»Leuchtet weiter«, sagte ich und ging zwischen den beiden anderen die ersten Treppenstufen hinab. Wieder rauschte das Blut so in meinem Kopf, dass es in meinen Ohren dröhnte. Für diese paar Schritte bedurfte es höchster Konzentration. Ich weiß nicht, welcher Impuls mich vorwärtstrieb, aber schließlich war ich die Biologin und das hier sah mir merkwürdig organisch aus. Wäre die Linguistin bei uns gewesen, vielleicht hätte ich ihr den Vortritt gelassen.
»Fass es nicht an, was immer es auch ist«, warnte die Anthropologin.
Ich nickte, war aber viel zu begeistert von dieser Entdeckung. Selbst wenn ich keinen Impuls verspürt hätte, die Worte an der Wand zu berühren, wäre ich nicht in der Lage gewesen, mich zurückzuhalten.
Überraschte es mich, während ich näherkam, zu erkennen, in welcher Sprache die Worte geschrieben waren? Ja. Erfüllte es mich mit einer Mischung aus Euphorie und Grauen? Ja. Ich versuchte, die tausend Fragen, die sich tief in mir zusammenbrauten, zu unterdrücken. Mit einer Stimme, die so ruhig war, wie ich es eben hinbekam, und mir der Bedeutung des Augenblicks völlig bewusst fing ich laut an zu lesen: Wo liegt die alles erstickende Frucht die aus der Hand des Sünders erwuchs Ich werde die Saat der Toten gebären und mit den Würmern teilen die …
Der Rest verschwand im Dunkeln.
»Worte? Worte?«, fragte die Anthropologin.
Ja, Worte.
»Woraus bestehen sie?«, fragte die Vermesserin. Mussten sie aus irgendetwas bestehen?
Das Licht der beiden Taschenlampen zitterte und wackelte. Wo liegt die alles erstickende Frucht wurde in Licht und Schatten gebadet, als wäre eine Schlacht um ihre Bedeutung entbrannt.
»Ich brauche noch ein paar Sekunden. Ich muss näher ran.« Musste ich? Ja, ich musste.
Woraus bestehen sie?
Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht, obwohl das zu meinen Aufgaben gehörte. Ich war noch immer dabei, die sprachliche Bedeutung zu analysieren, auf die Idee, eine Probe zu nehmen, war ich noch nicht gekommen. Aber die Frage war eine echte Erleichterung! Weil sie mich von dem Druck befreite, immer weiter und weiter zu lesen, tiefer und tiefer ins Dunkel einzudringen und alles zu lesen, was es dort zu lesen gab. Schon diese ersten Sätze hatten auf unerwarteten Wegen meinen Verstand unterwandert und waren auf fruchtbaren Boden gefallen.
So trat ich näher zur Wand und sah mir Wo liegt die alles erstickende Frucht genauer an. Ich erkannte, dass die Buchstaben, verbunden durch die kursive Form, für einen Laien wie aus einem kräftigen, farnartigen Moos gemacht schienen, tatsächlich aber wohl eher eine Pilzart oder andere eukaryotische Organismen waren. Die geringelten Fäden wuchsen eng nebeneinander aus der Wand. Von den Worten ging ein lehmiger Geruch aus, unter dem ein Hauch von faulendem Honig lag. Dieser winzige Wald wiegte sich fast unmerklich, wie Seegras in einer sanften Meeresströmung.
Aber in diesem Mini-Ökosystem gab es noch mehr. Die kleinen Wesen wurden von den grünen Fäden halb verdeckt, sie waren durchscheinend und hatten die Form winziger Hände, die in eine Art Handgelenk eingebettet waren. Winzig kleine Knöllchen überkronten die Finger dieser »Hände«. Wie ein Idiot beugte ich mich noch weiter vor, wie jemand, der nicht Monate mit Überlebenstraining verbracht, geschweige denn Biologie studiert hatte. Jemand, der mit einem Trick davon überzeugt worden war, dass Worte zum lesen da sind.
Hatte ich Pech – oder hatte ich Glück? Ausgelöst durch die Veränderung des Luftstroms nutzte ein Knöllchen im »W« den Moment, um aufzuplatzen und einen winzigen Strahl goldener Sporen auszustoßen. Ich zuckte zurück, hatte aber den Eindruck, dass etwas in meine Nase eingedrungen war, der Geruch nach faulendem Honig war eine Winzigkeit stärker geworden.
Nervös trat ich noch weiter zurück und fluchte mit dem umfangreichen Wortschatz der Vermesserin lautlos vor mich hin. Ich neige instinktiv dazu, Dinge zu verheimlichen. Außerdem fing ich schon an, mir die Reaktion der Psychologin auf meine Kontaminierung vorzustellen, sollte ich sie der Gruppe verraten.
