Also fixierte ich auch die Inlandsflüge und begann mir Gedanken über die Art der Fortbewegung in den jeweiligen Ländern zu machen.
Die Art des Vorankommens in Neuseeland beschäftigte mich besonders.
Dieses Land wollte ich möglichst intensiv erleben. Bus? Nein, ich bin kein Langstreckenbus-Typ. Außerdem kann man nie dort stehenbleiben, wo man möchte, um zu fotografieren oder einfach nur zu genießen. Camper? Als Einzelreisende? Auch keine wirkliche Option – das Handling erschien mir zu umständlich und, ehrlich gesagt, wollte ich am Ende des Tages in ein richtiges Bett in einem richtigen Zimmer steigen – mit Badezimmer und Toilette. Also fiel die Entscheidung auf ein Mietauto, was sich für meine Bedürfnisse als vollkommen richtig herausstellen sollte. Der Linksverkehr machte mir zwar ein bisschen Sorgen, aber ich sagte mir, ich würde das schon schaffen.
Somit waren alle großen Entscheidungen getroffen und die Routen festgelegt, sowohl zeitlich als auch verkehrstechnisch. Mein „Weltreise-Körper“ begann, Gestalt anzunehmen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es ein kleiner, zierlicher, damenhafter Körper war, kein großer, außergewöhnlicher, spektakulärer. Ich kann im Nachhinein auch sagen, dass ich gerne noch einen Monat drangehängt hätte, wäre dazu die Möglichkeit gewesen. Und jetzt weiß ich auch, wo ich mich länger hätte aufhalten wollen und worauf ich verzichten hätte können. Im Nachhinein ist man immer klüger.
Grundsätzlich war das Reisegerüst in Ordnung, von kleinen Planungsfehlern abgesehen. Der Aufenthalt in Bangkok war definitiv zu lange, für Neuseeland braucht man für den Vollgenuss der beiden Inseln mindestens vier Wochen und wenn man Australien intensiver erleben möchte, sind aus meiner Sicht mindestens sechs Wochen dafür zu veranschlagen. Eine Woche für Buenos Aires war viel zu viel, diese heruntergekommene südamerikanische Großstadt war eine einzige Enttäuschung. Die Landschaften des argentinischen Berglandes jedoch sind dramatisch schön und haben mir unerwartet noch einen letzten Höhepunkt zum Abschluss meiner Reise gewährt. Auch hier könnte man viel länger verweilen und ich überlege mir ernsthaft, noch einmal dort hinzureisen, um die gigantischen Landschaften der südamerikanischen Anden mit all ihrer bizarren Schönheit voll auszukosten.
Mittlerweile war es Anfang März, die Reise würde im Oktober beginnen. Was also war als Nächstes zu tun?
Lesen, lesen, lesen und sich schlau machen über die Destinationen, die ich ausgewählt hatte. Also besorgte ich mir Reiseführer über Südostasien, Australien, Neuseeland und Argentinien. Tagelang vertiefte ich mich in die Reiseführer von Marco Polo, Stefan Loose und Lonely Planet sowie ins Internet, um möglichst viel wichtige Reiseinformation aufzusaugen. Nach langem Hin und Her traf ich die Entscheidung, das australische Outback im Rahmen einer geführten Abenteuertour zu erleben. In Bezug auf Neuseeland schwankte ich lange, entschied mich jedoch dann für einen längeren Trip mit einem Mietauto auf der Südinsel und verzichtete auf die Nordinsel. Argentinien würde ich auf Buenos Aires beschränken, außerdem, so meinte ich, wäre dies die letzte Destination meiner Weltreise und wahrscheinlich würde ich mich ein bisschen erholen wollen.
Am meisten Kopfzerbrechen bereitete mir Bangkok, die allererste Station meiner Reise.
