Götzl Wann haben Sie Herrn Mundlos und Herrn Böhnhardt kennengelernt?
Apel Mundlos habe ich nach der Wendezeit kennengelernt. Und Böhnhardt im Berufsvorbereitungsjahr. Er war noch relativ jung. Ich selbst war da so 22. In der Pause haben wir uns an der Kaufhalle getroffen, da war auch Mundlos. So haben die sich damals kennengelernt.
Götzl Welches Leben haben Sie geführt?
Apel Ich hab ein Lotterleben geführt, ich hab gesoffen.
Götzl Habe ich Sie richtig verstanden, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos haben sich über Sie kennengelernt?
Apel Ja, ich kannte Böhnhardt aus der Schule, und Mundlos wohnte um die Ecke. Wir haben uns im Jugendklub oder bei irgendeiner Party im Wald kennengelernt. Wir waren halt ’ne große Gruppe. Beate war mit Mundlos und Böhnhardt jeweils mal liiert. Später hatte ich kaum noch Kontakt zu denen, weil Mundlos mit meiner Lebenseinstellung nicht einverstanden war. Er hat mich als Assi betitelt.
Götzl Wie lief ihr Leben …
Apel Wir waren halt ’ne große Gruppe. Sie war mit Mundlos und Böhnhardt liiert.
Götzl Wie lief Ihr Leben damals ab?
Apel Unkontrolliert. Mit Saufen, Party, Spaß. Gearbeitet habe ich kaum.
Götzl Hatten Sie auch Kontakt zur rechten Szene?
Apel Wir waren nicht direkt integriert, aber rechtsgerichtet auf jeden Fall: gegen den Staat, gegen Ausländer, gegen Linke, gegen alles.
Götzl Wie hat Uwe Mundlos gelebt?
Apel Am Anfang hat er Party gemacht, dann hat er sich nach oben gesteigert.
Götzl Was meinen Sie damit?
Apel Er ist zu Demos gefahren, Parteiveranstaltungen oder Kameradschaftstreffen.
Götzl Wie war die Lebenseinstellung bei Ihrer Cousine, bei Uwe Böhnhardt?
Apel Wir haben uns nie über Politik unterhalten. Die anderen zwei – hat jeder gewusst – konnten sich ganz schön reinsteigern in solche Sachen.
Götzl Was meinen Sie damit?
Apel Sie haben zum Beispiel keinen Alkohol mehr getrunken. Die waren halt rechts. Mundlos hat einer Zigeunerin einmal ein Stück Kuchen an den Kopf geworfen.
Götzl Gab es weitere Vorfälle?
Apel Böhnhardt war ein Waffennarr, er hat immer Schreckschusspistolen getragen. Das war halt sein Spleen. Auch die Armbrust, die bei Beate gefunden wurde, war seine. Das hat sie mir gesagt.
Götzl Versuchen Sie, Ihre Cousine ein wenig zu beschreiben.
Apel Sie hat sich von niemandem etwas aufzwingen lassen. Wenn jemand zu ihr frech geworden ist, dann hat sie zu ihm schon gesagt: Jetzt sei mal ruhig. Sie war kein Mädchen, das sich das gefallen lassen hat. Sie war gesellig, hat viel gelacht und ist auch auf Leute zugegangen. Sie ist gerne auf Partys gegangen. Da hat Beate nur Frauengetränke getrunken – Wein und Sekt. Beate hatte immer mehr Männerfreundschaften. Sie war robuster im Umgang als normale Frauen.
Götzl Was meinen Sie damit?
Apel Sie war ein offener und selbstbewusster Mensch. Sie hat auch mal gesagt, wo es langgeht und kein Blatt vor den Mund genommen.
Götzl Laut Vernehmungsprotokoll haben Sie auf die Frage, was für ein Verhältnis die drei untereinander hatten, gesagt: Sie hatte die Jungs im Griff.
Apel Ja, sie hat sich nichts gefallen lassen. Sie war kein kleines Mauerblümchen.
Götzl Was machen Sie heute?
Apel Ich lebe seit acht Jahren auf Mallorca. Und davor war ich auch schon völlig raus aus der Skinheadszene.
Götzl Hatten Sie früher auch Kontakt zu dem Laden Madley in Jena?
Apel Ja, da haben wir früher immer unsere Sachen gekauft. CDs, Schuhe, Stiefel.
Götzl CDs mit welchem Inhalt?
Apel Mit rechtem Inhalt.
Götzl Konnte man da auch Waffen kaufen?
Apel Nicht, dass ich wüsste.
(Die Befragung von Stefan Apel wird unterbrochen. Nach der Mittagspause nimmt Zschäpes Mutter, Annerose Zschäpe, am Zeugentisch Platz, eine große, schlanke Frau. Sie setzt sich ihre Brille auf und sagt, dass sie 61 Jahre alt ist und zurzeit zu Hause ihre Mutter pflegt. Viel mehr sagt sie nicht.)