»Eine Art Pilz«, sagte ich schließlich und atmete tief durch, um meine Stimme zu kontrollieren. »Die Buchstaben bestehen aus Fruchtkörpern.« Wer konnte schon wissen, ob das richtig war? Es war einfach die nächstliegende Antwort.
Meine Stimme muss ruhiger geklungen haben als meine Gedanken waren, denn ihre Reaktion ließ keine Zweifel erkennen. Kein Hinweis darauf, dass sie gesehen hatten, wie mir die Sporen ins Gesicht geflogen waren. So nah war ich dran gewesen. Die Sporen waren so winzig, so belanglos. Ich werde die Saat der Toten gebären .
»Worte? Aus Pilzen?«, kam es von der Vermesserin, ein albernes Echo meiner Annahme.
»Wir wissen von keiner menschlichen Sprache, die diese Form von Aufzeichnung pflegt«, sagte die Anthropologin. »Gibt es Tiere, die auf diese Art kommunizieren?«
Ich musste lachen. »Nein, kein Tier kommuniziert auf diese Art.« Zumindest fiel mir keines ein, weder jetzt noch später.
»Machst du Witze? Das ist ein Witz, oder?«, sagte die Vermesserin. Sie schien nahe dran zu sein, herunterzukommen und mir das Gegenteil zu beweisen, rührte sich aber nicht von der Stelle.
»Fruchtkörper«, antwortete ich, inzwischen fast wie in Trance. »Die Worte bilden.«
Ich war völlig ruhig geworden. Ein geradezu entgegengesetztes Gefühl, als könne ich nicht mehr atmen oder würde nicht atmen wollen, das eindeutig psychischer und nicht physischer Natur war. Physische Veränderungen waren mir nicht aufgefallen, und in bestimmter Hinsicht war es auch egal. Die Aussichten, dass wir im Lager ein Gegenmittel für etwas so Unbekanntes hatten, waren mehr als gering.
Mehr als alles andere setzten mich die Informationen, die ich zu verarbeiten suchte, außer Gefecht. Die Worte bestanden aus symbiotischen Fruchtkörpern einer mir unbekannten Spezies. Zweitens bedeuteten die Sporen auf den Worten, dass die Luft, je tiefer wir in den Turm vordrangen, um so stärker kontaminiert war. Gab es irgendeinen Grund, die anderen über etwas zu informieren, was sie nur ängstigen würde? Nein, entschied ich, vielleicht selbstsüchtig. Es war wichtiger, sicherzustellen, dass sie dem nicht direkt ausgesetzt wurden, nicht bevor wir mit der angemessenen Ausrüstung zurückkommen konnten. Wobei so vieles von biologischen und anderen Umweltfaktoren abhing, über die ich, da war ich mir zunehmend sicher, nur unzureichende Unterlagen hatte.
Ich ging die Treppenstufen hoch zum Absatz. Die Vermesserin und die Anthropologin schauten mich erwartungsvoll an, als ob ich ihnen noch mehr berichten könnte. Besonders die Anthropologin wirkte nervös; ihr Blick hetzte unablässig von einem zum anderen und fand nirgendwo Halt. Vielleicht hätte ich ein paar Informationen erfinden sollen, um ihre unentwegte Suche zu beenden. Aber was konnte ich ihnen schon über die Worte an der Mauer sagen, außer dass sie entweder unmöglich oder geistesgestört oder beides waren? Ich hätte Worte in einer unbekannten Sprache vorgezogen; in gewisser Weise wäre das Mysterium, das wir dann zu enträtseln hätten, kleiner gewesen.
»Wir sollten wieder hochgehen«, sagte ich. Ich hielt das nicht unbedingt für die beste Vorgehensweise, aber ich wollte vermeiden, dass sie länger den Sporen ausgesetzt waren, ohne genauer zu wissen, welche Wirkung sie möglicherweise auf mich hatten. Mir war auch klar, dass ich, sollte ich noch länger hier bleiben, vielleicht den Zwang verspüren würde, die Treppen wieder hinunterzugehen und den Worten zu folgen, und dass sie mich körperlich zurückhalten müssten und ich nicht wusste, wie ich darauf reagieren würde.
Die beiden widersprachen nicht. Aber während wir nach oben stiegen, überkam mich ein kurzes Gefühl von Höhenangst, obwohl wir in einem völlig umschlossenen Raum waren, eine Art Panik für einen Augenblick, in dem die Mauern plötzlich aus Fleisch zu bestehen schienen und wir uns in der Speiseröhre eines wilden Tiers bewegten.
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