Der Kiosk ist zu sehen und sein Sortiment: Chipstüten, Wasserflaschen, Schachteln mit Bonbons, eine Eistruhe. Über den beigen Fliesenboden verläuft eine Blutspur. Auf manchen Bildern wirkt der Kiosk hell und freundlich, die Sonne scheint herein. Das blutverschmierte Gesicht des Opfers Mehmet Kubaşık wird eingeblendet. Dann wieder Detailaufnahmen: Hinter den Jägermeister-Fläschchen ist der Putz abgefallen und ein Projektil eingeschlagen. Ein Schuss ging in eine Steckdose neben den Zigaretten.)
Anwalt Ilius Wie war das Verhältnis von Herrn Kubaşık zu seiner Frau?
Uwe G. Soweit ich weiß, gab es keine Klagen. Es war super, das Verhältnis.
Anwalt Ilius Gab es da eine andere Frau?
Uwe G Nein, da war er gar kein Typ dafür.
Anwalt Ilius Wie kamen Sie dann bei den Ermittlungen auf diese Fragen? Sie gingen doch von einer Serientat aus, also warum haben Sie nach einer Beziehungstat gefragt?
Götzl Sind Sie sicher, dass Sie diese Fragen dem richtigen Zeugen stellen? Vernehmungsbeamter in dieser Sache war der Leiter der Mordkommission, Herr Michael S..
Anwalt Ilius Richtig, da bin ich verrutscht. Aber dennoch die Frage an Herrn G.: Warum wurde nach einer Freundin gefragt?
Uwe G Für mich erschien die Frage sinnvoll.
(Am Ende des Verhandlungstages gibt Verteidiger Pausch bekannt, sein Mandant, Carsten Schultze, sei nun doch bereit, Fragen des Mitangeklagten Ralf Wohlleben zu beantworten.)
23. September 2013
Manfred Götzl, Richter. Thorsten H., 48, Kriminalbeamter beim LKA Hamburg. Er war Mitglied der Mordkommission, die den Mord am türkischen Gemüsehändler Süleyman Taşköprü am 27. Juni 2001 in Hamburg-Bahrenfeld untersuchte. Oliver Peschel, 49, Rechtsmediziner an der Universität München. Er hat die Leiche von Süleyman Taşköprü untersucht und sagte auch an den Tagen 30, 232, 263, und 312 aus. Sonja S., 39, Kriminalbeamtin aus Hamburg. Ali Taşköprü, 67, Vater des Mordopfers. Asli I., 36, Hausfrau aus Hamburg. Olaf Klemke, Verteidiger des Angeklagten Ralf Wohlleben. Gül Pinar, Andreas Thiel, Anwälte der Nebenklage.
Thorsten H. Ich war Mitglied der diensthabenden Mordbereitschaft. Unser Mordbereitschaftsleiter hat die Information erhalten, dass in einem Gemüseladen eine männliche Person mit Schussverletzungen aufgefunden worden sei. Eine Viertelstunde später wurde gemeldet, das Opfer sei verstorben. Als ich am Tatort eintraf, untersuchte ich das Gemüsegeschäft, das Teil einer Ladenzeile unter einem Flachdach war. Auf der linken Seite befand sich der Verkaufstresen, und auf der Freifläche lag der tote Süleyman Taşköprü. Dahinter war ein kleiner Büro- und Aufenthaltsraum sowie ein Kellerraum. Der Leichnam war mit einer Wolldecke zugedeckt. Auf dem Boden fanden wir massive Blut- und Hirnmasseanhaftungen. Wie sich herausstellte, hatte der Vater den Toten gefunden. Die Rettungskräfte hatten versucht, ihn zu reanimieren. Wir fanden zwei Patronenhülsen bei den Eierkartons, aber keine verwertbaren daktyloskopischen Spuren. Das Opfer wies zwei Einschussstellen am Hinterhaupt auf. In der Wange des Opfers war unter der Haut ein Fremdkörper fühlbar. Auf der Gegenseite war die Einschussöffnung.
Götzl Haben Sie auch Fußspuren gesichert?
Thorsten H. Im Blutbereich waren Fußspuren, aber so verwischt, dass kein Profil erkennbar war.
Götzl Was hat die Zeugenbefragung ergeben?
Thorsten H. Gegen Viertel vor elf sollen Vater und Sohn gemeinsam im Laden gewesen sein. Der Vater sagte, er sei dann zu einem nahen Geschäft gegangen, um Oliven zu besorgen. Er war eine halbe Stunde weg. Als er seinen Sohn am Boden liegend in seinem Blut fand, rannte er zur Fleischerei und ließ einen Rettungssanitäter alarmieren. Eine Zeugin gab an, sie habe Streit gehört, ein Wortgefecht in einer Fremdsprache. Der Vater des Toten sagte, ihm seien zwei Männer aufgefallen, die gegenüber dem Laden standen und dann in südlicher Richtung davongingen.