Götzl Als Mutter der Angeklagten haben Sie ein Zeugnisverweigerungsrecht. Wollen Sie Angaben machen?
Annerose Zschäpe Nein.
Götzl Sind Sie damit einverstanden, dass Ihre polizeiliche Vernehmung eingeführt wird?
Annerose Zschäpe Nein. (Sie schaut ihre Tochter an. Beate Zschäpe weicht ihrem Blick aus. Annerose Zschäpe verlässt den Gerichtssaal. Die Befragung von Stefan Apel wird fortgesetzt.)
Götzl Kannte Ihre Großmutter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt?
Apel Ja, die haben ihr auch hin und wieder geholfen, Einkaufen und solche Dinge.
Götzl Wusste die Großmutter über die politische Einstellung von Beate Zschäpe Bescheid?
Apel Nein, gar nicht.
Götzl Als die drei verschwunden waren, hat die Großmutter da nachgefragt?
Apel Sie hat sich Sorgen um ihre Enkeltochter gemacht und gefragt, ob sie noch lebt.
Götzl Wer waren die engsten Freunde?
Apel Ralf Wohlleben, André Kapke.
Götzl Gab es Versuche von seiten der Großmutter oder von Ihnen, Kontakt mit den dreien aufzunehmen?
Apel Nein.
Götzl Warum nicht?
Apel Wenn die untertauchen, wäre das doch unlogisch, wenn sie mir das verraten, wo sie sind.
Götzl Wie hat die Großmutter auf das Verschwinden ihrer Enkelin reagiert?
Apel Sie hat jeden Tag gehofft, dass ein Lebenszeichen kommt. Sie hat die ganzen Jahre gehofft.
Götzl Wie alt ist Ihre Oma eigentlich inzwischen?
Apel Sie wird am 5. Dezember 90 Jahre alt. Sie kann nicht laufen und hat eine Herz-OP gehabt. Und ihr Gedächtnis lässt nach.
Anwalt Kaplan Was hatten Sie eigentlich gegen den Staat?
Apel Wir waren frustriert und haben uns gegen alles gewandt. Dass der Staat alles zulässt, die Ausländer und so. Und wir hängen auf der Straße herum.
Anwalt Kaplan Wie viele Ausländer kannten Sie damals?
Apel Keine.
Anwalt Kaplan Welche Vorteile haben die Ausländer genossen vom Staat?
Apel Wir waren der Meinung, dass sie Geld und Wohnungen vom Staat bekommen und nichts dafür tun müssen.
Anwalt Kaplan Wie kamen Sie zu der Meinung?
Apel Das haben wir uns so gedacht.
Anwalt Kaplan Wie war das, als Uwe Mundlos eine Roma angegriffen hat?
Apel Die Frau saß auf dem Boden vor einer Bäckerei. Da ist er reingegangen, hat ein Stück Kuchen geholt und hat den Kuchen auf sie draufgeworfen.
Anwalt Kaplan Haben Sie gefragt, warum?
Apel Nee, wir haben gelacht. Warum sollte ich da noch fragen?
Anwältin Lunnebach Können Sie heute davon leben, von der Arbeit in Spanien?
Apel Mal mehr, mal weniger.
Anwältin Lunnebach Sie sind Ausländer in Spanien. Haben Sie das Gefühl, dass Sie den Spaniern Arbeitsplätze wegnehmen?
(Oberstaatsanwalt Weingarten beanstandet die Frage. Richter Götzl hält sie aber für zulässig.)
Anwältin Lunnebach Herr Zeuge, nehmen Sie Spaniern Arbeitsplätze weg?
Apel Ich glaube nicht, für mich arbeiten manchmal auch Spanier.
28. November 2013
Stefan Apel, Zschäpes Cousin. Er sagte bereits an Tag 61 aus. Nicole Schneiders, Verteidigerin von Ralf Wohlleben. Alexander Hoffmann, Yavuz Narin, Sebastian Scharmer, Anwälte der Nebenklage.
(Anwalt Hoffmann lässt Farbfotos zeigen von einer Kreuzverbrennung, die Mitte der 199 0er-Jahre in der Nähe von Jena stattgefunden haben soll. Er fragt den Zeugen, ob er jemanden auf den Fotos erkenne.)
Apel Ich sehe Ralf Wohlleben, André Kapke, Uwe Böhnhardt, Holger Gerlach …
(Er nennt noch weitere Namen.)
Anwalt Hoffmann Einige Personen zeigen den Hitlergruß beziehungsweise den Kühnengruß.
Apel Ja, das war halt so.
Anwalt Scharmer Hatten Sie, Herr Kapke oder Herr Wohlleben eigentlich privat Kontakt zu Polizeibeamten?
Apel Ich war mal im Angelverein des Polizeisportvereins gewesen. Da war ich aber nicht mehr in der rechten Szene. Ganz früher war die Polizei aber durchaus mein Feindbild. Alle waren damals gegen die Polizei.
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