In Wellen aus Hitze breitete es sich weiter aus, sammelte sich in seinem Nacken und kletterte in quälender Langsamkeit seine Wirbelsäule hinab.
Ezras Finger verkrampften sich, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Und doch stand er aufrecht. Die Frage war nur, wie lang.
»Blackwood«, raunte sein Freund. »Was tust du da?«
Doch er war nicht mehr Blackwood. Nicht mehr Ezra. Und er besaß nicht mehr die Macht über seinen eigenen Körper.
Er wurde zurückgedrängt, als sich die brennende Masse durch seine Glieder schob, sich durch seine Blutbahnen wand, bis sie zu zerplatzen drohten. Es blieb kaum mehr als ein Funke seines Bewusstseins. Und selbst um diesen Funken musste er kämpfen wie ein wildes Tier.
Er sank auf die Knie und seine Finger bohrten sich zwischen die Bodenpflaster, sein ganzer Körper verkrampfte sich. Er hustete, Blut spritzte über den Stein.
Dann ein Schuss.
Mit Wucht schleuderte er ihn zurück, doch Ezra spürte keinen Schmerz. Nur Angst und Panik. Die Barriere um sein Herz zerbrach. Erst zeigten sich nur Risse, doch sie breiteten sich in rasender Geschwindigkeit aus, bis der Wall in sich zusammenstürzte.
Nun schlugen all die Empfindungen über ihm zusammen. Es gab keinen Grund mehr, sie zurückzuhalten. Er sah wieder ihr Gesicht, blass. Ihre Lippen, grau. Die Augen aufgerissen. Augen aus Glas.
Ein zweiter Schuss.
Verdammt.
Es war anders als sonst. Es fiel ihm schwerer, den Funken zu erhalten, der ihn ausmachte. Der ihn immer wieder zurückgeführt hatte.
Es war stärker.
Dieses Mal würde es ihn zerreißen.
Kapitel 1
Haltlos prasselte der Regen auf den Asphalt, als hätte der Himmel beschlossen, seine Schleusen zu öffnen und all die angestaute Wut auf sie hinabzuschütten. Dicht aneinandergedrängt eilten Jack und Lively über den Gehsteig, vorbei an gewundenen Gaslaternen, bis sie das verrostete Tor erreichten.
Es war nur angelehnt, also packte Jack das Metall und zog es auf. Sein Mantel lag schwer und von Wasser vollgesogen auf seinen Schultern. Hastig schob er sich die klatschnassen Strähnen aus dem Gesicht und trat voran durch die entstandene Lücke.
Das Kinderheim St. Alberts lag inmitten eines kleinen Parks, in dem man den vorgegebenen Weg zwischen all den wuchernden Pflanzen und Bäumen erst suchen musste. Vor allem, da das Wetter die Sicht noch verschlechterte.
Jack presste die Lippen aufeinander. Beklemmung ergriff von ihm Besitz. Eine Spannung, die er kannte. Ein wohlbekannter Geruch stieg ihm in die Nase. Er konnte ihn nicht benennen, ihn keinem speziellen Gegenstand oder keiner Person zuschreiben, doch er brachte die Erinnerungen zurück, als würde ihm jemand mit geballter Kraft ins Gesicht schlagen.
Er stolperte. Er sah Frauen in dunklen Kutten. Lange Stöcke in ihren Händen. Kinderschreie. Dann Kinderlachen. Stundenlange Versteckspiele im Park, bis man nicht mehr wusste, ob die anderen überhaupt noch suchten. Eintöniges Essen in kleinen grauen Schalen. Gespräche, viele Gespräche.
Ein kalter Raum im Keller. Ein noch kälterer Stuhl.
»Jack?«, fragte Lively sacht und legte ihm eine Hand auf den Rücken. »Alles in Ordnung?«
»Natürlich«, antwortete er etwas zu schnell. Er fuhr sich durch das Gesicht und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich habe mich nur an die Versteckspiele mit Will erinnert.«
Lively betrachtete ihn skeptisch, fragte jedoch nicht weiter nach. Er war nur ihretwegen mitgekommen, denn eigentlich hatte er sich geschworen, nie wieder einen Fuß auf dieses Grundstück zu setzen. Doch als Lively von der baldigen Schließung ihres alten Kinderheims erfahren hatte, hatte sie ihn beinahe angefleht, mit ihr hierher zu gehen. Es wunderte ihn nicht, dass er nachgegeben hatte. Sie war schon immer seine größte Schwachstelle gewesen und würde es immer bleiben. Aber wenn er sie betrachtete, ihre vor Aufregung geröteten Wangen und ihre Hände, die sie immer wieder nervös in eine Faust zog und lockerte, bereute er es nicht. Er würde diese Erinnerungen schon überleben.
