Als wir der Psychologin berichteten, was wir gesehen hatten und ich einige der Worte rezitierte, schien sie in einer merkwürdigen Aufmerksamkeit zu erstarren. Dann beschloss sie, hinabzusteigen und sich die Worte anzusehen. Ich war unschlüssig, ob ich sie davor warnen sollte. Schließlich sagte ich: »Schau sie dir nur vom Treppenabsatz an. Wir wissen nicht, ob es da irgendwelche Gifte gibt. Beim nächsten Mal sollten wir die Atemmasken mitbringen.« Die hatten wir immerhin von der letzten Expedition geerbt, in einer versiegelten Kiste.
» Paralyse ist keine überzeugende Analyse «, sagte sie und starrte mich fest an. Mich befiel eine Art Kribbeln, aber ich sagte nichts, tat auch nichts. Die anderen schienen nicht einmal mitbekommen zu haben, dass sie etwas gesagt hatte. Erst später wurde mit klar, dass die Psychologin versucht hatte, mich mittels einer hypnotischen Suggestion, die an niemand anderen als mich gerichtet war, ruhigzustellen.
Meine Reaktion bewegte sich offenbar innerhalb des von ihr erwarteten Musters, denn sie verschwand, während wir oben unruhig warteten. Was, wenn sie nicht zurückkommen würde? Eine Art Eifersucht überkam mich: Die Vorstellung, dass sie, wie ich, das Verlangen weiterzulesen spüren und entsprechend handeln würde, erregte mich. Und obwohl ich nicht wusste, was die Worte bedeuteten, wollte ich, dass sie einen Sinn ergaben, wollte ich mich so rasch wie möglich meiner Zweifel entledigen und all meine Beobachtungen wieder auf eine vernünftige Basis stellen. Diese Gedanken hielten mich davon ab, weiter über die Auswirkungen der Sporen auf meinen Organismus nachzudenken.
Glücklicherweise hatten die beiden anderen während wir warteten kein Bedürfnis zu reden. Nach nur fünfzehn Minuten bahnte sich die Psychologin ungelenk den Weg aus dem Treppenloch ans Licht und blinzelte, während sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnten.
»Interessant«, sagte sie unaufgeregt, während sie sich vor uns aufbaute und die Spinnweben von ihrer Kleidung strich. »So etwas habe ich noch nie gesehen.« Sie schien noch etwas sagen zu wollen, schwieg dann aber.
Was sie gesagt hatte grenzte an Schwachsinn; offenbar war ich nicht als Einzige dieser Meinung.
»Interessant?«, sagte die Anthropologin. »So etwas hat noch nie jemand während der gesamten bekannten Weltgeschichte gesehen. Niemand. Niemals . Und du nennst das interessant ?« Sie schien kurz davor, sich in einen hysterischen Anfall hineinzusteigern. Während die Vermesserin die beiden bloß anstarrte, als wären sie die fremdartigen Organismen.
»Muss ich dafür sorgen, dass du dich beruhigst?«, fragte die Psychologin. Ihre Stimme hatte einen stählernen Ton angenommen, und die Anthropologin senkte den Kopf und murmelte irgendetwas Nichtssagendes.
Ich brach das Schweigen mit einem Vorschlag: »Wir brauchen Zeit, um darüber nachzudenken. Wir brauchen Zeit, um zu entscheiden, was wir als nächstes tun wollen.« Ich meinte natürlich, dass ICH Zeit brauchte um zu sehen, ob die inhalierten Sporen mich in einer Weise beeinflussen würden, die signifikant genug wäre, dass ich davon berichten musste.
»Vielleicht reicht dafür alle Zeit der Welt nicht aus«, sagte die Vermesserin. Ich glaube, von uns allen hatte sie am besten die Implikationen dessen begriffen, was wir gesehen hatten: dass wir von jetzt an vielleicht in einer Art Albtraum leben würden. Aber die Psychologin ignorierte sie und schlug sich auf meine Seite. »Wir brauchen tatsächlich Zeit. Wir sollten uns den Rest des Tages dem widmen, wozu wir hier hergeschickt worden sind.«
Wir kehrten also zum Lunch ins Lager zurück und konzentrierten uns dann auf den »Alltag«, während ich meinen Körper im Hinblick auf irgendwelche Veränderungen unter Beobachtung hielt. War mir jetzt zu kalt oder zu warm? Dieser Schmerz im Knie, kam der von einer alten Verletzung im Gelände, oder war das etwas Neues? Ich kontrollierte sogar das schwarze Kästchen, aber es blieb stumm. Bisher hatte sich bei mir noch nichts einschneidend verändert, und während wir unsere Proben nahmen und die nähere Umgebung des Lagers erkundeten – als würde ein zu weites Entfernen davon bedeuten, dass wir unter den Einfluss des Turms gerieten –, entspannte ich mich allmählich und sagte mir, dass die Sporen keine Wirkung gezeigt hatten – obwohl mir klar war, dass die Inkubationszeit für einige Arten Monate oder Jahre betragen konnte. Vermutlich dachte ich, dass ich zumindest für die nächsten Tage auf der sicheren Seite war.
