeilichen Praxis müssen abgewartet werden. Aus Angst vor einer schärferen Strafverfolgung haben einige Gruppen Auflösungserklärungen veröffentlicht.
Magdeburg: Hooligans im Amateurfußball
Zugleich ist diese Entwicklung nicht ganz neu, Auflösungen unter Verfolgungsdruck und staatliche Verbote haben eine Vorgeschichte. Die „Blue White Street Elite“ hatte sich 2005 nach ihrem Vorbild aus dem englischen Kinofilm „Hooligans“ gegründet und war eine rechtsextreme Gruppe in der Fanszene des 1. FC Magdeburg. Ihr Gruppenkern bestand aus 15 bis 20 Personen, doch konnten sie bis zu 60 für Gewalttaten mobilisieren. Man verstand sich als „Fight Club“, ging aus verschiedenen Kameradschaften im Jerichower Land hervor und beging Übergriffe auf Linke sowie gegnerische Fußballfans. Die Gruppe wurde von Sachsen-Anhalts Verfassungsschutz beobachtet und am 1. April 2008 vom Innenminister verboten. Zunächst bestätigte das Oberlandesgericht das Verbot, doch wurde es im zweiten Rechtsgang 2010 aufgehoben.
Nur ist die Geschichte damit nicht am Ende. Führende Mitglieder der Gruppe gründeten 2011 den Fußballverein „FC Ostelbien Dornburg“ und meldeten sich für den Spielbetrieb im lokalen Amateurfußball an. Der Hintergrund des Klubs war den Verantwortlichen in den Sportstrukturen Sachsen-Anhalts bewusst, trotzdem erstritt sich der Verein vorerst seine Spielberechtigung. 2015 erhielt er dann abermals Aufmerksamkeit: 49 von 56 Schiedsrichtern im Kreis weigerten sich, weitere Spiele mit Beteiligung des „FC Ostelbien Dornburg“ zu leiten, auch andere Vereine wollten nicht mehr antreten. Anlässe hierfür gab es zu Genüge: Regelmäßig fielen Spieler, Trainer und andere Vereinsmitglieder durch Diskriminierungen und Gewaltausbrüche auf dem Rasen auf.
„Fitim Cimili muss schnell vom Platz. Der kleine, dunkelhaarige Spieler ist an einem Samstag zum Freiwild auf dem Platz des SG Blau-Weiß Niegripp geworden. Insbesondere Dennis W. vom FC Ostelbien Dornburg lässt dem Kosovo-Albaner keine Ruhe mehr. Erst spuckt er ihm ins Gesicht, und nachdem der protestierende Cimili vom schreienden Schiedsrichter zum Schweigen verdonnert wird, rückt ihm W. auf den Leib, schubst und drangsaliert ihn, lässt ihm fast keinen Bewegungsspielraum mehr. Der Trainer wechselt Cimili umgehend aus. Ein Betreuer schickt ihn mit dem Rat in die Kabine, sich nicht mehr blicken zu lassen, bis die Gäste das Gelände verlassen haben. ‚Wenn die Dornburger in Rückstand geraten, drehen die frei‘, wird nach der Partie ein Niegripper Spieler sagen. Dass sie dabei Cimili ins Visier nehmen, ist kein Zufall. Er ist der einzige Ausländer im Team von Niegripp und zudem im nahegelegenen Burg auch noch für die Jusos und gegen Ausländerfeindlichkeit aktiv“, beschreibt Johannes Kopp in der „TAZ“ eine Partie im April 2015.
