Die weiße Gegenoffensive im SüdenSüden
Bis 1871 hatten alle ehemaligen Konföderationsstaaten die Bedingungen der radikalen Rekonstruktion erfüllt und waren wieder Teil der Union. Die günstige Rechtslage entsprach aber nicht der Verfassungswirklichkeit im SüdenSüden, die sich seit Ende der 1860er Jahre drastisch verschlechtert hatte. Konservative und rassistische Weiße waren hier ungeachtet der militärischen Besetzung in die Offensive gegangen, um ihr Land von der Herrschaft der Schwarzen und der Republikaner zu „erlösen“. In einem Staat nach dem anderen gelang es ihnen, die Kontrolle über die Staatenparlamente zurückzuerobern. Dabei profitierten sie von politischen Fehlern und Unregelmäßigkeiten der Rekonstruktions-Regierungen, die bei der mangelnden Erfahrung der meisten Abgeordneten und Minister gar nicht ausbleiben konnten. Berechtigte Kritik mischten sie propagandawirksam mit einer pauschalen Verächtlichmachung der weißen RepublikanerRepublikanische ParteiRekonstruktion im Süden als scalawags scalawags (wertloses Vieh) und der aus dem Norden zugewanderten Politiker und Geschäftsleute als profitgierige carpetbaggers carpetbaggers, die nur ihre leeren Satteltaschen füllen wollten. Die Strategie der radikalen DemokratenDemokratische ParteiRekonstruktion zielte aber weit über das gewöhnliche Ringen um parlamentarische Mehrheiten hinaus. Integraler Bestandteil war eine Terror- und Mordkampagne, die den politischen Gegner einschüchtern und die schwarze Bevölkerung wieder gefügig machen sollte. Geführt wurde dieser Untergrundkrieg für home rule und white supremacy von Geheimgesellschaften, die sich zumeist aus ehemaligen Soldaten und Offizieren der Konföderation rekrutierten. Am weitesten verbreitet und am meisten gefürchtet war der Ku-Klux-KlanKu-Klux-Klan, den der Südstaaten-General Nathan Bedford ForrestForrest, Nathan Bedford bereits 1865 in TennesseeTennessee gegründet hatte und der sich zu einer Art „militärischem Arm“ der Demokratischen ParteiDemokratische ParteiRekonstruktion im Süden entwickelte. Der Klan wurde zwar vom Kongress verboten und von den Militärgouverneuren – unterschiedlich konsequent – bekämpft, aber der Schrecken, den seine Anhänger schon durch ihre äußere Erscheinung (schwarze Umhänge und spitz zulaufende weiße Kapuzen) und ihre Rituale (nächtliche Umzüge mit brennenden Kreuzen) verbreiteten, ließ sich nie hinreichend eindämmen.
Politischer Druck und paramilitärischer Terror allein hätten aber wohl nicht ausgereicht, um die Errungenschaften der Rekonstruktion zunichte zu machen. Letztlich ausschlaggebend war der Umstand, dass die ökonomische Abhängigkeit, in der fast alle Afroamerikaner und ein beträchtlicher Teil der weißen Bevölkerung von der traditionellen Pflanzer- und Unternehmerelite lebten, nicht überwunden werden konnte. Weder der Kongress noch die republikanischen Staatenparlamente brachten die Kraft und den Mut zu einer umfassenden Bodenreform auf, die aus der Masse der ehemaligen Sklaven selbstständige Kleinfarmer gemacht hätte. Ein solcher Eingriff in die existierenden Besitz- und Machtverhältnisse wäre allerdings nur unter dem lang andauernden Schutz nordstaatlicher Bajonette durchführbar gewesen. Tatsächlich wurde die Militärpräsenz im SüdenSüden aber schon seit 1869 verringert, und die Bereitschaft der Bevölkerung des Nordens, Besatzungstruppen zu finanzieren, nahm von Wahl zu Wahl ab. Ein kleiner Teil der ehemaligen Sklaven fand Beschäftigung in der Industrie, die viel langsamer wuchs als von den RepublikanernRepublikanische ParteiRekonstruktion erwartet. Noch weniger Schwarze gelangten in den Besitz einer Farm oder fanden Siedlungsland außerhalb des Südens, vor allem in KansasKansas. Die meisten Afroamerikaner blieben als Lohnarbeiter oder Kleinpächter ( sharecroppers sharecroppers) auf den alten Baumwoll-, Zucker- oder Reispflanzungen und hatten kaum Gelegenheit, von ihren politischen Rechten Gebrauch zu machen – es sei denn im Sinne ihrer früheren Herren. Immerhin konnten sie die eng zusammengedrängten Sklavenquartiere verlassen und Familienunterkünfte bauen, die über die gesamte Plantage verstreut lagen.
