Während Paare in den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts aber noch recht konservative Beziehungsvorstellungen hatten, sahen es die nachfolgenden Generationen etwas lockerer: Mit der Erfindung der Anti-Baby-Pille eröffneten sich neue Freiheiten der Sexualität. Serielle Monogamie war plötzlich eine Alternative zum »Partner für das ganze Leben«. Die 60er-Jahre sind somit eine Zeit des tiefgreifenden sozialen, sexuellen und moralischen Wandels, der dazu führte, dass kurzfristige Partnerschaften »erlaubt« sind und der Hang zur Selbstoptimierung zunimmt.
Erste Anfänge des Online-Datings
Erste Anfänge der elektronisch unterstützten Partnersuche gab es bereits in den späten 1950ern an der Stanford University: Jim Harvey und Phil Fialer belegten einen Kurs zur »Theorie und Praxis von Rechenmaschinen«, der sie darauf brachte, an einem Großrechner ein Dating-Programm zu entwickeln, um Menschen zusammenzubringen. »Happy Families Planning Service« war somit die erste digitale Form der Partnersuche, die 50 männliche und 50 weibliche Singles miteinander matchen sollte. Dafür wurden anhand von Fragebögen Psychogramme erstellt, die Einstellungen und Gewohnheiten abdeckten. Leider war das Programm eher minder erfolgreich, die Idee dafür sollte aber Jahrzehnte später ebenso aktuell sein.
Computer-Dating ermöglichte Beziehungen zwischen Liebes- und Vernunftsehe – ein Mittelweg und eine Zwischenlösung, die sich nicht nur an finanzieller Stabilität orientiert, sondern auch Raum für Liebe lässt. Dies sprach viele junge Erwachsene an und lief den veralteten Heiratsbüros, die noch ganz analog den richtigen Partner zu finden versprachen (ähnlich moderner Offline-Partnervermittlungen), den Rang ab.
Der Heiratsmarkt verwandelte sich durch diese neuen Möglichkeiten zusehends zu einem Beziehungsmarkt und war damit Sinnbild gesellschaftlicher Umbrüche: Der perfekte Partner ist eventuell nur seriell, Loyalität sich selbst gegenüber löst die gegenüber dem Partner teilweise ab.
Elektronisches Dating – Anfänge des Algorithmus
Ab den 1960er-Jahren waren vor allem in Amerika auch Computer-Dating-Agenturen zunehmend beliebt. Elektronisches Dating wurde kommerziell vermarktet und löste so kirchliche Eheberatungs-Institutionen allmählich ab.
Die Frage, wie und ob der perfekte Partner durch einen Algorithmus bestimmt werden kann, beschäftigte vor allem Sozial- und Computerwissenschaftler. Faktoren, die eine gelingende Partnerschaft wahrscheinlicher machen, wurden analysiert, quantifiziert und abgeglichen. Die Anfänge der »planbaren« Liebe liegen somit in den USA, wo Matching-Algorithmen entwickelt und kommerziell von Instituten und Agenturen genutzt wurden.
Allerdings hatte diese junge Form des Online-Datings auch mit Ablehnung zu kämpfen: dem kalten, kalkulierenden Computer wurde die Fähigkeit abgesprochen, wahre Liebe zu ermöglichen und Menschen verbinden zu können, das Matching war zu teuer, und Bedenken rund um Privatsphäre und Datenschutz wurden laut, nachdem einige Singles Kontaktdaten an Dritte weiterleiteten.
Ab den 1970ernwurden durch Video-Dating vor allem Chatrooms sehr beliebt, die eine intimere Kommunikation ermöglichten. Singles konnten so selbst aktiv auf Partnersuche gehen, indem sie Videotext und andere virtuelle Kommunikationskanäle nutzten.
Durch die Verbreitung des Internets nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in privaten Haushalten entstanden neue Möglichkeiten der virtuellen Kontaktaufnahme.
Die erste Online-Dating-Seite, die 1995ins Leben gerufen wurde, war Match.com. Endlich konnten Singles weltweit online Kontakt aufnehmen, flirten und sich verlieben – ohne, dass sie in ein Flugzeug steigen, teure Telefonate führen oder sich überhaupt die Zähne putzen mussten.
Natürlich bedingte diese Auflösung örtlicher Beschränkungen beim Dating einen Anstieg interkultureller Partnerschaften und Ehen. Dieser Trend nahm im Laufe der Zeit mit der Entstehung und zunehmender Popularität weiterer Singlebörsen zu.
