Etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, wie die Zahlen verdeutlichen, beschleunigte sich das Bevölkerungswachstum deutlich. Darüber hinaus wurden die Briten statistisch betrachtet immer jünger: um 1700 waren etwa 33 – 35 % unter 15 Jahre alt; um 1800 waren es mindestens 10 % mehr, wobei diese Statistiken jedoch nicht sehr zuverlässig sind. Eine junge und wachsende Bevölkerung brachte Konsequenzen mit sich. Mehr und mehr Menschen drängten auf den Arbeitsmarkt, was die Löhne stabil hielt oder sinken ließ. Die Preise für Lebensmittel und Gebrauchsgüter erhöhten sich tendenziell, da die Nachfrage stieg. Die traditionellen Handwerke weichten Standards und Eintrittsregeln auf, da sie den starken Andrang der Arbeitswilligen bewältigen mussten. Insgesamt kam
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es zu einem deutlichen Wirtschaftsaufschwung, der zwar partiell mit Elend und Armut einher ging, im Wesentlichen jedoch die Nachfrage ankurbelte, Arbeitsplätze schuf und viele Sektoren der Wirtschaft wachsen ließ. Die protoindustriellen, meist auf dem Land befindlichen und mit primitiven Methoden produzierenden Betriebe konnten die Arbeitssuchenden jedoch nur bedingt absorbieren. Erst die Industrialisierung, die sich seit den 1760er Jahren Bahn brach, fing die wachsende Zahl der Briten wirtschaftlich auf.
Exkurs
Wäre der demografische Wandel auch ohne die landwirtschaftliche Revolution denkbar gewesen? Der Fall Irlands scheint als Beleg dafür dienen zu können. Das im 18. Jahrhundert von Großbritannien beherrschte Land, das 1801 formal Teil des Vereinigten Königreichs wurde, verzeichnet einen noch stärkeren Bevölkerungsanstieg als die britische Hauptinsel, und dies obwohl es kaum enclosures gab, die Zahl der kleinen und kleinsten Farmen sehr groß blieb und die Bewirtschaftungsmethoden deutlich weniger modern waren als in England, Schottland oder Wales. Es gab somit auch kaum Protoindustrie als Alternative zur Landarbeit. Jedoch: Auch in Irland heirateten die Menschen im 18. Jahrhundert früher und hatten dadurch eine längere Fruchtbarkeitsspanne, gerade weil es so viele kleine Farmen gab, die einer noch sehr jungen Familie ein eigenes, wenn auch bescheidenes Auskommen geben konnten. Weiterhin war Irland fast komplett katholisch und propagierte stärker als das mehrheitlich protestantische Großbritannien Fruchtbarkeit und Kindersegen. Die extreme Kleinteiligkeit der Landwirtschaft hatte jedoch mittelbar erhebliche Auswirkungen auf die Demografie. Sie war der Hauptgrund dafür, dass die große Mehrheit der irischen Bauern ausschließlich Kartoffeln anbaute. Diese Frucht brachte auch auf kleinen Flächen ausreichende Erträge für die Subsistenzwirtschaft; außerdem war das Klima für den Kartoffelanbau gut geeignet. Als es jedoch zwischen 1845 – 1849 aufgrund von Schädlingsbefall zu mehreren katastrophal schlechten Kartoffelernten kam, hatten die Iren keine Möglichkeit, den Ausfall durch andere
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Nahrungsmittel auszugleichen. Eine auch durch die Passivität der britischen Regierung begünstigte verheerende Hungersnot und die mit ihr verbundenen Krankheiten führten beinahe zu einer Halbierung der Landesbevölkerung. Rund 1 Million Iren starben; weitere 2 Millionen wanderten bis zur Mitte der 1850er Jahre aus. Von diesem demografischen Aderlass hat sich die Insel bis in die Gegenwart nicht erholt.