Stets mittendrin: Dennis W., Stürmer, gewalttätig, Rückennummer 18 – der Neonazicode für „Adolf Hitler“. Jenseits des Platzes kandidierte er 2014 für die NPD zum Bürgermeister der nahegelegenen Gemeinde Stresow und griff einen Gegenkandidaten tätlich an. Eine Gemeinde, in der zur Landtagswahl 2011 knapp 25 % NPD gewählt hatten. W. gewann die Wahl nicht. Der Landessportbund Sachsen-Anhalt (LSB) schloss den FC Ostelbien wegen „Verstößen gegen sportliches Verhalten oder gegen die Interessen des LSB“ sowie wegen der „Duldung extremistischer, rassistischer und fremdenfeindlicher Gesinnung“ auf Antrag des Fußballverbands Sachsen-Anhalt 2015 letztlich aus. W. zog nach dem Verbot des FC Ostelbien Dornburg weiter und sorgte auch bei seinem neuen Verein für Gewalt und Ärger. Die nächste Gewalttat ist nicht ausgeschlossen, hat er sich doch nie von seiner Vergangenheit distanziert. Hooligans im Amateurfußball.
Gelsenszene: rockernah und nazifern
An den Beispielen aus Dresden und Magdeburg wird schnell deutlich: Oft haben Hooligans Kontakte in Neonazi-Kreise oder gehören ihnen selber an. Sie bewegen sich in rechten Milieus und sind an rassistischen Gewalttaten beteiligt. Nur beschreibt dies nicht die gesamte Hooliganszene in Deutschland. Denn in Gelsenkirchen beispielsweise hatte sich über Jahre eine Szene entwickelt, in der sowohl Sinti Mitglied waren wie auch schwarze Hooligans. Darüber hinaus prägte die Nähe zu den Rockern der Bandidos die sogenannte Gelsenszene.
Symbolisch hierfür steht die Geschichte von Rudi Heinz Elten. Er war langjähriges Mitglied der Gelsenkirchener Hooligans, unter dem Namen Eschli bekannt und nutzte seine Gewaltbereitschaft für eine kleine Karriere in der Rockerszene, bei den Bandidos aus dem Pott. Eschli gehörte zu den jungen Schlägertrupps, was ihm letzten Endes zum Verhängnis wurde. Am 8. Oktober 2009 erschoss ihn ein Hells Angel und MMAKämpfer an einer Straßenkreuzung in Duisburg. Es war das vorläufige Ende eines fragilen Rockerfriedens.
Peter Maczollek und Leslav Hause haben Eschli ihr Buch „Ziemlich böse Freunde“ gewidmet. Maczollek ist einer der drei „Vice Presidents Germany“ der Bandidos. In dem Buch erzählen sie, wie die Rocker in Deutschland aus den Jugendgangs entstanden, wie die „Ghostrider“ 1999 aus dem Ruhrpott zu den Bandidos wechselten, dass Les Hause in der Jugend für Schalke 04 spielte und wie ihn ein Vereinsanwalt aus Ärger „boxte“. Die Gewaltneigung beider Szenen wird dabei nicht verschwiegen. Doch grenzen sie sich strikt von Neonazis ab: „Was uns mit Sicherheit von den Rot-Weißen maßgeblich abhebt, ist die Offenheit des Clubs gegenüber anderen Ethnien. Die Bandidos lehnen es strikt ab, Anwärter aufzunehmen, die Mitglied in einer neonazistischen Partei sind oder anderweitig rassistische Aktivitäten ausüben und diese im Club weitergeben wollen.“ Mit den Rot-Weißen sind die Hells Angels gemeint.
Über Eschli schreiben die beiden: „Eschli kam aus einer Sinti-Familie und war ein Heißsporn. Aber einer, der das Herz am richtigen Fleck trug. Der Junge hatte seine ‚Karriere‘ bei den Schalker Hools gemacht, bevor er mit Anfang 20 bei uns vorstellig wurde. Wir spürten sofort, dass uns da ein Wildpferd gegenüberstand, das nur sehr schwer zu bändigen sein würde.“ So begann Eschlis Hang zum Ärger nicht nur auf Gegenliebe bei den Bandidos zu stoßen: „Auch diese ganze Hooligansache ging uns manchmal mächtig auf den Geist, obwohl wir sehr gute Kontakte zu den Führungsmitgliedern der Gelsen-Szene haben. Es nervte eben, weil Eschli ständig bei irgendwelchen Ausschreitungen im Vordergrund stehen musste.“ Doch traditionelle Werte wie Solidarität und Loyalität werden in dem Buch oft beschworen.
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