Das Ende der RekonstruktionRekonstruktion
Im Norden nahm das Interesse an Rekonstruktion und Rassenproblematik nach der Wiederwahl Präsident GrantsGrant, Ulysses S. 1872 und insbesondere nach dem schweren wirtschaftlichen Einbruch von 1873 rapide ab. Mehr und mehr Weiße zeigten sich von der demokratischen Propaganda für home rule beeindruckt und schrieben die Misserfolge im SüdenSüden der Inkompetenz und Minderwertigkeit der Schwarzen zu. Ebenso wie die DemokratenDemokratische ParteiRekonstruktion propagierten auch die liberalen RepublikanerRepublikanische ParteiRekonstruktion, die sich 1872 von der Partei abgespalten hatten, den Rückzug der Besatzungstruppen und eine Begnadigung der wenigen noch vom öffentlichen Leben ausgeschlossenen Ex-Konföderierten. Der Kongress gab diesem Drängen schrittweise nach, zumal die DemokratenDemokratische ParteiRekonstruktion 1874 erstmals wieder die Mehrheit im Repräsentantenhaus eroberten. Der Verlust der militärischen Unterstützung bedeutete aber unweigerlich das Ende der Rekonstruktions-Regierungen und die Machtübernahme der DemokratenDemokratische ParteiRekonstruktion im Süden. 1877 kontrollierten die RepublikanerRepublikanische ParteiRekonstruktion nur noch drei Südstaaten – LouisianaLouisiana, South CarolinaSouth Carolina und FloridaFlorida –, und hier standen auch die letzten schwachen nordstaatlichen Truppenkontingente. Der Kongress unternahm zwar mit dem Civil Rights Act Civil Rights Act (1875) von 1875 noch einen schwachen Versuch, der Diskriminierung der Schwarzen entgegenzuwirken, doch der Supreme CourtSupreme CourtAfroamerikaner, der die Befugnisse der Bundesregierung in Rassenfragen von Anfang an sehr eng ausgelegt hatte, erklärte dieses Gesetz wenige Jahre später für verfassungswidrig.
Die Präsidentschaftswahlen von 1876 fielen so knapp aus, dass der Erfolg des RepublikanersRepublikanische ParteiRekonstruktion Rutherford B. HayesHayes, Rutherford B. nur durch ein informelles Übereinkommen mit den DemokratenDemokratische ParteiRekonstruktion sichergestellt werden konnte. Um die nötigen Wahlmännerstimmen zu erhalten, sagten die Republikaner eine wirtschaftliche Unterstützung des Südens, vor allem aber den Abzug der letzten Unionstruppen zu. HayesHayes, Rutherford B. hatte ohnehin schon im Wahlkampf versprochen, die militärische Besetzung zu beenden, und er ließ den Worten rasch Taten folgen. Die Bevölkerung des Nordens, deren Aufmerksamkeit voll und ganz von Wirtschaftsfragen absorbiert war, nahm das Ende der Rekonstruktion und den Sturz der letzten republikanischenRepublikanische ParteiRekonstruktion Staatenregierungen 1877 nur noch am Rande wahr. Fortan galten die Bürgerrechte der Schwarzen und die Rassenbeziehungen als lokale Angelegenheiten, aus denen sich die Bundesregierung besser heraushielt – nicht nur im SüdenSüden, sondern auch im Norden und WestenWesten.
Die Rekonstruktion war weder, wie noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein behauptet wurde, eine gewaltsame Schmähung des wehrlosen Südens durch rachsüchtige, ausbeuterische Yankees Yankee, noch darf sie, was in jüngerer Zeit häufig geschah, als viel zu kurz greifendes, nahezu folgenloses Unterfangen abgetan werden. Beide Sichtweisen verkennen die Komplexität und Vielschichtigkeit der Veränderungen, die sich nach dem Krieg im SüdenSüden vollzogen. Gemessen an der epochalen Bedeutung der Sklavenbefreiung fiel der politische und soziale Wandel, den die Rekonstruktion bewirkte, bescheiden und enttäuschend aus. In manchen Bereichen wie Familie, Gemeindeleben und Erziehungswesen gab es aber beträchtliche Verbesserungen, und einzelne Gruppen – die schon seit längerem freien Schwarzen, die mixed race -Elite in LouisianaLouisiana, die Schwarzen in den Städten – zogen mehr Nutzen aus dem gesellschaftlichen Umbruch als andere. Bedeutsam, wenngleich schwer messbar, waren auch der Bewusstseinswandel und das gewachsene Selbstvertrauen vieler Schwarzer. Andererseits ist unverkennbar, dass jeder denkbaren Art von Rekonstruktion durch die vorherrschenden Mentalitäten und die gegebenen materiellen Rahmenbedingungen enge Grenzen gezogen waren. Auch im Norden konnten sich nur wenige Weiße vorstellen, gleichberechtigt mit den Schwarzen zusammenzuleben. Die große Mehrheit zog deshalb in den 1870er Jahren eine Aussöhnung mit den Kriegsgegnern von einst dem unbefristeten militärischen Schutz der schwarzen Bürgerrechte vor. WirtschaftlichWirtschaft war der Süden durch die Kriegsfolgen weiter hinter den Norden zurückgefallen, woran die Rekonstruktions-Regierungen nichts hätten ändern können, selbst wenn sie noch so fähig und unbestechlich gewesen wären. Bei den ehemaligen Konföderierten hinterließen Niederlage, erzwungene Emanzipation und militärische Besetzung seelische Wunden und Ressentiments, die sich mit Versöhnungsrhetorik und nationalem Pathos nur mühsam überdecken ließen. Die RepublikanischeRepublikanische ParteiRekonstruktion Partei, die man für Sklavenbefreiung und Rekonstruktion verantwortlich machte, blieb im „soliden Süden“ ( solid South ) der konservativen weißen DemokratenDemokratische ParteiRekonstruktion auf Jahrzehnte hinaus chancenlos. Der BürgerkriegBürgerkrieg hatte die Abtrennung des Südens verhindert, seine Sonderentwicklung aber keineswegs beendet, ja das Bewusstsein einer „Southern culture“ eher noch gestärkt.
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