Aus dieser Neuorientierung des Handels ergab sich eine Reihe von Entwicklungen, die die spätere Industrialisierung des Kontinents entscheidend begünstigten. Der Hunger nach neuen Waren ließ im 17. Jahrhundert erstmals ein modernes Konsumverhalten entstehen, das zunächst nur eine winzige Oberschicht hauptsächlich aus Adligen betraf, sich aber rasch in die obere Mittelschicht ausbreitete. Diese wurde auch und gerade durch eine starke Involvierung in Handelsgeschäfte immer breiter und
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einflussreicher. Es versteht sich, dass die wachsenden Konsumbedürfnisse der Europäer nur durch die Ausbeutung von Arbeitskräften und Rohstoffen aus anderen Regionen der Welt befriedigt werden konnten. Vom späten 17. Jahrhundert an entwickelte sich ein florierender Dreieckshandel zwischen Europa, das Baumwolle, Edelmetalle und weitere Rohstoffe aus Nord- und Südamerika bezog, dafür Fertigwaren nach Afrika lieferte, um diese gegen Sklaven einzutauschen, die wiederum über den Atlantik verschifft wurden, um in Amerika auf Plantagen und in Bergwerken die in Europa nachgefragten Rohstoffe an- und abzubauen.
Jeder Handel benötigt Kapital. Die Internationalisierung des Handels wurde noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts allerdings durch zahlreiche Zölle sowie die enorme Vielfalt der europäischen Währungen behindert. Jedes kleine Fürstentum oder auch größere Städte verfügten über eigene Währungen mit unterschiedlichem Gold- oder Silbergehalt. Es musste also eine verlässliche Größe gefunden werden, um deren Wert untereinander festzulegen. Die 1609 etablierte Bank von Amsterdam schuf als erste Finanzinstitution ein uniformes Wechselkurssystem, um die verschiedenen in der Stadt gehandelten Währungen aufeinander abzustimmen. Sie konnte dies mit großer Autorität bewirken, da die rohstoffarmen Niederlande im 16. und 17. Jahrhundert das Handels- und Finanzzentrum Europas waren. Amsterdam war die entscheidende Drehscheibe der kontinentalen Wirtschaft, von der aus etwa südamerikanisches Silber weiter in die Ostseehäfen verschifft wurde. Aus dem Baltikum und Russland importierten die Niederländer vor allem Getreide und Holz. Die niederländische Hauptstadt war im 17. Jahrhundert auch der Ort, an dem das wichtigste Instrument des internationalen Kapitalverkehrs, der Wechsel, modernisiert wurde. Wechsel waren schon seit dem Hochmittelalter vor allem im norditalienischen Raum in Gebrauch und waren nichts anderes als eine Zahlungsanweisung über eine bestimmte Summe. Der Ausstellende konnte damit beispielsweise Waren an einem Ort kaufen und das Dokument mit diesen Waren an einen anderen Ort schicken. Dort wurde der Wechsel vom Empfänger der Ware bei einer Bank eingelöst oder „gezogen“, und diese Bank wies eine mit ihr kooperierende Bank am Ort des Ausstellers an, diesem die Summe auszuzahlen. So konnte der teure und mitunter gefährliche Transport großer Bargeldmengen vermieden
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werden. Neben Edelmetallen waren im 17. Jahrhundert Wechsel, die auf besonders vertrauens- und kreditwürdig geltende Amsterdamer Bankhäuser gezogen wurden, die einzigen universal anerkannten Zahlungsmittel. Der wirtschaftliche Abstieg der Niederlande im 18. Jahrhundert und der zeitgleiche Aufstieg Londons zum führenden Finanzplatz ließen auf dortige Bankiers gezogene Wechsel dominierend werden. Seit dieser Zeit wurden Wechsel nicht mehr nur zwischen zwei Parteien ausgetauscht, sondern konnten für mehrere miteinander verbundene Geschäfte verwendet oder sogar an Börsen gehandelt werden. Mehr und mehr kapitalkräftige Kaufleute begannen sich verstärkt im Kredit- und Finanzwesen zu engagieren. Diese untereinander vernetzten merchant bankers sorgten dafür, dass auch komplexere monetäre Transaktionen immer schneller, einfacher und zuverlässiger durchgeführt werden konnten.
Die verstärkten Handelsaktivitäten und die verbesserten Instrumente und Institutionen des Kapitaltransfers resultierten in mehr Liquidität. Händler generierten Kapital und waren darauf bedacht, es gewinnbringend zu investieren. Bis relativ weit ins 19. Jahrhundert hinein blieben diese Entwicklungen jedoch auf Westeuropa und einige Regionen Mitteleuropas sowie Nordamerikas beschränkt. Die Verfügbarkeit von Kapital, die Lage eines Landes in Relation zu den bedeutenden internationalen Handelsrouten oder das Vorhandensein moderner Finanzinstitutionen hatten erhebliche Auswirkungen auf den Zeitpunkt und Charakter der Industrialisierung der verschiedenen Regionen Europas.