Die Vermesserin konzentrierte sich darauf, die Karten, die unsere Vorgesetzten uns mitgegeben hatten, um Details und Kleinigkeiten zu ergänzen. Die Anthropologin zog los, um die Überreste einiger Hütten, die einen knappen halben Kilometer entfernt lagen, zu untersuchen. Die Psychologin blieb in ihrem Zelt und schrieb ihr Tagebuch. Vielleicht berichtete sie, dass sie nur von Idioten umgeben war, oder schilderte detailliert, was wir am Morgen entdeckt hatten.
Was mich angeht, so verbrachte ich eine Stunde damit, einen winzigen rotgrünen Laubfrosch zu beobachten, der auf einem breiten, dicken Blatt saß, und folgte eine weitere Stunde den Bahnen einer schillernden schwarzen Kleinlibelle, die es hier auf Meereshöhe nicht hätte geben dürfen. Den Rest der Zeit saß ich in einer Kiefer und hielt das Fernglas auf die Küste und den Leuchtturm gerichtet. Ich kletterte gern. Ich mochte auch das Meer, und den Blick darauf ruhen zu lassen, hatte eine besänftigende Wirkung. Die Luft war so sauber, so frisch, während die Welt auf der anderen Seite der Grenze so war, wie schon während der ganzen Moderne: schmutzig, langweilig, unvollkommen, ein Auslaufmodell. Dort hatte ich immer das Gefühl gehabt, dass meine Arbeit der vergebliche Versuch war, uns vor etwas zu bewahren, bei dem wir schon längst angekommen waren.
Die Vielfältigkeit der Biosphäre von Area X zeigte sich in ihrem Reichtum an Vogelarten, von der Grasmücke über den Specht bis hin zu Kormoran und Warzenibis. Ich konnte auch ein Stück weit in die Salzmarschen hineinsehen, und meine Aufmerksamkeit wurde mit einem minutenlangen Blick auf ein Otterpaar belohnt. Einmal schauten beide kurz auf, und ich hatte die merkwürdige Empfindung, dass sie sehen konnten, wie ich sie beobachtete. Es war ein Gefühl, das ich häufiger hatte, wenn ich draußen in der Wildnis war: dass die Dinge nicht so waren, wie sie erschienen, und ich musste gegen diese Empfindung ankämpfen, die meine Objektivität als Wissenschaftlerin in Frage gestellt hätte. Und noch etwas anderes gab es dort, das sich schwerfällig durch das Schilf bewegte, aber näher am Leuchtturm und völlig verdeckt. Ich konnte nicht erkennen, was es war, und nach einer Weile hörte das Hin und Her der Schilfpflanzen auf, und ich verlor es aus den Augen. Ich stellte mir vor, es könnte ein weiteres Wildschwein sein, denn Schweine können gut schwimmen, sind Allesfresser und können jedes Habitat besiedeln.
Als es dämmerte, hatte die Strategie, dass jeder sich mit seinen eigenen Sachen beschäftigt, gewirkt, jedenfalls hinsichtlich der Beruhigung unserer Nerven. Die Spannung hatte sich ein Stück weit gelöst, und beim Abendessen wurde sogar gescherzt. »Ich wünschte, ich würde wissen, was du denkst«, eröffnete mir die Anthropologin, und ich antwortete: »Nein, das wünschst du dir nicht«, was mit einem Gelächter quittiert wurde, das mich überraschte. Ich hatte keine Lust zu hören, was sie von mir hielten, und ihre eigenen Geschichten und Probleme interessierten mich nicht. Warum interessierten sie meine?
Aber es störte mich auch nicht, dass sich eine Art Kameradschaft zwischen uns zu entwickeln begann, auch wenn sie sich als kurzlebig erweisen sollte. Die Psychologin erlaubte uns allen ein paar Bier aus dem Alkoholschrank, die die Stimmung so auflockerten, dass ich mich sogar umständlich zu dem Vorschlag verstieg, dass wir nach Beendigung unserer Mission doch irgendwie in Kontakt bleiben könnten. Inzwischen hatte ich es aufgegeben, mich hinsichtlich physiologischer oder psychologischer Reaktionen auf die Sporen selbst zu kontrollieren und stellte fest, dass die Vermesserin und ich uns besser verstanden, als ich erwartet hatte. Die Anthropologin mochte ich immer noch nicht besonders, aber nur im Rahmen unserer Expedition, nicht wegen irgendwelcher Äußerungen in Bezug auf mich. So wie einige Sportler gut im Training, aber nicht so gut im Wettkampf sind, hatte sie meinem Gefühl nach einen Mangel an mentaler Widerstandsfähigkeit gezeigt, nachdem wir erst mal im Feld waren. Obwohl es schon etwas bedeutete, sich für so eine Mission überhaupt zu bewerben.
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