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dabei nicht in ganzer Breite erörtert, sondern nur in Grundzügen dargestellt werden können. Weiterführende Literaturhinweise im Anhang ermöglichen eine ausführlichere Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten des Themas.
Olaf Hartung und Detlev Mares danke ich für Kapitellektüre und zahlreiche wertvolle Anregungen. Nadja Springer war als Korrekturleserin eine große Hilfe.
Rainer Liedtke, im April 2012
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1.
Landwirtschaft, Wissen, Handel: Revolutionen vor der Revolution
Ein englischer Pastor und Professor für Geschichte und Politische Ökonomie veröffentlichte 1798 eine immens einflussreiche, aber auch heftig kritisierte Studie, welche den Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Ernährungsbasis thematisierte: Thomas Malthus (1766 – 1834) postulierte in An Essay on the Principle of Population or A View on its Past and Present Effects on Human Happiness, das Bevölkerungswachstum vollziehe sich zyklisch und erreiche stets einen Punkt, an dem die exponentiell ansteigende Bevölkerung durch Hungersnöte und Epidemien wieder dezimiert werde, da die Erde nur eine begrenzte Menge an Nahrung produzieren könne. Um dies zu vermeiden, forderte Malthus sexuelle Abstinenz und späte Heiraten. Herrscher und Regierungen griffen diese Theorie begierig auf, da jeder fürchtete, die Nahrungsvorräte seines Landes würden eines Tages nicht mehr ausreichen, um alle Einwohner zu ernähren. Als Malthus seine Thesen veröffentlichte, wuchs die Bevölkerung Englands und eines Teils Westeuropas bereits seit einiger Zeit deutlich an. Jedoch erkannte Malthus nicht, dass die Ursache für das Wachstum vor allem darin bestand, dass die Landwirtschaft durch grundlegende Modernisierungen mehr und mehr Nahrung zu produzieren in der Lage war: Westeuropa befand sich bereits mitten in der „landwirtschaftlichen Revolution“, die eine Grundvoraussetzung für die industrielle Entwicklung des Kontinents war.
Neben England – und mit einiger Verzögerung Wales und Schottland – war Flandern der Ausgangspunkt für bahnbrechende Neuerungen im agrarischen Bereich. In dieser traditionellen Handelsregion stand aufgrund einer hohen Bevölkerungsdichte und vergleichsweise schlechter Böden nur wenig Acker- und Weideland zur Verfügung. Landgewinnung aus dem Meer konnte ein wenig Abhilfe schaffen, aber im Wesentlichen
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wurden große Anstrengungen unternommen, das Land möglichst effizient zu bewirtschaften. Veränderungen in der Landwirtschaft sind schwierig zu periodisieren.
Bis in die 1960er Jahre galt unter Historikern das halbe Jahrhundert zwischen 1760 und 1815 als klassische Zeit der „Agrarrevolution“. Dann jedoch zeigten Forschungen, dass zahlreiche substantielle Veränderungen bereits deutlich früher, teilweise schon im 17. Jahrhundert zumindest eingeleitet worden waren. Insofern handelte es sich um einen langsamen, evolutionären Prozess, der in Westeuropa begann, sich in Mitteleuropa teils deutlich später und in großen Teilen Süd- und Osteuropas erst im 20. Jahrhundert durchsetzte. Auch im frühen 21. Jahrhundert lässt sich in Bezug auf Entwicklungsländer noch von einem Fortdauern der landwirtschaftlichen Revolution sprechen. Es waren im Wesentlichen drei miteinander in Verbindung stehende Bereiche, in denen es zu grundlegenden Neuerungen kam: Ackerbau, landwirtschaftliche Gerätschaften und Viehzucht. Diese wurden unterstützt durch eine innovative Bewässerung des Bodens.