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2.
Großbritannien – The First Industrial Nation
Der seit dem späten 17. Jahrhundert immer produktiver werdende Agrarsektor, die Ausprägung einer ländlichen Protoindustrie, eine rasch anwachsende Bevölkerung, die ein großes Reservoir an Arbeitskräften zur Verfügung stellte, die starke Involvierung des Landes in den Welthandel und eine große Offenheit für wissenschaftliche Erkenntnisse – all dies waren wichtige Gründe dafür, dass Großbritannien die erste Industrienation der Welt werden konnte. Jedoch müssen noch eine ganze Reihe weiterer Voraussetzungen betrachtet werden, die diese Entwicklung entscheidend beeinflussten: Rohstoffe, Technologie, Kapital, Absatzmärkte und Transportnetzwerke. All dies gab es auch in vielen anderen Regionen Europas, aber nur in Großbritannien wirkten im 18. und frühen 19. Jahrhundert alle Faktoren zusammen. Als industrieller Pionier beherrschte Großbritannien die Weltwirtschaft bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts, sah sich dann aber nicht zuletzt aufgrund dieser Vorreiterrolle zunehmender Konkurrenz ausgesetzt.
2.1
Rohstoffe und Technologie
Kohle war der wichtigste „Treibstoff “ der Industrialisierung. Sie brennt bei gleicher Größe wesentlich langsamer als Holz, gibt dadurch mehr Energie ab und eignet sich daher besser für viele industrielle Prozesse. Erst die massenhafte Verwendung von Kohle machte eine Reihe von industriellen Produktionsprozessen kosteneffizient. In Großbritannien fanden sich bedeutende Kohlevorkommen, die zudem häufig in geringer Tiefe lagen. Dies machte bereits im 17. und 18. Jahrhundert, als die Technologie für tieferen Bergbau noch nicht entwickelt war, die massenhafte Gewinnung von Kohle zu niedrigen Preisen möglich. Die Lage
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der Kohlefelder bestimmte grundlegend, wo sich im 18. Jahrhundert Industrien mit hohem Energiebedarf ansiedelten, denn der Kohletransport über weite Strecken war aufwändig und unrentabel. Die größten britischen Vorkommen befanden sich im englischen Norden – vor allem in Northumberland, Yorkshire und Lancashire –, in Südwales und im südlichen Schottland. Hier entwickelten sich seit dem späten 18. Jahrhundert die dominierenden Industriegebiete Großbritanniens. Kohle kam auch in zahlreichen anderen europäischen Regionen vor. Doch im nordfranzösisch-wallonischen Raum, im deutschen Ruhr- und Saargebiet, Schlesien oder der Ukraine waren die Förderbedingungen meist schwieriger oder es bestand eine zu geringe Nachfrage nach diesem Brennstoff. Im stark bewaldeten Russland blieb beispielsweise Holz bis weit ins 19. Jahrhundert hinein der wichtigste Energielieferant, obwohl Kohle auch dort häufig dicht unter der Erdoberfläche lag. In Großbritannien aber war die Kohle nicht nur ein preiswerter Brennstoff, sondern sie war auch alternativlos, da das Land im 18. Jahrhundert nur noch über vergleichsweise wenig bewaldete Fläche verfügte. Kohle löste das ebenfalls schwierig über große Distanzen zu transportierende Holz bereits im 17. Jahrhundert als wichtigstes Heizmaterial für Häuser ab. Gerade die rasch wachsende Hauptstadt London, um die herum kaum noch Wälder lagen, konnte nur durch ständige Kohletransporte aus dem Nordosten des Landes versorgt werden. Großbritannien profitierte von einem weiteren geologischen Vorteil: die meisten Vorkommen von Eisenerz befanden sich nicht weit entfernt von den großen Kohlefeldern. Traditionell war seit Jahrhunderten Holzkohle verwendet worden, um aus Eisenerz Eisen zu gewinnen. Als die dazu benötigten großen Mengen an Holz immer schwieriger zu besorgen waren, schlugen zunächst Versuche fehl, die Holzkohle durch reine Kohle zu substituieren, da dadurch das Metall verunreinigt wurde. Erst die Verwendung von Koks – unter Sauerstoffentzug verbrannte Kohle – brachte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zufriedenstellende Ergebnisse.
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