»Das ist unmöglich«, sagte die Vermesserin und starrte auf ihre Karten. Die tiefen Schatten des späten Nachmittags tauchten sie in eine kühle Dunkelheit und machten die Worte eindringlicher, als sie sonst geklungen hätten. Der Sonnenstand verriet uns, dass wir demnächst unsere Taschenlampen einsetzen mussten, wollten wir das Unmögliche untersuchen, obwohl ich auch nichts dagegen gehabt hätte, das im Dunklen zu tun.
»Und trotzdem ist es da«, sagte ich. »Falls wir nicht eine Massenhalluzination haben.«
»Die Architektur gibt nicht viel her«, meinte die Anthropologin. »Das Baumaterial ist nicht zu bestimmen, hat vermutlich lokale Ursprünge, was aber nicht heißt, dass auch die Bauweise von hier stammt. Ohne hineinzugehen erfahren wir nicht, ob es aus früherer Zeit oder modern oder irgendwas dazwischen ist. So oder so würde ich mich auf keine Schätzung einlassen, wie alt es ist.«
Wir hatten keine Möglichkeit, unsere Vorgesetzten von dieser Entdeckung zu informieren. Eine der Vorschriften für Expeditionen in Area X lautete, dass den Teilnehmern jeglicher Kontakt nach außen untersagt war, wohl aus Angst vor einer irreversiblen Kontamination. Wir hatten auch wenig dabei, was unserem aktuellen technologischen Stand entsprach. Keine Handys oder Satellitentelefone, keine Computer, keine Camcorder, keine komplizierten Messinstrumente, abgesehen von diesen merkwürdigen schwarzen Kästchen, die an unseren Gürteln baumelten. Zum Entwickeln unserer Fotos brauchten wir eine provisorische Dunkelkammer. Für die anderen rückte gerade das Fehlen der Handys die wirkliche Welt in weite Ferne, während ich es immer vorgezogen hatte, ohne eines auszukommen. An Waffen hatten wir Messer, eine verschlossene Kiste mit antiquierten Pistolen und als zögernd gewährtes Zugeständnis zum Schutz unserer Sicherheit ein einziges Sturmgewehr.
Von uns wurde lediglich erwartet, dass wir Aufzeichnungen machten, wie diese hier, eine Art Tagebuch führten, wie dieses hier: leichtgewichtig, aber fast unzerstörbar, mit wasserfestem Papier, einem flexiblen schwarzweißen Einband und blauen horizontalen Linien zum Schreiben und einer roten Linie, die den linken Rand markierte. Diese Tagebücher sollten wir entweder mit zurückbringen, oder sie würden von der folgenden Expedition gefunden werden. Man hatte uns ermahnt, möglichst alles zu kontextualisieren, so dass auch jemand, der mit Area X nicht vertraut war, unsere Berichte verstehen konnte. Außerdem wurden wir angewiesen, unsere Einträge niemand anderem zu zeigen. Unsere Vorgesetzten glaubten, dass ein intensiver Austausch an Informationen unsere Beobachtungen verzerren würde. Aber ich wusste aus Erfahrung, wie aussichtslos der Versuch war, Voreingenommenheiten auszumerzen. Nichts Lebendes unter der Sonne kann wahrhaft objektiv sein – nicht mal in einer völligen Leere, nicht mal, wenn das Gehirn eine geradezu selbstzerstörerische Sehnsucht nach Wahrheit gehabt hätte.
»Das ist ja eine aufregende Entdeckung«, warf die Psychologin ein, bevor auch nur eine von uns ein Wort zu dem Turm gesagt hatte. »Findet ihr nicht auch?« So eine Frage hatte sie uns zuvor noch nie gestellt. Während unserer Ausbildung klangen ihre Fragen eher wie: »Was glaubst du, wie ruhig du in einem Notfall bleiben kannst?« Damals klang sie für mich wie eine schlechte Schauspielerin, die eine Rolle spielt. Dieser Eindruck verstärkte sich jetzt noch, als würde es sie nervös machen, dass sie die Leiterin unserer Gruppe war.
»Es ist absolut aufregend … und so unerwartet«, sagte ich, und es klang spöttischer, als beabsichtigt. Ich war von meiner wachsenden Unruhe überrascht, denn im Vergleich zu dem, was ich mir vorgestellt und in meinen Träumen gesehen hatte, war das hier banal. Bevor wir die Grenze überschritten hatten, gab es so vieles, was vor meinem inneren Auge aufgetaucht war: riesige Städte, eigenartige Tiere und während einer Krankheit tauchte einmal ein riesiges Monster aus den Wellen auf und stürzte sich auf unser Lager.
