Das Muster des Urknalls, dieses anfänglichen Einschlagpunkts, tritt nicht nur in der gewaltigen Größenordnung des Universums auf, sondern wiederholt sich unendlich in all dessen Ländern und Teilen. Auf diesen Einschlagpunkt, der häufig mit einem Stein im Zentrum von Ort und Geschichte bezeichnet wird, beziehen sich zahlreiche Schöpfungsgeschichten. Uluru ist der Stein im Zentrum der diesem Kontinent innewohnenden Geschichte, ein Muster, das sich in den miteinander verknüpften und unterschiedlichen Geschichten vieler kleinerer Gebiete wiederholt, sich in unseren Körpern am Nabel und dann in immer kleineren Teilen bis hinunter auf die Quantenebene unserer Kosmologie reflektiert findet. In dieser Form des Wissens gibt es keinen Unterschied zwischen einem selbst, einem Stein, einem Baum oder einer Verkehrsampel. All diese Elemente enthalten Wissen, Erzählung, Muster. Wenn wir uns auf diese Erzählung einlassen, wenn wir das Muster erkennen wollen, müssen wir uns zunächst der Untersuchung von Gesteinen widmen.
Die Aussage »Granit ist ein kristalliner, aus Quarz, Glimmer und Feldspat bestehender Mix magmatischen Ursprungs« wäre dabei kaum hilfreich. Ebenso wenig hilfreich wäre es, mit einem Batikhemd angetan, Felsen zu umarmen und sie zu bitten, ihre Geheimnisse auszuplaudern, indem sie mit uns über unsere Bauchnabelpiercings kommunizieren. Man muss schon Geduld und Respekt aufbringen, sich nicht frontal annähern, eine Weile dasitzen und warten, dass man eingeladen wird. Bevor wir uns also den Angelegenheiten der Steine zuwenden und den Fragen, wem das Wissen über sie gestattet ist und wie dieses Wissen uns heute das Überleben sichern könnte, sollten wir uns vielleicht zu einem weiteren Sand Talk einfinden:
Ich habe viel Zeit damit verbracht, immer wieder das Vogel-Beuteltier-Symbol zu zeichnen, habe mich mit anderen darüber unterhalten und schließlich eine Steinaxt angefertigt, um meine Einsichten festzuhalten. Ein Jahr habe ich gebraucht. Es hat deshalb so lange gedauert, weil ich immer wieder auf die beiden Arten von Beinen zurückgekommen bin, die in meinem Kopf das Bild von Emu und Känguru ergaben, immer wieder von Neuem – als ein Traumzeitbild, aber auch als Australiens Wappen. Die Siedler müssen seine Bedeutung erkannt haben, als sie es als Symbol für ihre Kolonie übernahmen. Ich habe so meine Probleme mit Emu, mit seiner Rolle in der Schöpfung und den daraus entspringenden Verhaltensmustern, die der Menschengesellschaft und im Weiteren der ganzen Schöpfung Probleme bereiten.
Emus Problem zeigt sich in der mathematischen »Größer als, kleiner als«-Interpretation des Symbols. Emu ist ein Unruhestifter, der die denkbar zerstörerischste Vorstellung in die Welt gebracht hat: »Ich bin besser als du; du bist weniger wert als ich.« Das ist der Ursprung allen menschlichen Elends. Über Tausende von Jahren hat sich die Aborigines-Gesellschaft bemüht, mit diesem Problem fertigzuwerden. Manche Menschen sind einfach Idioten – und jeder ist mal für eine Zeit lang ein kleiner Idiot, wenn etwas von tief innen kommt und flüstert: »Du bist was Besonderes. Du bist besser als die anderen Menschen und was noch um dich herum ist. Du bist wichtiger als alles andere und alle anderen. Du kannst über alles, was es gibt, und alle anderen Menschen verfügen.« Dieses Verhalten muss kontrolliert und gezügelt werden, um den Schaden, den es verursachen mag, einzudämmen.
Es gibt eine Menge Geschichten, die erklären, wie das Ganze seinen Anfang nahm, und als ein Brolga-Junge (traditionell ein Feind von Emu) kenne ich sie alle. Meine Lieblingsgeschichte stammt von dem Nyoongar-Ältesten Noel Nannup aus Perth. Er erzählt die Traumzeitgeschichte einer Zusammenkunft, bei der sich alle Spezies zu einem Yarn niederließen, um zu entscheiden, welches Tier zum Hüter über die gesamte Schöpfung ernannt werden sollte. Emu veranstaltete ein riesiges Tohuwabohu, rannte durch die Gegend, um mit seiner Schnelligkeit anzugeben und seine Vorrangstellung einzufordern, er beanspruchte, der Boss zu sein, und schrie alle anderen nieder. Die dunkle Gestalt von Emu ist in der Milchstraße zu sehen. Känguru, dessen Kopf das Kreuz des Südens ist, hält ihn nieder, Echidna packt von hinten zu, und die große Schlange hat sich um seine Beine geringelt. Nur in der Gruppe gelingt es, die Exzesse bösartigen Narzissmus zu zügeln.