Entwicklung des Online-Dating-Markts in Deutschland
Längst muss man nicht mehr aus dem Haus gehen, um neue Freizeit-, Lebens- oder Sexualpartner kennenzulernen. Es genügt ein Gang zum häuslichen Computer. Man muss sich nicht mehr in einem Café verabreden, um mehr über die andere Person zu erfahren. Instant Messaging, Tele- oder Videofonie macht es möglich, nahezu so zu kommunizieren wie in einem Gespräch vis-à-vis. Digitale Liebe überwindet geografische und auch soziale Distanzen. Es sind ihr keine Grenzen gesetzt, einzige Voraussetzungen sind der Wille zur Partnerschaft und ein internetfähiges Gerät. Aber wie ging die Entwicklung des Online-Datings in Deutschland eigentlich vonstatten? Wir haben die wichtigsten Websites und Entwicklungen seit der ersten Dating-Website zusammengefasst:
1998geht in Deutschland Dating Cafe als Vorreiter unserer modernen Dating-Plattformen an den Start. Die Seite richtet sich an Singles über 30, die einen festen Partner suchen. Im selben Jahr wird auch meet2cheat, die erste deutsche Seitensprung-Website ins Leben gerufen, die jedoch nach gut 10 Jahren abgeschaltet wird. Dating Cafe hat sich im Gegenzug bis heute gehalten.
1999folgt mit LovePoint ein weiterer Anbieter für erotische Abenteuer, Seitensprünge und auch langfristige Beziehungen. Auch bei LovePoint kann man sich bis heute registrieren und sich mit mehr als einer halben Million anderer Singles aus Deutschland auf die Suche nach dem perfekten Gegenstück begeben.
2000gibt es erstmals mehr Kontaktanzeigen im Internet als Annoncen in den Zeitschriften. In diesem Jahr gehen auch Friendscout24 (heute LoveScout24) und bildkontakte.deonline. Während Bildkontakte gänzlich kostenlos nutzbar ist, hat Friendscout24 ein Bezahlmodell, das trotzdem zu einer hohen Beliebtheit des Portals führt. Mehr als 6 Millionen Mitglieder zählt LoveScout24 heute – nur in Deutschland.
Im Jahr 2001wird am Valentinstag die Partnervermittlung Parship online gebracht. Eine moderne Partnervermittlung, die bis heute zu den besten Online-Dating-Portalen mit mehr als 5,5 Millionen Mitgliedern zählt. Auch Jappy, Finya und freenet Singles kommen in diesem Jahr auf den Markt. Alle Portale sind in selbiger oder leicht veränderter Form (Rebranding) bis heute noch nutzbar.
2002startet Ströer neu.de, und auch GayRomeo.de(später planetromeo.com) geht als Community für Homosexuelle online, ehe 2003Yahoo!-Dating (später von match.comaufgekauft und eingestampft) an den Markt geht.
2004:Ein ehemaliger Parship-Geschäftsführer gründet ElitePartner und verkauft die Website an den Burda-Verlag, ehemalige Friendscout24-Mitarbeiter gründen be2, und poppen.degeht als einer der bis heute größten Sextreffs online. Mittlerweile gibt es mehr als 10 Millionen Online-Dating-Profile in Deutschland, und Friendscout24 schaltet erstmals Fernsehwerbung für eine Dating-Website.
Joyclub, eine der niveauvollsten und beliebtesten Erotik-Communitys geht 2006live. Bis heute ist die Community die erste Wahl für Swinger und erotische Events.
Im Jahr 2006 wird erstmals der Umsatz von 100 Millionen Euro beim Online-Dating geknackt.
2007startet dann Flirtfair, ein Portal für Sexkontakte, wobei auch Fake-Profile (mehr dazu in Kapitel 10) und Animateurinnen erstmals äußerst lukrativ eingesetzt werden.
Mit KissNoFrog geht 2008ein Portal online, das Webcam-Chats zum Dating nutzen will, was aber recht bald floppt. KissNoFrog bleibt trotzdem als reguläre Singlebörse bestehen. Mit C-Date geht im selben Jahr eine weitere internationale Dating-Seite für erotische Treffen an den Markt. Bis heute zählt das Portal mehr als 3,7 Millionen Nutzer – allein in Deutschland.
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