Die Vermesserin zuckte einfach nur mit den Schultern und ignorierte die Frage der Psychologin. Die Anthropologin nickte, als würde sie mir zustimmen. Der nach unten führende Eingang zum Turm hatte eine ganz eigene Ausstrahlung, eine Art leere Fläche, die wir mit allem möglichem beschreiben konnten. Es fühlte sich an wie ein leichtes Fieber, das uns alle gepackt hatte.
Ich würde die drei anderen auch beim Namen nennen, aber das hat keine Bedeutung, denn nur die Vermesserin sollten die nächsten zwei Tage überleben. Darüber hinaus war uns dringend davon abgeraten worden, Namen zu benutzen: Wir sollten uns auf unsere Aufgabe konzentrieren, und »alles Persönliche sollte zurückgelassen werden«. Namen gehörten in die Welt, aus der wir gekommen waren; in Area X hatten wir alle nur eine Funktion.
Ursprünglich sollte unsere Expedition fünf Mitglieder haben, auch eine Linguistin gehörte dazu. Auf dem Weg zur Grenze wurde jede von uns in ein helles, weißes Zimmer gebracht, mit einer Tür am anderen Ende und einem Metallstuhl in einer Ecke. Der Stuhl hatte an den Seiten Löcher für Riemen; die Implikationen lösten einen kurzen Angstschauer bei mir aus, aber ich war fest entschlossen, Area X zu erreichen. Das Gebäude, in dem sich die Zimmer befanden, unterstand »Southern Reach«, einer geheimen Regierungsbehörde, die sämtliche Belange von Area X kontrollierte.
Während wir dort warteten, fanden endlose Einweisungen statt, und aus Lüftungsrohren in der Decke wurden wir mal mit warmer, mal mit kalter Luft unter Druck gesetzt. Irgendwann kam die Psychologin zu jeder von uns, obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern kann, worüber wir gesprochen haben. Dann verließen wir den Raum durch die andere Tür und kamen zum zentralen Sammelpunkt, von dem ein langer Gang auf die Türen einer Luftschleuse zuführte. Dort wurden wir von der Psychologin erwartet, aber die Linguistin tauchte nicht wieder auf.
»Sie hat es sich anders überlegt«, sagte die Psychologin und ging über unsere Fragen mit einem starren Blick hinweg. »Sie will hierbleiben.« Das war ein kleiner Schock, aber wir waren auch erleichtert, dass es keine andere von uns war. Von all unserer Fähigkeiten schienen zu diesem Zeitpunkt die einer Linguistin am ehesten zu entbehren zu sein.
Nach einem Augenblick sagte die Psychologin: »Jetzt bekommt euren Kopf frei.« Was hieß, dass sie anfangen wollte, uns zu hypnotisieren, damit über die Grenze gehen konnten. Dann würde sie sich auch selbst hypnotisieren. Man hatte uns erklärt, dass wir die Grenze nur mit dieser Vorsichtsmaßnahme überqueren könnten, andernfalls würde unser Verstand aus dem Ruder laufen. Allem Anschein nach waren Halluzinationen beim Grenzübergang nichts ungewöhnliches. Zumindest wurde uns das gesagt. Ich weiß inzwischen nicht mehr, ob es wahr ist. Die eigentliche Natur der Grenze hat man uns aus Sicherheitsgründen vorenthalten; wir wussten nur, dass man sie mit bloßem Augen nicht erkennen konnte.
Als ich mit den anderen wieder »aufwachte«, waren wir alle in voller Montur, trugen schwere Wanderstiefel und zwanzig Kilo schwere Rücksäcke sowie eine Vielzahl von Zubehör, das an unseren Gürteln baumelte. Wir drei taumelten, und die Anthropologin ging sogar in die Knie, während die Psychologin geduldig wartete, dass wir uns wieder erholten. »Tut mir leid«, sagte sie, »das war die sanfteste Art, euch zurückzuholen.«
Die Vermesserin fluchte und starrte sie wütend an. Sie war ein Hitzkopf, was offenbar als Aktivposten gesehen wurde. Die Anthropologin, typisch für sie, kam auf die Beine, ohne sich zu beschweren. Und ich, typisch für mich, war zu beschäftigt, alles zu beobachten, um dieses grobe Aufwecken persönlich zu nehmen. Zum Beispiel bemerkte ich, wie grausam das unmerkliche Lächeln wirkte, das auf den Lippen der Psychologin spielte, während sie beobachtete, wie wir versuchten, uns wieder einzukriegen und die Anthropologin taumelte und sich dafür entschuldigte. Später fiel mir auf, dass ich ihren Ausdruck vielleicht falsch interpretiert hatte; er hätte auch Schmerz oder Selbstmitleid bedeuten können.
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