So wie sich das System „Familie“ in sich ständig wandelt und so wie sich die einzelnen Individuen mit den anderen austauschen und gegenseitig ergänzen, so empfinden wir auch die Natur, den Garten, die Landwirtschaft … als Kreislauf des Miteinanders. Dies bildet für uns die Grundlage unseres Handelns und Denkens und ist auf alle Lebensfelder übertragbar – also auch auf das Gärtnern und Landwirtschaften in und mit der Natur, genauer in der Permakultur und in weiterer Folge der Wildniskultur.
Unsere Familie: Kilian, Jakob und Lion Felix (vorne v. l. n. r.), Sandra und Johnny (hinten)
Gerne stellen wir uns vor und erzählen dir unsere Geschichten aus unserem Leben, wir berichten von unserer Entwicklung vom Leben eines durchschnittlichen österreichischen Konsumenten hin zum ökologisch bewussteren Denken und Handeln. Denn all unsere Entscheidungen in den letzten 17 Jahren waren geprägt von Veränderungen, Anpassungen und vor allem vom Eröffnen neuer Horizonte der Vielfalt.
Weder meinem Mann Johann Peham, den ich im weiteren Verlauf nur noch Johnny nennen werde, noch mir, Sandra Peham, war vor fast zwei Jahrzehnten klar, welchen Weg wir in Zukunft gehen werden. Ich war glücklich einen liebevollen, naturverbundenen Menschen gefunden zu haben, der mir hilft, meine starren Gedanken aufzuweichen, und bei dem ich einfach ICH sein durfte. Und Johnny war einfach happy. Ich habe selten zuvor einen so angstfreien Menschen getroffen … schon fast einen Lebenskünstler (jedenfalls für mich, die ich ja recht konservativ und steif durch die Welt ging).
Johnny ist auf einem kleinen Nebenerwerbsbauernhof im oberösterreichischen Bezirk Ried im Innkreis aufgewachsen. Er war der Dritte von insgesamt sechs Geschwistern und beschloss mit 18 Jahren ins steirische Leoben zu gehen, um dort zu studieren. Ich bin erst viel später dahintergekommen, dass das Studium an der Montanuniversität nicht der Motivator dafür war … Es waren die Berge und die Aussicht darauf, endlich Freiheit in der wilden Natur zu genießen. Das Studium war nur Beiwerk.
Als wir ein Paar wurden, arbeitete ich gerade als Kindergartenpädagogin in Wien. Recht schnell wurde uns klar, dass wir unsere Leben miteinander verbinden wollen und so zog ich kurzentschlossen in meine Heimatstadt Leoben zurück.
Irgendwie dachte ich, dass mein bisheriges Leben nun, nur unter anderen Bedingungen, so weitergehen würde: Als Pädagogin arbeiten, Geld verdienen, Wohnung einrichten, Urlaube machen, bald mal Kinder haben und natürlich heiraten. So richtig vorprogrammiert. Nun mit Johnny zwar mit mehr Naturerlebnissen und etwas lockerer, aber trotzdem „regelkonform“. Ich weiß eigentlich nicht so recht, ob Johnny das alles auch so sah, vermute aber, dass er mich aus Liebe gewähren ließ. Im Wissen, dass er sich dort, wo es ihm wichtig erscheint, durchsetzen wird.
Jetzt fragst du dich wahrscheinlich: „Was hat das alles mit Permakultur zu tun? Und warum, in Gottes Namen, glaubt sie, dass mich das interessiert?“
Ich kann dich gut verstehen! Doch genau dieser Rückblick auf unsere Ausgangsbasis und auf die Ereignisse, die daraufhin unser Leben verändert und geformt haben, erklärt, warum wir uns so sehr einer nachhaltigen Lebensweise und der „Ökologie des Wachstums“ verschrieben haben!
Im Dezember 2000 heirateten wir und bald darauf sollte sich Nachwuchs einstellen. Für Ende September 2002 kündigte sich unser erstes Kind an. Doch das Leben stellte uns als Eltern und unseren Kilian als Kind vor eine große Herausforderung: Kilian kam, viereinhalb Monate zu früh, im Mai 2002 in Leoben auf die Welt. Obwohl ich Kindergartenpädagogin bin und mich immer mit Kindern und ihrem Wachstum und ihrer Entwicklung auseinandergesetzt habe, war bis dahin „Frühgeburtlichkeit“ nicht im Zentrum meiner Aufmerksamkeit.
