Max und ich sprechen darüber, dass unser Wissen über diese Dinge nicht immer auf unsere Kultur beschränkt gewesen sein kann, sind doch die alten Namen für die Sternbilder oft weltweit den unseren gleichbedeutend – die sieben Schwestern (Siebengestirn), die zwei Brüder (Zwillinge), der Adler, der Jäger (Orion). Dies sind weltweite Geschichten und Wissenssysteme, die einmal allen Menschen gemeinsam gewesen sein müssen. Im Norden muss etwas Schreckliches geschehen sein, so unser Gedanke, dass die Menschen all das vergessen haben und die Wissenschaft, anstatt auf schon bestehendes Wissen aufzubauen, wieder bei null anfangen musste. Worin mag diese Katastrophe bestanden haben? Ich stelle mir vor, dass der Schwarze Tod daran seinen Anteil hatte, vermute aber, dass es schon viel früher begann. Ich denke, Emus Schwindel ist irgendwann außer Kontrolle geraten und hat sich ausgebreitet, sodass immer mehr Menschen sich für besser hielten als das Land, besser als die anderen, besser als die Frauen, die unser Leben in ihren Händen und Bäuchen halten. Was immer es auch gewesen sein mag, die Katastrophe wird schlimmer, und ich frage mich, wie wir sie aufhalten können.
Max antwortet:
Der Stein lehrt uns, dass wir, trotz allem, was uns zum Zerspringen bringen oder uns mürbe machen will, stark sein und mithilfe unserer Kultur und unseres Glaubens einen unzerbrechlichen Kern bewahren sollen. Der Großteil der Erde besteht aus Gestein, und obwohl Wasser und Pflanzen die Oberfläche bilden, besteht der Körper der Erde, der Teil, der alles zusammenhält, aus Gestein. Leben und Schöpfung, das ist alles da, aber ohne eine solide Basis wird es zerbröseln, das gilt auch für die Gesellschaft, für Firmen, Beziehungen, Identitäten, Wissen, für fast alles, sei es materiell oder nicht. Wie diese Wälder und Bäume, die wie eine Haut auf dem Felsgestein der Erde sitzen – ohne die Stärke im Inneren, ohne den Stein, würde alles zerbröseln.
Die von Max beschriebene Gestalt der Welt und die Haut auf ihr vor Augen, denke ich über die Physik unserer Schöpfungsgeschichten nach und darüber, wie das Felsgestein mit der Zeit zu runden Körpern erodiert. Ich erkenne ein Muster im Universum, wonach die Kugel die effektivste Form darstellt, Materie zusammenzuhalten. Der wachsenden Zahl der Flache-Erde-Anhänger da draußen möchte ich deshalb sagen: »Blast mir eine abgeflachte Blase, und ich denke gerne über eure Theorie nach.« Aber dies würde mich in eine Besser-als-Position rücken. Ich sollte also in mich gehen, ihnen Beachtung schenken und daran denken, dass sich auch in randständigen Auffassungen immer etwas Wertvolles verbirgt.
Ich höre ihnen also online zu und entdecke, dass die Kugel nicht die endgültige Form dieses Schöpfungsprozesses ist. Unsere Galaxie war am Anfang eine Kugel und flachte zu einer Scheibe ab; und auch die Erde wird wie ein Lehmklumpen auf einer Drehscheibe nach und nach flacher. Bislang hat sie sich an den Polen zwar bloß um etwa zwanzig Kilometer abgeflacht, aber sie ist auf dem besten Weg. Gut also, dass ich die Flache-Erde-Anhängerinnen nicht kurzerhand beiseitegewischt habe, denn sonst hätte ich diese Sache kaum je richtig verstanden.
Aber inwiefern könnte dieses Denken nützlich sein? Nun ja, mit einem Gedankenexperiment lassen sich vielleicht ein paar Anwendungsbereiche ausmachen. Beim Verpacken zum Beispiel ließen sich Platz und Ressourcen weit wirksamer ausschöpfen, wenn man berücksichtigte, dass man viel mehr in eine kleine Kugel als in eine große Kiste packen kann. Was aber würde solche Kugeln daran hindern, von den Regalen zu rollen? Die Flache-Erde-Anhänger haben eine Lösung dafür: Man muss die Kugeln nur etwas flach drücken. Danke, Flach-Erdlinge. Diese Neuerung könnte uns ein paar Mülldeponien ersparen und uns ein bisschen Aufschub gewähren.
