Kurz nach der gnadenlosen Niederschlagung der griechischen Rebellion von 2015, auch bekannt als griechischer Frühling oder Athener Frühling, verlor in Spanien die linke Partei Podemos an Schwung; zweifellos fürchteten viele potenzielle Wähler, eine wütende EU könnte ihnen ein ähnliches Schicksal bereiten wie uns. Viele Anhänger der Labour Party in Großbritannien stimmten unter dem Eindruck der kaltschnäuzigen Missachtung der Demokratie, die die EU gegenüber Griechenland an den Tag gelegt hatte, für den Brexit. Der Brexit wiederum gab Donald Trump Auftrieb. Sein Triumph lenkte frischen Wind in die Segel fremdenfeindlicher Nationalisten in ganz Europa und der Welt. Wladimir Putin dürfte sich angesichts des Schauspiels der sagenhaften Selbstdemontage des Westens ungläubig die Augen reiben.
Die Geschichte in diesem Buch steht nicht nur symbolisch für den Weg, den Europa, Großbritannien und die Vereinigten Staaten eingeschlagen haben; sie bietet auch reale Einsichten, wie und warum unsere Staatswesen und sozialen Ordnungen zerbrochen sind. Während das sogenannte liberale Establishment gegen die Fake News der rebellierenden »alternativen Rechten« protestiert, ist es heilsam, sich daran zu erinnern, dass 2015 eben dieses Establishment eine schrecklich effiziente Verleumdungs- und Rufmordkampagne gegen die proeuropäische, demokratisch gewählte Regierung eines kleines Landes in Europa startete.
Ich hoffe zwar, dass derartige Einsichten nützlich sind, doch mein Antrieb, dieses Buch zu schreiben, hat noch tiefere Gründe. Hinter den einzelnen Ereignissen, deren Zeuge ich wurde, erkannte ich eine universelle Geschichte – die Geschichte, was passiert, wenn Menschen sich grausamen Umständen ausgeliefert sehen, die ein inhumanes, überwiegend unsichtbares Netzwerk von Machtbeziehungen hervorgebracht hat. Deshalb gibt es in diesem Buch nicht »die Guten« und »die Bösen«. Vielmehr ist es von Menschen bevölkert, die ihr Bestes tun – oder das, was sie dafür halten – unter Bedingungen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Jede einzelne Person, die ich getroffen habe und über die ich hier schreibe, glaubte, sie würde sachgerecht handeln, aber gemeinsam brachten sie mit ihrem Tun Unglück über einen ganzen Kontinent. Ist das nicht Stoff für eine echte Tragödie? Haben nicht genau darum die Tragödien von Sophokles und Shakespeare uns heute noch etwas zu sagen, viele hundert Jahre nach den Ereignissen, auf die sie sich beziehen?
Irgendwann bemerkte Christine Lagarde, die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, im Zustand der Verzweiflung, um das Drama zu lösen, bräuchten wir »Erwachsene im Raum«. Sie hatte recht. In vielen der Räume, in denen sich dieses Drama entfaltete, fehlte es an Erwachsenen. Dem Charakter nach fielen die Beteiligten in zwei Kategorien: die Unbedeutenden und die Faszinierenden. Die Unbedeutenden liefen herum und kreuzten Kästchen auf den Blättern mit den Anweisungen an, die sie von ihren Herren und Meistern bekommen hatten. In vielen Fällen waren ihre Meister – Politiker wie Wolfgang Schäuble und Funktionäre wie Christine Lagarde und Mario Draghi – anders. Sie besaßen die Fähigkeit, über sich selbst und ihre Rolle in dem Drama zu reflektieren, und weil sie in der Lage waren, einen Dialog mit sich selbst zu führen, gingen sie so faszinierend leicht in die Falle sich selbst erfüllender Prophezeiungen.
Griechenlands Gläubiger am Werk zu beobachten war tatsächlich so, als würde man zusehen, wie sich im Land des Ödipus eine Version von Macbeth entfaltet. Genau wie Ödipus’ Vater, König Laios von Theben, unwissentlich seine Ermordung selbst herbeiführt, weil er an die Prophezeiung glaubt, dass sein Sohn ihn umbringen werde, führten die klügsten und mächtigsten Akteure in diesem Drama ihren eigenen Untergang aus Angst vor der Prophezeiung herbei, die ihn vorausgesagt hatte. Griechenlands Gläubiger waren sich sehr genau bewusst, wie leicht ihnen die Macht entgleiten konnte, und wurden oft von Unsicherheit geradezu überwältigt. Weil sie fürchteten, Griechenlands unausgesprochener Bankrott könnte zur Folge haben, dass sie die politische Kontrolle über Europa verloren, zwangen sie dem Land Maßnahmen auf, die nach und nach ihre politische Kontrolle nicht nur über Griechenland, sondern über Europa aushöhlten.