Kilian wog 630 g und war knapp 30 cm lang. Unser erster Berührungskontakt erfolgte durch ein Loch im Inkubator. Niemand konnte uns sagen, ob und wie Kilian weiterleben würde. Er wurde beatmet und war so winzig! Ich wurde das erste Mal in meinem Leben emotional von dieser Erde geschossen, wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte, und sollte doch jeden Tag bereit sein mich auf Neues einzustellen.
Johnny war der Fels in der Brandung. Beruflich war er unter der Woche viel unterwegs, aber jede freie Minute kümmerte er sich um Kilian und mich. Ab diesem Zeitpunkt entwickelten wir als Paar, als Familie und als Einzelpersonen für uns grundlegende Prinzipien, die sich in den darauffolgenden Jahren festigen und in verschiedenen Lebensbereichen wiederspiegeln würden: die Erfahrungen der WILDNISKULTUR!
DIE NATUR DER ERNÄHRUNG UND WIE DARAUS LEBENS-/WILDNISKULTURERFAHRUNGEN ENTSTEHEN
In dieser angespannten Zeit passierte etwas, dass mich als Mensch verändert hat: Ich war nun für jemanden verantwortlich, der mich zu 100 % brauchte. Der davon abhängig war, dass Menschen für ihn lebenswichtige Entscheidungen fällten. Der davon abhängig war, dass die Entscheidungen, die von Ärzten und Krankenschwestern getroffen worden waren, hinterfragt wurden, um die bestmöglichen Rahmenbedingungen für ein möglichst gesundes Leben zu garantieren.
Ich empfinde es noch heute als Segen, dass sich die Krankenschwestern der Frühgeburtenstation so intensiv darum bemüht haben, dass ich, obwohl Kilian noch lange Zeit nicht gestillt werden konnte, gelernt habe mit Milchpumpen umzugehen. Bis dorthin habe ich, ehrlich gesagt, nicht einmal gewusst, dass es so etwas – und vor allem in so vielen Ausführungen – überhaupt gibt. Die Stillberaterinnen auf der Station machten mir klar, wie wichtig es für Kilian sei, dass er sobald als möglich Muttermilch via Sonde bekommt und dass dies der einzige Weg sei ihn optimal zu begleiten. Unser Ziel musste es sein, dass Kilian überlebt, stark wird und möglichst bald selbstständig atmen und in weiterer Folge auch an der Brust trinken konnte. Sie klärten uns über die positiven Inhaltsstoffe der Muttermilch auf und ich wurde zur Expertin für Milchpumpen.
Kilian entwickelte sich dank liebevoller Pflege, intensiven Kuschelkontakten, „Känguruhing“ und Farbtherapie (wir arbeiteten mit bunten Tüchern) wunderbar. Wir trainierten gemeinsam regelmäßig das Saugen und nach einigen Monaten war Kilian ein vollgestilltes, gesundes Baby. Diese intensive Beschäftigung mit dem Stillen und dessen positiven Auswirkungen war mein erster bewusster Kontakt mit dem Thema „natürliche, gesunde Ernährung“ und „Achtsamkeit im Beobachten und Handeln“.
ERFAHRUNG 1:
„Gesundes ökologisches Wachstum ist auf wenige, natürliche Baustoffe angewiesen.“
Jedes Lebewesen braucht sein individuelles Habitat und eine für sich vorbereitete Umgebung … und wenn es diese nicht gibt, dann darf ich sie mir achtsam und wertschätzend herrichten.
Im September 2002, genau zum errechneten Geburtstermin, hatte Kilian stolze 3000 g und war 50 cm groß. Ich weiß noch, dass ich mir damals gedacht habe: „So, jetzt ist das Schlimmste überstanden!“ Dem war aber nicht so!
Mitte September mussten wir mit Kilian ins Krankenhaus, da er nicht mehr aufhörte zu weinen. Im LKH Leoben wurde zuerst ein Durchfallvirus (Rotavirus) festgestellt. Doch der Zustand Kilians wurde immer bedenklicher und nach einigen Stunden hing sein Leben am seidenen Faden. Er wurde ins LKH Graz überstellt, wo uns vom Chirurgen erklärt wurde, dass er unseren Sohn jetzt am Darm operieren würde. Dieser hätte sich um 180 Grad verdreht (Volvulus) und sei durchgebrochen. Sehr einfühlsam bat er uns, uns von Kilian zu verabschieden, da es wahrscheinlich sei, dass wir ihn nicht mehr lebend wiedersehen würden.
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