1.6
Wissens- und Handelsrevolution
Wichtige Voraussetzungen für die Agrarrevolution und den mit ihr verbundenen demografischen Wandel waren eine Neuorientierung der Wissenschaften und Veränderungen im Handel. Fortschritte in der Medizin und Hygiene bewirkten, dass die Mortalität der Briten abnahm, und mit leichter Verzögerung auch die der übrigen West- und Mitteleuropäer. Die Pest, die bis ins frühe 18. Jahrhundert die Bevölkerung regelmäßig stark dezimiert hatte, trat in West- und Mitteleuropa nicht mehr auf. Die letzte große Epidemie hatte England 1665/66 heimgesucht und über 100.000 Todesopfer gefordert. Die Kindersterblichkeit ging zurück, weil vermehrt auf die Dienste von professionellen Hebammen zurückgegriffen wurde. Mehr und dichter bevölkerte Städte begannen damit, auf die Sauberkeit des Trinkwassers zu achten und Abwässer sowie Abfälle gezielter zu entsorgen. Diese und andere Veränderungen basierten auf dem Erstarken der Wissenschaft, so dass das 18. Jahrhundert, zumindest für West- und Teile Zentraleuropas, auch als Zeitalter der „Wissensrevolution“ gilt. Schon im 16. und 17. Jahrhundert hatten Physiker, Astronomen, Chemiker und Mediziner rationale, materielle Erklärungen für viele Naturphänomene gefunden, die sich die Menschen bis dahin nur durch göttliche oder magische Intervention erklären konnten. Wissenschaftler verhalfen so den Menschen zu einem besseren Verständnis ihrer unmittelbaren Umwelt. Zur Erzeugung und vor allem zur Verbreitung dieser neuen Erkenntnisse war es wichtig, dass Wissenschaftler sich nicht im „Elfenbeinturm“ verbargen. Zunächst in England und Frankreich wurden gelehrte Gesellschaften unter königlicher Patronage gegründet, wie die englische Royal Society 1662 und die Académie des Sciences in
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Paris 1666. Hier tauschten sich Wissenschaftler aus und korrespondierten auch international miteinander. Lehranstalten, in England mechanics colleges genannt, gaben die neuen Erkenntnisse an Studenten weiter, die ihrerseits praktische Anwendungen für das Gelernte im Alltagsleben fanden. Einerseits bereiteten die Wissenschaften so den Boden für die beschriebenen bahnbrechenden Veränderungen im agrarischen und technischen Bereich. Andererseits wirkten sie auch indirekter, indem sie seit vielen Jahrhunderten bestehende Lehrmeinungen ad absurdum führten, sich für neue Sichten offen zeigten und ein Klima des Aufbruchs schufen. Ohne dies wäre es kaum denkbar gewesen, dass Bakewell, Townshend und viele andere mehr die Neugier gezeigt hätten, an ihrer Umwelt praktische Veränderungen vorzunehmen. Die Überzeugung, dass die Menschen ihre materielle Umwelt kontrollieren können, war ein Grundpfeiler der Industrialisierung. Wissenschaftler und Erfinder machten durch ihre Arbeit deutlich, dass Gebete und die Hoffnung auf göttliche Intervention keine gute Ernte garantierten, sondern dass der Mensch eine solche durch kluges Handeln gravierend beeinflussen konnte. Obwohl die meisten Wissenschaftler aufgrund ihrer Erkenntnisse keinen Grund sahen, persönlich dem Glauben zu entsagen, sondern beides gut miteinander kombinieren konnten, agitierte speziell die katholische Kirche beständig gegen solche Neuerungen. Zu offensichtlich widersprachen diese in vielem der Bibel und den Lehren der Kirchenväter. So kam es, dass die Wissenschaften in den katholischen, aber auch den orthodoxen Ländern Europas wesentlich weniger florierten als in den dominant protestantischen. Dies war ein wichtiger Grund dafür, dass sich in Süd- und Osteuropa fortschrittliche Agrartechniken und die mit ihnen assoziierten gesellschaftlichen und demografischen Veränderungen teils erheblich später als in West-, Mittel- und Nordeuropa einstellten.
Wissenschaftler waren jedoch nicht die einzigen, die sich verstärkt international austauschten. Für die Industrialisierung von mindestens ebenso großer Bedeutung war die im 17. Jahrhundert einsetzende „Handelsrevolution“. Dieser erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts geprägte Begriff steht für die Entwicklung eines Netzwerks von Fernhandelsrouten, das verschiedene Regionen der Welt kommerziell miteinander verband, Rohstoffe nach Europa brachte und neue Absatzmärkte für europäische
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Gebrauchsgüter schuf. Zwar verstärkte sich auch der innereuropäische Handel, jedoch waren die verschiedenen Staaten primär darauf bedacht, ihre nationalen wirtschaftlichen Interessen zu protegieren, was durch Einfuhrzölle und Ausfuhrverbote bewerkstelligt wurde. Auf der Route um das Kap der Guten Hoffnung herum nach Ostasien waren es zuerst die Niederländer, gefolgt von den Engländern, die Monopole für den Handel mit dem indischen und indonesischen Raum etablierten. Spanier und Portugiesen bauten als erste Kolonialbesitz in Mittel- und Südamerika auf und legten so den Grundstein für den immer wichtiger werdenden Transatlantikhandel. Westeuropäische Nationen, allen voran Engländer, Franzosen und Niederländer, folgten ihnen bald nach und trugen besonders zur Entwicklung des nordamerikanischen Handelsraumes bei. Dies brachte neue Güter nach Europa. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelten sich zuvor exotische und rare Waren wie Gewürze, feine Tuche oder Nutzpflanzen zu Produkten des alltäglichen Gebrauchs, zumindest für finanziell besser gestellte Europäer. Die aus Südamerika stammende Kartoffel wurde bereits im Laufe des 17. Jahrhunderts in einigen europäischen Ländern zum Grundnahrungsmittel. Der Mittelmeerraum, der bis dahin die stärkste europäische Handelsregion war, verlor dagegen im 17. Jahrhundert erheblich an Bedeutung, was später tiefgreifende Auswirkungen auf seine Industrialisierung haben sollte. Um 1600 waren noch drei Viertel aller asiatischen Waren auf dem Landweg nach Europa gelangt und dabei durch verschiedene Mittelmeerstaaten und ihre Häfen geführt worden. Ein Jahrhundert später lief nahezu der gesamte Ostasienhandel per Schiff direkt nach Nordwesteuropa. Die Handelsmacht des Kontinents verlagerte sich innerhalb kurzer Zeit vom Süden in den Norden, womit sich auch eine Verschiebung politischer und militärischer Schwergewichte verband.
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