Heute bedeutet die Kombination aus sozialer Fragmentierung und blitzschneller Kommunikation, dass wir allein, als Individuen, mit diesen verrückten Menschen umzugehen haben, uns in einem rechtsfreien Leerraum mit diesen Narzissten herumschlagen müssen. Und sie gedeihen in solchen Umgebungen ungezügelt. Sich allein mit ihnen auseinanderzusetzen, ist vergeblich: Versuche nie, mit einem Schwein zu ringen, besagt ein altes Sprichwort, denn am Schluss seid ihr beide besudelt, aber das Schwein fühlt sich wohl dabei. Für Narzissten gelten die grundlegenden Regeln des zwischenmenschlichen Handelns nicht, obwohl sie sie gegen alle anderen ausspielen.
Wie in den meisten Gesellschaften gehören auch in der Aborigines-Gesellschaft Respekt und das Anhören aller Standpunkte während eines Yarn zu den grundlegenden Verhaltensregeln. Narzissten fordern dieses Recht ein, erlauben aber keine anderen Standpunkte mit der Begründung, dass jede abweichende Meinung irgendwie gegen ihre Redefreiheit verstoße oder beleidigend sei. Sie zerstören die grundlegenden auf Wechselseitigkeit beruhenden gesellschaftlichen Vereinbarungen (die es ermöglichen, ein auf der Großzügigkeit des Miteinander-Teilens beruhendes Ansehen zu gewinnen, um sich anhaltender Verbundenheit und Unterstützung zu versichern), indem sie diese der Harmonie geltenden Rahmenbedingungen mit wenigen Worten hässlichen Geredes zertrümmern. Sie pflegen eine Doppelmoral und reißen Systeme des Gebens und Nehmens so lange ein, bis alle Angehörigen einer sozialen Gruppe nur noch isoliert sind und sich in darwinistischen Kämpfen nach Macht und schrumpfenden Ressourcen aufreiben, die alles zerstören. Dann gehen sie an den nächsten Ort, zur nächsten Gruppe. Es dürfte nicht schwerfallen, dieses Muster auf globale und historische Verhältnisse zu übertragen.
Wir besitzen Geschichten über dieses Verhalten, Gedenksteine, die in der Landschaft entlang der Traumpfade verstreut sind, Opfer und Missetäter, nach epischen Kämpfen in Steine verwandelt, die nun für alle Zeiten als warnende Legenden dienen. Clancy McKellar brachte mich an eine Stelle, wo drei Brüder, die Frauen entführt hatten, bestraft und in Steine verwandelt worden waren. Die überall in Tibooburra stehenden roten Felsen sind Menschen, die in Steine verwandelt wurden, weil sie das Gesetz gebrochen oder mit Ritualen zur Wetterbeeinflussung zu viel Chaos angerichtet hatten. In den Steinen ist Gesetz und Wissen über das Gesetz. Jeder Gesetzesbruch rührt aus diesem ersten bösen Gedanken, aus der Ursünde, sich über das Land und über andere Menschen zu stellen.
In unseren traditionellen Gesetzessystemen bedenken wir jedoch, dass von Zeit zu Zeit jeder einmal ein Idiot ist. Die Bestrafung ist hart und erfolgt umgehend, aber danach gibt es kein Strafregister, keinen Groll gegen den Missetäter. Gesetzesübertreter sind nur Kriminelle, solange sie nicht bestraft sind; danach können sie wieder Respekt erlangen und von Neuem beginnen, zum Wohl der Gruppe beizutragen. So wird verhindert, dass die Menschen lügen oder die Schuld anderen zuschieben oder der Bestrafung zu entgehen versuchen, indem sie die Regeln verdrehen, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Sie dürfen einen Neuanfang erwarten und sind deshalb bereitwillige und gleichberechtigte Teilnehmer ihrer eigenen Bestrafung und Verwandlung, die vor allem ein Lernprozess ist.
Vielleicht ist dies ein Aspekt, der sich lohnt, aus unseren Stein-Geschichten übernommen zu werden, um heutige Justizsysteme effektiver und nachhaltiger zu machen. Jene alten, über das ganze Land verteilten und in Steinen verewigten Kriminellen sind keine verwerflichen Figuren, sondern respektierte Wesen, die ihre Bestrafung erhalten haben und nun in ihrer Rolle als Gesetzeshüter verehrt werden. Wenn wir sie respektieren und ihre Geschichten anhören, haben sie uns einiges über das Wie eines besseren Zusammenlebens zu sagen.
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