Schweigend stiegen sie die Stufen hinauf, bis sie vor der riesigen Tür aus schwarz angemalter Eiche standen. Jack plusterte die Backen auf und hielt für einen Moment die Luft an. Seit fünf Jahren hatte er dieses Gebäude nicht mehr betreten. Doch auch wenn er es in den Momenten des Schmerzes kaum geglaubt hatte – mit den Jahren verblasste er.
Lively drehte sich das letzte Mal mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck zu ihrem Bruder um. Die dunkelblonden Haare klebten an ihren Wangen. Dann hob sie die Hand, umfasste den Türklopfer aus Messing und schlug ihn dreimal heftig gegen das Holz.
Stille antwortete ihnen. Einige Sekunden starrten sie auf die Tür, dann warfen sie sich einen fragenden Blick zu. Nicht einmal Schritte waren auf der anderen Seite zu vernehmen.
»Vielleicht ist doch keiner mehr da«, flüsterte Jack. Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, die Stimme senken zu müssen.
Lively schüttelte den Kopf. »Doch, ich bin mir sicher.« Sie bediente den Türklopfer ein weiteres Mal. »Ist hier jemand?«, rief sie und versuchte, einen Blick durch eines der schmutzigen Fenster zu werfen.
»Macht nicht solch einen Lärm.« Eine Stimme ließ sie herumfahren. Jack musterte die Frau, die wie aus dem Nichts hinter ihnen aufgetaucht war. Sie trug eine schwarze Kutte und die Haare unter einem Tuch zusammengefasst, auf dem Regentropfen glitzerten. »Schwester Josepha«, sagte er und seine Mundwinkel hoben sich. Die Frau musterte sie einige Sekunden lang schweigend.
»Mr. und Miss Harpins«, sagte sie und ein Meer aus Falten überzog ihr Gesicht, als sie lächelte. Trotzdem war Jack nicht sicher, ob sie sich wirklich über ihren Besuch freute.
»Schwester!« Lively schob sich an Jack vorbei und reichte der älteren Frau die Hand. Diese umschloss sie mit ihren und drückte sie. »Wir dachten schon, alle hätten das Haus verlassen. Es schließt aber doch erst Ende der Woche, oder? Jedenfalls haben sie das im Pub erzählt.«
»Dem Geschwätz kannst du nicht glauben, Liebes.« Schwester Josepha machte eine wegwerfende Handbewegung. Man konnte ihr den Missmut bei Livelys Erwähnung des Pubs deutlich ansehen. »Die Kinder sind schon Anfang der Woche in ein neues Heim gebracht worden und auch die Plünderer haben sich bereits über das Inventar hergemacht.« Sie spuckte das Wort förmlich aus, obwohl sich Jack sicher war, dass sie nicht wirklich Plünderer meinte, sondern die Angestellten der Kirche, die das Haus noch nach Nützlichem abgesucht hatten.
»Nur ich bin noch da«, fuhr sie fort, untermalt von einem langen Seufzen. »Gerade habe ich mich von dem kleinen Garten verabschiedet. Es ist ein Jammer: Jahrelang habe ich ihn gepflegt und jetzt muss ich ihn der wilden Natur übergeben.«
Jack bekam unwillkürlich Mitleid mit der untersetzen Frau, auch wenn man diesen Garten selbst mit viel Wohlwollen nicht als gepflegt bezeichnen konnte. Er lächelte Schwester Josepha schmallippig an. Dann ließ er den Blick über die von dunklen Tannen umgebenen Beete schweifen und ein weiterer Schwall von Erinnerungen überströmte ihn. Hier hatte er als Kind gespielt, hier hatte er sich manchmal stundenlang vor seinen Peinigern versteckt. Meist waren sie zu langsam und schnell gelangweilt gewesen, sodass er sich nur hinter einen Busch hatte hocken und dort für eine Zeit verharren müssen. Es hatte nicht immer geklappt, das hatten die Spuren auf seiner Haut nur zu Genüge gezeigt.
Wieder musterte Josepha sie auf merkwürdige Weise und ein Glitzern trat in ihre Augen. »Ich würde euch gerne auf eine Tasse Tee einladen, Kinder.« Es klang mehr nach einem Befehl als einer Bitte.
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