UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg und Revolution hatten dazu beigetragen, die demographischen und ideologischen Unterschiede zu verschärfen, die hinsichtlich der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) von jeher zwischen Norden und SüdenSüden bestanden. Der Gründergeneration war es nicht gelungen, den von vielen schmerzlich verspürten Widerspruch zwischen Recht und Moral auf der einen und wirtschaftlichen Interessen und rassischen Vorurteilen auf der anderen Seite zu lösen. Privat standen politische Führer wie WashingtonWashington, George, JeffersonJefferson, Thomas und MadisonMadison, James dem System der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) durchaus kritisch gegenüber, aber sie fanden nicht den Mut, an die Spitze einer Bewegung zur Überwindung dieses gesellschaftlichen Übels zu treten. Da es ihnen nie ganz gelang, sich von der Annahme einer „natürlichen Minderwertigkeit“Rassismus der Schwarzen frei zu machen, sahen sie auch keine echte Möglichkeit für ein dauerhaftes friedliches Zusammenleben von weißen und schwarzen Bürgern in der neuen Republik. Nach 1820 blieb den Gegnern der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) wenig mehr übrig, als das weitere Vordringen dieser „eigentümlichen Institution“ (peculiar institution peculiar institution ) in die Westgebiete zu verhindern. Die Probleme, die sich aus dem Zusammenhang von territorialer Expansion und SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) für den Bestand der Union ergaben, traten nun immer deutlicher zu Tage.
Kapitel 3: Demokratisierung, MarktwirtschaftWirtschaft und territoriale ExpansionTerritoriale Expansion, 1815–1854
Nach 1815 unterschieden sich die Vereinigten Staaten fundamental vom kolonialen Amerika der 1760er Jahre, aber sie entsprachen keineswegs den Wunschbildern, die Revolutionären wie John AdamsAdams, John oder Thomas JeffersonJefferson, Thomas vorgeschwebt hatten. Um diese Zeit existierte in den USA, wie der Historiker Gordon S. WoodWood, Gordon S. schreibt, „die am meisten egalitäre, individualistische und erwerbsorientierte Gesellschaft der Welt“. Im Verlauf der Revolution und der beiden Kriege gegen EnglandGroßbritannien waren die materiellen wie die geistigen Fesseln gesprengt worden, die Nordamerika noch mit der ständisch-hierarchischen Welt der frühen Neuzeit verbunden hatten. Die common people , die einfachen Leute, traten handelnd in die Geschichte ein, und wer politisch reüssieren wollte, konnte ihre Wünsche und Ängste nicht mehr außer Acht lassen, geschweige denn sie verächtlich behandeln. Diesem Transformationsprozess fielen die idealistischen Vorstellungen von den überschaubaren Gemeinschaften tugendhafter, selbstloser Bürger oder von der wohlmeinenden Herrschaft einer „natürlichen Aristokratie“ zum Opfer. Dafür bot das neue Amerika jedem Einzelnen seiner weißen männlichen Bürger unvergleichlich gute Chancen, das eigene Los ohne Rücksicht auf traditionelle Rangordnungen und gesellschaftliche Konventionen zu verbessern. Jetzt begann CrèvecoeursCrèvecoeur, St. John de Aussage Sinn zu machen, dass in Amerika ein „neuer Mensch“ geboren werde, der seine europäischen Vorurteile und Gewohnheiten gegen neue Lebensformen austauscht, der neuen Regierungen gehorcht und nach neuen Prinzipien handelt. Das bedeutete zwar keineswegs den Abbau aller sozialen Schranken und Hierarchien oder gar eine Annäherung der Besitzverhältnisse zwischen Arm und Reich. Es traf natürlich auch nicht auf die Sklaven, die meisten freien AfroamerikanerAfroamerikaner und die Masse der Frauen zu, die materiell und rechtlich von ihren Vätern und Ehemännern abhängig blieben. Die neue GesellschaftsordnungGesellschaftAntebellum war aber doch bemerkenswert offen, durchlässig und mobil, und ihre Struktur formte sich immer stärker aus den wandelbaren Gegebenheiten von persönlichem Verdienst, beruflichem Erfolg und politischem Ansehen. In den Südstaaten spielte Land- und Sklavenbesitz nach wie vor die beherrschende Rolle, aber überall sonst bemaß sich der soziale Status eher nach der Fähigkeit, Kapital zu akkumulieren und es in Handel und Industrie Gewinn bringend anzulegen. Equality , verstanden als soziale Ebenbürtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz, wurde zum zentralen Wert und wirksamen Schlagwort, obwohl die Besitzunterschiede eher zu- als abnahmen.