Ich würde dort am 23. Oktober ankommen und nach 16 Tagen in Richtung Sydney abfliegen. Somit hatte ich rund zwei Wochen Zeit für ein kleines Südostasien-Abenteuer, von dem ich noch nicht wusste, wie es aussehen sollte. Eine Freundin empfahl mir, gleich Vietnam und Laos mitzumachen, wenn ich schon einmal dort sei – die Halongbucht sei besonders schön. Ich überprüfte die Entfernungen auf Google Maps, checkte stundenlang Flugverbindungen und kam zum Ergebnis, dass dies viel zu stressig werden würde. Ich würde jeden Transfer selbst organisieren, mein Gepäck mit mir herumschleppen und mit knappen Flugverbindungen kalkulieren müssen. Nur ein einziger Flugausfall oder eine massive Flugverspätung würde meinen gesamten Reiseplan kollabieren lassen. Das wollte ich mir nicht antun. Die Halongbucht würde warten müssen. Eine andere Bekannte riet mir zu Nordthailand, Chiang Mai sei zauberhaft, das müsse man gesehen haben. Warum nicht, dachte ich mir, dann könnte ich gleich nach Myanmar weiterreisen, obwohl ich dort bereits zweimal gewesen war. Aber den Goldenen Felsen und die Shwedagon Pagode, das schönste buddhistische Bauwerk der Welt, würde ich mir gerne auch noch ein drittes Mal anschauen. „Aber da warst du ja schon, willst du nicht etwas Neues erleben?“, fragte mein Sohn. Ich musste zugeben, dass er recht hatte.
Also nahm ich – ganz Old School – meinen zerfledderten Schulatlas zur Hand, schlug Südostasien auf und versuchte, herauszufinden, was es Sehenswertes in einer sinnvollen Distanz zu Bangkok gab. Nordthailand würde mir zusagen und im Südosten gab es Siem Reap in Kambodscha mit der antiken Tempelstadt Angkor Wat. Die mystischen Dschungeltempel, UNESCO-Weltkulturerbe und legendär geworden durch Dreharbeiten zu bekannten Filmen, ja, das war es!
Weniger ist mehr, überlegte ich, ich würde nicht durch ganz Südostasien hetzen, sondern mich auf Thailand und Kambodscha beschränken und meine Ziele in entspanntem Tempo genießen. Ich beschloss, Angkor Wat in Eigenregie zu organisieren und Nordthailand als Gruppenreise zuzubuchen. Geschafft, damit war die komplette Reise festgelegt.
4. Nicht ohne: …
Nicht ohne … mein Handy.
Ich frage mich oft, wie wir früher verreist sind, als es noch kein Internet, kein Google und keine Smartphones gab. Über das Reisebüro, klar, aber Einzelreisen, individuell? Ohne Online-Flugsuchen, ohne Hotelbuchungen über Buchungsplattformen, ohne Google Earth, um sich schon mal anzusehen, wie es am Zielort aussieht, ohne Reiseforen, in denen man sich austauscht und Erfahrungen weitergibt? Unmöglich.
Das Internet gibt es erst seit 25 Jahren und Smartphones überhaupt erst seit circa zehn Jahren und alle, die schon lange vorher auf der Welt waren, wissen, wie mühsam sich damals die Informationsbeschaffung gestaltete. Wenn ich heute wissen will, wie das Wetter in Auckland ist, gebe ich den entsprechenden Suchbegriff auf meinem Smartphone in Google ein und erhalte augenblicklich die gewünschte Information. In Vor-Internetzeiten erfuhr ich dies entweder überhaupt nicht oder ich musste mir ein Buch mit Klimatabellen ausleihen oder kaufen, ich konnte mich ins Reisebüro begeben und dort nachfragen, ich konnte jemanden suchen, der diesbezüglich Erfahrungen hatte, oder ich gab das Vorhaben auf.
Viele Dinge, die sich heute mit einem Tastendruck erledigen lassen, waren damals überhaupt nicht möglich.
Individualreisen in ferne Länder hatten Expeditionscharakter, waren kostspielig und entsprechend selten. Selbst harmlose Urlaubsreisen mit dem Auto waren Kämpfe mit riesigen, oft ungenauen Straßenkarten und unzähligem Falschfahren, weil die richtige Abzweigung entweder übersehen wurde oder gar nicht eingezeichnet war. Fahrzeiten wurden großzügig geschätzt und vielfach schwer unterschätzt. Unterkünfte hatte man entweder per Brief (!) oder Telefon (sofern man ein solches überhaupt besaß) vorbestellt oder suchte sie selbst vor Ort, indem man von einem Hotel zum anderen ging. Flugreisen konnten nur über ein Reisebüro gebucht werden und waren elendiglich teuer. Allerdings wurde man auch in der normalen Touristenklasse von den Flugbegleitern, die damals Stewardessen hießen und ausnahmslos weiblich waren, verhätschelt, man dinierte und durfte im Flugzeug rauchen. Heutzutage unvorstellbar. Ich fühle mich wie ein Zeitzeuge für eine historische Epoche, in der das Reisen umständlich und vor allem teuer war.
Um es auf den Punkt zu bringen: Ich lobe und preise das Internet und die Erfindung des Smartphones, welche unser Leben unvorstellbar bequem und einfach gemacht haben.
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