1.1
Ackerbau
Die traditionelle mittelalterliche Nutzung des Landes, eine arbeitsintensive Subsistenzwirtschaft mit niedriger Produktivität, veränderte sich bis zum Ende des 17. Jahrhunderts kaum. Wenn aufgrund ungünstiger Witterungsverhältnisse eine Ernte schlecht ausfiel, konnte dies bedeuten, dass nicht einmal mehr genügend Saatkörner für das nächste Jahr vorhanden waren, weil diese ebenfalls verzehrt werden mussten. Die Folge waren zyklisch auftretende Hungersnöte, die wiederum Krankheiten und Seuchen den Weg ebneten, welche die Bevölkerung dezimierten. Es musste nach Möglichkeit eine Balance gehalten werden zwischen den Anteilen des Farmlandes für den Getreideanbau und für die Viehwirtschaft. Weidendes Vieh diente nicht nur zur Fleisch-, Milch- und Wollproduktion, sondern war auch Düngerlieferant für die Getreidefelder. Wurde viel Fläche für die Getreideproduktion benötigt, weil nur so ausreichende Erträge zur Ernährung der Bevölkerung erzielt werden
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konnten, stand damit automatisch weniger Weidefläche zur Verfügung. Das war weniger problematisch in Bezug auf Fleischgewinnung, führte aber zu einem Mangel an Dünger, was wiederum die Fruchtbarkeit der Getreidefelder für das nächste Jahr beeinträchtigte. Dieser Teufelskreis konnte erst durch den Anbau neuer Sorten durchbrochen werden, und zwar nicht nur von Feldfrüchten für den menschlichen Genuss, sondern auch von Gräsern, die als Tierfutter dienten. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, teilweise nach Vorbildern aus den Niederlanden, wurden in England und Teilen von Schottland und Wales neue Grassorten eingeführt, die robuster waren, schneller wuchsen und dem Boden weniger Nährstoffe entzogen als die traditionell dort vorhandenen. Erfolgreiche Zuchtexperimente ersetzten schrittweise die natürlichen, seit Jahrhunderten vorhandenen Gräser.
Bei den Feldfrüchten bedeutete vor allem die Einführung von weißen Rüben, Klee und Raps einen wichtigen Durchbruch, denn diese konnten auch auf sehr nährstoffarmen Böden erfolgreich gedeihen und gaben der ausgelaugten Scholle sogar Nährstoffe zurück. Raps und Klee fanden als Viehfutter Verwendung, Rüben wurden von Vieh und Menschen verzehrt. Um 1760 hatten sich diese und einige andere „neue“ Sorten in England insgesamt durchgesetzt, was auch verdeutlicht, warum der Revolutionsbegriff für den agrarischen Wandel so problematisch ist. In einigen Regionen des Landes existierten schon im späten 17. Jahrhundert eifrige Rübenfarmer, aber es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis die Vorzüge dieser Frucht allgemein anerkannt wurden. Dies hing einerseits damit zusammen, dass es keine organisierte Unterweisung von Bauern gab, sondern diese einfach ihr Wissen von Generation zu Generation weitergaben. Andererseits war der Landbesitz so stark fragmentiert, dass es viele verschiedene Entscheider gab, die Neuerungen individuell einführten oder auch ablehnten.
Eine weitere wichtige landwirtschaftliche Veränderung war die Rotation von Feldfrüchten. Hier waren Innovationen vor allem mit einem Namen verbunden: Charles Townshend (1674 – 1738), ein Angehöriger des englischen Hochadels, der nach einer längeren politischen Karriere die letzten Jahre seines Lebens mit landwirtschaftlichen Experimenten auf dem Familienstammsitz zubrachte und dort Erfahrungen aus Flandern
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adaptierte. Seine Beschäftigung mit der Rübe brachte ihm den Beinamen „Turnip Townshend“ ein. Die unter anderem von ihm entwickelte und popularisierte Innovation in der Feldbewirtschaftung, nach Townshends Heimat „Norfolk System“ genannt, beinhaltete eine Rotation von vier Früchten: Weizen, Gerste oder Hafer, Gras und Rüben. Im Unterschied zur traditionellen Dreifelderwirtschaft, die stets ein brachliegendes Feld erforderte, erlaubte dies die kontinuierliche Nutzung aller vorhandenen Ackerbauflächen, was die Erträge erhöhte. Zusätzlich sorgten die verwendeten Sorten durch gezielten Nährstoffentzug oder -zufuhr für eine effizientere Regeneration der Böden, die so auf die jeweils nachfolgende Fruchtsorte vorbereitet wurden. Dadurch standen nicht nur mehr Früchte für den menschlichen Verzehr zur Verfügung, sondern auch eine erhöhte Menge an Viehfutter, was vor allem die Wintersterblichkeit des Viehs verringerte.
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