Die „Gründerväter“ John AdamsAdams, John und Thomas JeffersonJefferson, Thomas, die ihre politischen Gegensätze in einer 1812 wieder aufgenommenen Korrespondenz allmählich überwanden, fühlten sich von dem rastlosen Streben der Amerikaner nach materiellen Gütern eher befremdet. Die große Mehrheit ihrer Landsleute machte aber resolut-optimistisch von den sich bietenden Gelegenheiten Gebrauch und setzte damit eine wirtschaftlicheWirtschaft und gesellschaftliche Dynamik in Gang, die nicht mehr zum Stillstand kommen sollte. Der auf das private Interesse ausgerichtete IndividualismusIndividualismus und der durch ihn entfesselte Wettbewerb wurden zum Kern einer neuen, „liberalen“ amerikanischen Identität. Starke Gegengewichte bildeten jedoch weiterhin der egalitäre, gemeinschaftsorientierte RepublikanismusRepublikanismus, der die Werte der Revolution hochhielt, und die evangelikale Volksfrömmigkeit, die immer wieder soziale Reformimpulse freisetzte. Die Entstehung eines nationalen Marktes und der Übergang vom Agrar- und Handelskapitalismus zur IndustrialisierungIndustrialisierung erzeugten Spannungen zwischen den sich neuformierenden GesellschaftsschichtenGesellschaftAntebellum sowie zwischen privatem Egoismus und der Notwendigkeit des sozialen Zusammenhalts. Aus diesen Spannungen ging bis zur Jahrhundertmitte eine eigentümliche, regional unterschiedlich geprägte Kultur hervor, in der sich frühindustrieller Kapitalismus, demokratischer Republikanismus und evangelikaler ProtestantismusProtestantismus gegenseitig durchdrangen.
Die Risiken und Gefahren des hemmungslosen Besitzindividualismus veranschaulichte schlaglichtartig die FinanzpanikFinanzwesenAntebellum von 1819, die aus übersteigerter Landspekulation im WestenWesten resultierte und eine mehrjährige Rezession nach sich zog. Dieser Krise sollten bis 1860 noch zwei weitere schwere wirtschaftliche Einbrüche folgen, doch keiner von ihnen konnte für längere Zeit den säkularen Wachstumstrend aufhalten, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingesetzt hatte. In dreifacher Hinsicht standen die Zeichen im postrevolutionären Amerika auf Expansion: Politisch verlangten immer mehr Menschen nach Mitsprache und wurden immer breitere Bevölkerungsschichten durch die Parteien in den politischen Prozess einbezogen; ökonomisch wuchsen die Vereinigten Staaten zu einem großen Binnenmarkt zusammen und weiteten gleichzeitig ihre Handelsbeziehungen zum Rest der Welt aus; und territorial gelang ihnen im Krieg gegen MexikoMexikoMexikanisch-Amerikanischer Krieg 1846–1848 der endgültige Durchbruch zum Pazifik. Gerade diese rasche Expansion, ab den 1840er Jahren verbunden mit einer Masseneinwanderung aus Europa, verschärfte aber auch die regionalen Gegensätze und heizte den Streit um die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) an, der 1861 in die Zerreißprobe des BürgerkriegsBürgerkrieg führte.
1 Die Era of Good Feeling Era of Good Feeling
Grenzregelungen und Monroe-DoktrinAußenpolitikMonroe-DoktrinMonroe-Doktrin
Nach dem zweiten Krieg gegen EnglandGroßbritannien innerhalb einer Generation schienen die Amerikaner endlich zu sich selbst gefunden zu haben. Die Hoffnungen auf gesellschaftliche Harmonie und wirtschaftlichen Fortschritt bündelten sich in dem Begriff der Era of Good Feeling Era of Good Feeling, den ein Bostoner Journalist prägte und der bald mit der Präsidentschaft von James MonroeMonroe, James (1817–1825), dem vierten Virginier nach WashingtonWashington, George, JeffersonJefferson, Thomas und MadisonMadison, James, verbunden wurde. Es schien, als könne der Parteienstreit nun endgültig beigelegt werden, denn auch die verbliebenen Federalists Federalists unterstützten MonroeMonroe, James, und John AdamsAdams, John’ Sohn John Quincy AdamsAdams, John Quincy, ein typischer Repräsentant der gebildeten neuenglischen Elite, trat in Monroes Kabinett ein. Das gestiegene nationale Selbstbewusstsein der Amerikaner spiegelte sich am deutlichsten in der AußenpolitikAußenpolitikAntebellum, die John Quincy AdamsAdams, John Quincy über mehr als ein Jahrzehnt, zuerst als Secretary of State und dann als Präsident (1825–1829), maßgeblich mitbestimmte. Adams, der in Europa diplomatische Erfahrungen gesammelt hatte, stellte das nationale Interesse der Vereinigten Staaten über alle parteipolitischen und sektionalen ErwägungenSektionale Konflikte. Er ging von der Prämisse aus, dass Distanz zu Europa und territoriale ExpansionTerritoriale Expansion auf dem nordamerikanischen Kontinent die Voraussetzungen für das Überleben des „republikanischen Experiments“ seien. Da EnglandGroßbritannien weiterhin als gefährlicher Gegner galt, und da auch die innere Stabilität der Union zu berücksichtigen war, sollte diese Expansion behutsam und unter Vermeidung von Kriegen erfolgen. Flankiert werden musste sie durch eine AusweitungAußenpolitikAntebellum und Diversifizierung des amerikanischen Handels, der immer noch stark auf die Nordatlantikroute konzentriert war.
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