(Dann lässt Götzl Lichtbilder vom Tatort an zwei Wände des Saals projizieren. Zu sehen ist ein Laden mit holzgetäfelten Wänden und anspruchsvollem Warenangebot. Man sieht rot-weiße Bodenfliesen, eine Kühltheke.)
Götzl Es werden nun Bilder direkt vom Tatort gezeigt. Ein Hinweis für die Angehörigen: Es ist Blut zu sehen, aber nicht das Opfer. Aber vielleicht möchten Sie sich das ersparen.
(Die Bilder zeigen Blutlachen auf dem Boden, an Eierkartons, die Brille des Opfers, die ins Brotregal geschleudert wurde, und eine grau-rote Decke, unter der der Tote liegt.)
Götzl Haben denn Geld oder Wertgegenstände am Tatort gefehlt?
Thorsten H. Wir konnten nichts feststellen, was abhandengekommen wäre.
Anwalt Thiel Direkt am ersten Tag wurde der Vater vernommen. Hat man Ihnen gesagt, dass er zwei Personen beschrieben hat?
Thorsten H. Das wurde mir erst am nächsten Tag berichtet in einer Besprechung. Wir haben noch geredet, ob wir noch Phantombilder machen – aber das fiel in den Aufgabenbereich des Mordbereitschaftsleiters.
Anwalt Thiel Der Vater des Ermordeten Süleyman Taşköprü hat zwei Männer gesehen, die den Laden verließen. Hat er von deutschen Männern gesprochen?
Thorsten H. Ich erinnere mich, dass wir nachgefragt haben, ob es Ausländer waren, und dann hieß es: eher Deutsche.
Anwalt Thiel Welche Dienststellen der Polizei wurden an den Ermittlungen beteiligt?
Thorsten H. Der Mordbereitschaftsleiter fasste die Erkenntnisse zusammen und leitete sie an andere Dienststellen weiter.
Anwalt Thiel Erinnern Sie sich an eigene Aktivitäten?
Thorsten H. Ich erinnere mich an ein Telefonat mit dem Kollegen Albert V. in Nürnberg, wegen des ähnlichen Modus Operandi und ähnlicher Tatörtlichkeiten wie bei den Nürnberger Taten.
Anwalt Thiel Wurde auch die politische Abteilung des LKA zurate gezogen? Es standen da ja zwei deutsche Männer.
Thorsten H. In der Regel geht das auch an die organisierte Kriminalität und den Staatsschutz im LKA.
Anwalt Thiel Haben Sie eine Rückmeldung erhalten?
Thorsten H. Nein, überhaupt nicht.
Anwalt Thiel Hat sich das Landesamt für Verfassungsschutz mit Ihnen in Verbindung gesetzt?
Thorsten H. Nein, bis zum heutigen Tage nicht.
Anwalt Thiel Hinterher ist man immer etwas klüger. Aber wer hat denn die Spur mit den zwei deutschen Männern weiter ermittelt? Sodass man ins rechte Spektrum gekommen wäre?
Thorsten H. Es gab keine Anhaltspunkte für eine Spur in Richtung Tätergruppe Rechtsextremismus. Die war dann erledigt, die Spur.
Anwalt Thiel Hat man später noch einmal Nachermittlungen getätigt?
Thorsten H. Das kann ich nicht sagen. Die Ermittlung wurde später völlig von der Abteilung organisierte Kriminalität übernommen. Die Spur war abgeschlossen, es gab keine Anhaltspunkte für eine Spur Richtung Tätergruppe Rechtsextremismus.
(Anschließend folgt der nächste Zeuge, der Rechtsmediziner und Gutachter Oliver Peschel.)
Peschel An der linken Hand von Herrn Taşköprü konnten Schmauchspuren nachgewiesen werden. Außerdem fanden wir drei Kopfschussverletzungen – einen Querschuss durchs Gesicht und zwei Hinterhauptschüsse. Einer davon war ein aufgesetzter Schuss auf das Hinterhaupt. Todesursache war eine zentrale Hirnlähmung. Es wurden zwei Waffen verwendet. Bei der einen Waffe gibt es keinen Hinweis darauf, dass ein schützendes Behältnis um die Waffe verwendet wurde. Bei der anderen käme eine Verpackung, etwa eine Plastiktüte, durchaus in Betracht. Die Schmauchspuren am Hinterkopf sprechen gegen die Verwendung eines Schalldämpfers. Die Schmauchspuren an der linken Hand des Opfers könnten mit einer Abwehrreaktion in Richtung der Waffe erklärt werden. Aus all dem ergab sich für uns: Zunächst erfolgte ein Schuss durch die linke Wange und am Schluss ein aufgesetzter Schuss in den Hinterkopf, als das Opfer schon am Boden lag.
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