Götzl Was hörten Sie für Geräusche?
Waltraud N. Bumm bumm – bumm bumm bumm. Dumpfe Geräusche, wie mit einem Schalldämpfer. Ich hab mir tatsächlich überlegt, vielleicht haben sie jetzt doch die Bank oder Sparkasse überfallen. Aber das habe ich verworfen, weil ich so einen engen Terminplan hatte am Donnerstag. Ich dachte mir, das haben andere ja auch gehört.
Götzl Wie oft haben Sie das Geräusch wahrgenommen?
Waltraud N. Ich bilde mir ein, dass es vier- oder fünfmal waren.
Götzl Wie lang waren Sie im Fitnessstudio?
Waltraud N. Da brauche ich immer so eine Stunde, so gegen 11 Uhr bin ich da wieder raus. Beim Zurückfahren habe ich die Polizei gesehen in weißen Anzügen. Aber weil es nicht bei der Post oder bei der Sparkasse war, sondern weiter hinten, dachte ich mir, da ist wohl was anderes passiert.
Götzl Gab es keine Überlegungen, die Polizei anzusprechen?
Waltraud N. Nein, erst als ich am nächsten Tag in der Zeitung gelesen habe, dass da ein Mord passiert ist, kam nach und nach die Erinnerung.
Götzl Vom Typ her waren das Südländer, haben Sie bei der Polizei gesagt.
Waltraud N. Ja, das dachte ich mir. Wir haben in der Südstadt viele Südländer, er war so dunkel und hatte braune Augen.
Götzl Haben Sie Bilder von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gesehen?
Waltraud N. Ja, habe ich gedacht, die müsste ich ja gesehen haben. Aber ich habe sie nicht mit Sicherheit erkannt. Am ehesten glich er Uwe Mundlos.
Anwalt Scharmer Sie haben sich nach Ihrer Vernehmung noch mal telefonisch bei der Polizei gemeldet. Was war Ihnen so wichtig?
Waltraud N. Ich war mir nicht sicher wegen der Hautfarbe und habe mir das durch den Kopf gehen lassen. Er war leicht gebräunt. Das wollte ich richtigstellen.
Anwalt Scharmer Besteht da ein Unterschied für Sie zwischen Südländer und gebräunter Gesichtsfarbe?
Waltraud N. Ja, es gibt auch Deutsche, die schnell braun werden. So ein Typ war das. Nicht so hellhäutig wie ich, sondern jemand, der schon viel in der Sonne war.
6. September 2013
Manfred Götzl, Richter. Beate K., 47, Verkäuferin aus Nürnberg. Margaret S., 53, Altenpflegerin in Nürnberg. Lutz B., 57, Uniprofessor in Nürnberg. Yavuz Narin, Reinhard Schön, Anwälte der Nebenklage.
Beate K. An dem besagten Donnerstag hatte ich einen Termin in der Schule, weil es Probleme mit meinem Sohn gab. Ich bin mit dem Fahrrad zur Schule gefahren und habe zwei Fahrradfahrer gesehen, die einen Stadtplan in der Hand hatten. Dachte mir noch, steigst ab und fragst, ob du helfen kannst. Aber ich war in Zeitdruck. Als ich dann aus der Schule wieder rauskam, habe ich am Dönerimbiss von Herrn Yaşar diese beiden Männer wiedergesehen. Der eine hat dem anderen einen Gegenstand in einer Plastiktüte in den Rucksack gesteckt. Ich hab erst am Nachmittag, als mein Sohn aus der Schule kam, erfahren, dass der Herr Yaşar ermordet worden ist. Da hab ich den erstbesten Polizisten angehalten und gesagt: Ich hab da heut Morgen was gesehen.
Götzl Können Sie die beiden Fahrradfahrer beschreiben?
Beate K. Ich würde sie als Spargeltarzans beschreiben, groß, dünn, einer hatte ein abstehendes Ohr. Einer hatte einen Rucksack, einer ein Käppi auf, beide waren sie schwarz gekleidet.
Götzl Und die Hautfarbe?
Beate K. Sie waren von der Hautfarbe her hell, keine Südländer, eher blass, nördliche Region.
Götzl Wo war denn die erste Begegnung?
Beate K. An der Litfaßsäule, ich musste langsam dran vorbei, es waren überall Bauarbeiten, und die haben den Fahrradweg blockiert.
Götzl Und die zweite Situation?
Beate K. Ich habe mir gedacht, vielleicht wollten die einen Döner haben. Der eine stand mit dem Rücken zu mir und steckte dem anderen den Gegenstand in den Rucksack. Ich dachte mir, vielleicht ein kleiner Regenschirm, den hab ich auch immer dabei. Der andere hatte schon die Hände am Lenker.