An einem bestimmten Punkt, als sie wie Macbeth spürten, dass ihre Macht sich in unerträgliche Machtlosigkeit verwandelte, fühlten sie sich gedrängt, auf schlimmstmögliche Weise zu handeln. In solchen Augenblicken hörte ich sie beinahe sagen:
Ich stieg ins Blut
So tief, daß mir, wollt ich nicht mehr drin baden,
Rückkehrn so schwer wär wie hindurchzuwaten.
Hab Seltsames im Kopf, was drängt zur Hand,
Und muß getan sein, eh’s recht Prüfung fand.
Macbeth , Dritter Akt, 4. Szene
Wenn einer der Beteiligten über ein mörderisches Drama wie dieses berichtet, können Parteilichkeit und der Wunsch nach Rechtfertigung nicht ausbleiben. Ich bemühe mich, so fair und unparteilich wie möglich zu sein, ihre Handlungsweise und meine mit den Augen einer Person aus einer echten alten griechischen oder shakespeareschen Tragödie zu sehen, in der die Charaktere weder gut noch böse sind, sondern von den unbeabsichtigten Folgen ihrer Vorstellung, was sie tun sollten, überwältigt werden. Ich vermute, dass ich bei Menschen, die ich faszinierend fand, damit erfolgreicher war als bei solchen, deren Bedeutungslosigkeit meine Sinne abstumpfte. Es fällt mir schwer, mich dafür zu entschuldigen, nicht zuletzt, weil es der Genauigkeit dieses Berichts Abbruch tun würde, wenn ich sie anders darstellen würde.
TEIL EINS
Den einzigen Farbklecks in der schummrigen Hotelbar lieferte die bernsteinfarbene Flüssigkeit, die in dem Glas vor ihm schimmerte. Als ich näher trat, hob er den Blick und begrüßte mich mit einem Kopfnicken, bevor er sich wieder seinem Whiskyglas zuwandte. Erschöpft ließ ich mich auf das dick gepolsterte Sofa fallen. Wie aufs Stichwort erklang imponierend düster seine vertraute Stimme:
»Yanis, du hast einen schweren Fehler gemacht.«
Spät in einer Frühlingsnacht legt sich eine Sanftmut über Washington D.C., die tagsüber unvorstellbar ist. Wenn die Politiker, die Lobbyisten und die Hofschranzen verschwunden sind, verfliegt alle Spannung. In den Bars verlieren sich die wenigen Menschen, die nicht schon wieder früh am Morgen auf den Beinen sein müssen, und die noch weniger zahlreichen, die ihre Probleme nicht schlafen lassen. In dieser Nacht wie in den einundachtzig Nächten davor und tatsächlich auch den einundachtzig Nächten danach gehörte ich zu Letzteren.
In die Dunkelheit gehüllt, war ich eine Viertelstunde von Nr. 700 19 thStreet N.W., dem Sitz des Internationalen Währungsfonds, zu der Hotelbar gegangen, wo ich ihn treffen sollte. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ein so kurzer Spaziergang, noch dazu im gesichtslosen Washington, so erfrischend sein konnte. Die Aussicht auf die Begegnung mit dem großen Mann trug zu meiner Erleichterung bei: Nach fünfzehn Stunden an einem Tisch mit lauter mächtigen Leuten, die entweder zu unbedeutend oder zu eingeschüchtert waren, um offen zu sprechen, würde ich nun jemanden treffen, der in Washington und darüber hinaus großen Einfluss hatte, einen Mann, dem niemand Bedeutungslosigkeit oder Kleinmut vorwerfen konnte.
Meine Stimmung änderte sich schlagartig bei seiner bissigen Begrüßung, die in dem dämmrigen Licht und mit den huschenden Schatten noch bedrohlicher wirkte.
Ich versuchte, unbeeindruckt zu klingen. »Und was für ein Fehler war das, Larry?«
»Du hast die Wahl gewonnen!«
Es war am 16. April 2015, genau in der Mitte meiner kurzen Amtszeit als griechischer Finanzminister. Nicht einmal sechs Monate zuvor hatte ich das Leben eines Wissenschaftlers geführt, der an der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs an der Universität im texanischen Austin lehrte, während er von der Universität Athen beurlaubt war. Aber im Januar 2015 hatte sich mein Leben über Nacht verändert, als ich als Abgeordneter ins griechische Parlament gewählt wurde. Ich hatte nur ein einziges Wahlversprechen abgegeben: dass ich alles in meiner Macht Stehende tun würde, um mein Land aus der Schuldknechtschaft und der erdrückenden Sparpolitik zu befreien, die seine europäischen Nachbarn und der IWF ihm auferlegt hatten. Dieses Versprechen hatte mich nach Washington gebracht und – mit der Hilfe meiner engen Mitarbeiterin Elena Panaritis, die das Treffen vereinbart hatte und mich an dem Abend begleitete – in diese Bar.
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