Max glaubt, es brauche eine größere Veränderung im Denken, um die Zerstörung des Planeten abzuwenden, und dass wir von den Steinen mehr über Respekt lernen müssten. Ich stimme ihm zu – die Einsicht, dass wir weder besser noch schlechter als ein Fels sind, würde, wenn sie denn die Menschen in genügend hoher Zahl gleichzeitig überfiele, Veränderungen bewirken. Wer glaubt, besser als ein Felsbrocken zu sein, sollte in einen verwandelt werden – dann würde man feststellen, dass man gar nicht so besonders ist, und könnte endlich glücklich sein. Max meint, dass in den letzten Jahrzehnten ein größeres Bewusstsein für den Geist der Steine entstanden sei, und erinnert mich an die Ereignisse rund um den Uluru.
Dort gibt es einen Schuppen voller Steine. Über lange Zeit haben Touristen Felsbrocken von der heiligen Stätte als Souvenir mitgenommen, doch dann, vor ein paar Jahrzehnten, geschah plötzlich etwas Seltsames. Die Touristen fingen an, die Steine zurückzuschicken, und berichteten voller Panik von seltsamen Ereignissen, Schlafstörungen, Schicksalsschlägen, Heimsuchungen durch Geister und fürchterlichen Unfällen. Irgendwie ahnten sie, dass dies an den Steinen liegen musste, und schickten sie mit verzweifelten Entschuldigungen zurück. So viele wurden zurückgegeben, dass ein großer Schuppen für ihre Aufbewahrung gebaut werden musste.
In unserem Gesetz wissen wir, dass Felsen fühlende Wesen und beseelt sind. Man kann sie nicht einfach aufheben und mit nach Hause nehmen, da man so ihren Geist stört und dieser im Gegenzug einen selbst stören würde. Egal, wo man auf diesem Kontinent mit Aborigines an einem Lagerfeuer sitzt und Geschichten erzählt, man wird mit Sicherheit eine abschreckende Anekdote über einen Verwandten zu hören bekommen, der so unklug war, einen Stein vom Boden aufzuheben und mit nach Hause zu nehmen, und der dann krank, heimgesucht, umgebracht oder verrückt wurde. Viele Steine sind gutwillig und freuen sich, wenn sie verwendet oder gehandelt werden, es gilt aber, dem Rat der Alten zu folgen, wenn man wissen will, welche man in Gebrauch nehmen darf. Steine müssen respektiert werden.
Vielleicht muss noch weiter ergründet werden, was Bewusstsein ausmacht und was Leben. Wenn die Definition dieser beiden Dinge auch die Steine als fühlende Wesen mit einschlösse, würde das erheblich dazu beitragen, die Emu-haften Verhaltensweisen, die derzeit auf der Erde und im Cyberspace grassieren, einzudämmen. Entweder das, oder wir könnten dazu übergehen, Uluru-Steine an all die Narzissten der Welt zu verschicken, um ihnen eine Lektion in Sachen Respekt für andere zu erteilen.
Ich hoffe, ich konnte bereits einige Vorstellungen davon vermitteln, was Indigenes Wissen ist, welche indigenen Menschen über es verfügen und wo es Anwendung finden könnte. Falls es doch entgangen sein sollte, die Antworten lauten: in allem, wir alle und alles. Wer aber ist indigen? Im Rahmen der in diesem Buch behandelten Gedankenexperimente über Nachhaltigkeit handelt es sich bei einer indigene Person um ein Mitglied einer Gemeinschaft, die Erinnerungen an ein nachhaltig gelebtes Leben auf Grundlage des Landes bewahrt und sich selbst als Teil des Landes betrachtet. Indigenes Wissen ist jede Anwendung dieser Erinnerungen als lebendiges Wissen zur Verbesserung gegenwärtiger und zukünftiger Umstände.
»Warum siehst du denn die Blumen nicht?«, sagte das junge Mädchen. Ich war dabei, ihr das Bild im Sand zu erklären, erzählte ihr etwas über Zeit und Tiefenzeit, und sie beschämte mich, brachte mich dazu, die Dinge anders zu sehen. Auf eine schöne Art, die gerade richtig war, wo die Jetztzeit alle Zeit und mit Freude erfüllt war. Auch Oldman Juma zwang mich, es anders zu sehen, als er meine Wange auf den Boden drückte, damit ich in der »Ameisenperspektive« eine Land-Topografie in dem in Sand gemalten Bild sah, all die Täler und Höhenzüge. Zeit und Ort dasselbe. Bloß die drei Kreise, von der Schöpfungszeit zur Ahnenzeit zur gegenwärtigen Zeit; das Muster wiederholt sich im Kleinen, mit drei Generationen, Lebensstadien und sogar mit den drei Abschnitten eines Tages, einer Aufgabe, eines Moments.
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