Götzl Wie lange waren Sie in der Schule?
Beate K. Nicht länger als eine Viertelstunde, das war schnell geklärt. Ich habe damals keine Armbanduhr getragen, habe immer auf Kirchturmuhren und Schuluhren geschaut.
Götzl Können Sie die Größe der Personen angeben?
Beate K. Ich hab die auf 1,80 oder 1,85 Meter geschätzt.
Götzl Sind Ihnen auch Lichtbilder gezeigt worden?
Beate K. Ja, ich war so oft bei der Polizei, das kann ich schon gar nicht mehr zählen.
Götzl Haben Sie jemanden erkannt?
Beate K. Ja, mir wurden die Videosequenzen von dem Nagelbombenattentat in Köln vorgespielt. Da habe ich gesagt, dass ich mir sehr sicher bin, dass der, den ich da sehe, derselbe ist, den ich in Nürnberg gesehen habe. Ich war mir da schon sehr sicher. Die Figur, das Käppi, das Ohr. Aber die Polizei hat mir gesagt, wenn man sich nicht 150-prozentig sicher ist, muss man doch vorsichtig sein … (Stimme er stirbt.) Dann haben wir geschrieben, dass ich mir nicht ganz so sicher bin.
Anwalt Narin Haben Sie »ziemlich sicher« gesagt?
Beate K. Ja.
Anwalt Narin Wie verstehen Sie »ziemlich«?
Beate K. Es bedeutet, ich bin mir sehr sicher.
Anwalt Schön Trifft es zu, dass Ihnen viele Bilder von türkischstämmigen Personen gezeigt wurden?
Beate K. Ja. Ob ich mir vorstellen könnte, dass die türkische Mafia dahintersteckt, Waffengeschäfte oder Geldwäsche. Das bin ich gefragt worden.
Anwalt Schön Sie haben aber gesagt, die Personen, die Sie gesehen haben, waren hellhäutig. Warum wurden Ihnen dann Bilder von türkischen Männern vorgelegt?
Beate K. Die waren nicht nur türkischer Herkunft, ich hätte auch einige nach Griechenland oder Spanien einordnen können. Ich hab zur Antwort gekriegt, diese Bilder haben sie in der Kartei, das sei normal, dass man viele Bilder anschaut.
(Die nächste Zeugin ist Margaret S., die İsmail Yaşar kurz vor seiner Ermordung noch sah.)
Margaret S. Ich hatte am 9. Juni 2005 einen Arzttermin, zwischen zehn und halb elf. Auf dem Weg zur Straßenbahn habe ich Herrn İsmail getroffen, den Dönermann. Er war sehr beliebt. Wir haben kurz gesprochen, er lag in seinem Liegestuhl. Es war auch ein Mann da, der Döner gegessen hat.
Götzl Kannten Sie Herr İsmail persönlich?
Margaret S. Die Kinder haben jeden Tag was bei ihm gekauft.
Götzl Was war er für ein Mensch?
Margaret S. Die Kinder haben ihn sehr geliebt. Er hat immer Angebote für die Kinder gemacht. Er war ein sehr guter Mensch.
(Es folgt der Zeuge Lutz B..)
Lutz B. Ich habe an dem Nachmittag einen Vortrag gehalten, über die Entwicklung kleiner und mittlerer Betriebe. Es gibt in dem Bereich eigentlich eine gute Geschäftsentwicklung, aber manches wird durch Selbstausbeutung erkauft, die keiner sieht. Ich dachte mir: Da gehe ich doch mal zu der Dönerbude und esse einen Döner. Da könntest du deinen Vortrag beginnen mit den Worten: Der Dönerbudenbesitzer hat schon heute Morgen früh angefangen, seine Sachen vorzubereiten. Ich habe aber niemanden gesehen und bin dann zur Sparkasse, Kontoauszüge holen..
Götzl Haben Sie was gesehen?
Lutz B. Nein, eigentlich nicht. Obwohl: Mich hat geärgert, dass da Fahrräder standen. Der Mann muss früh aufstehen und erst mal aufräumen, damit er zu seinem Laden kann, dachte ich mir. Das alles ganz allein – ein ganz schön anstrengender Job.
Götzl Wo waren die Räder?
Lutz B. Sie waren deutlich sichtbar. Aber ich weiß nicht mehr, wo. Es waren schwarzgraue Räder.
Götzl Wie weit haben Sie sich dem Dönerstand genähert?
Lutz B. Bis auf drei Meter.
Götzl Konnten Sie ins Innere sehen?
Lutz B. Der Imbissstand war nur oben verglast, aber unten geschlossen. Man konnte sich gut ducken, wenn jemand interessiert reinguckt. Es war nichts zu sehen.
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