„Und das sind Jess, Nara und Brian. Wir gehen alle in dieselbe Klasse“, stellte Liz weiter vor. „Nur Nell hat das Glück, im Schloss unterrichtet zu werden – privat.“ Das letzte Wort betonte sie besonders und sah Luan dabei mit großen Augen an.
„Ich wüsste nicht, was das mit Glück zu tun hat“, stichelte May und schob sich neben den Blue Eye.
„Ist doch egal“, schaltete sich Liam ein und stellte auch sich und seine Zwillingsschwester vor.
„Und jetzt lasst uns endlich anfangen“, drängte Jess mit leuchtenden Augen. Bevor jemand etwas erwidern konnte, hob sie die Hände und richtete ihre Fingerspitzen auf einen der Bäume, der am Rand der Lichtung stand.
Mit konzentriertem Blick hob sie langsam die Arme und aus den Wurzeln des Baums schoss Efeu. Es wuchs und wuchs, schlängelte sich den Stamm hinauf und verharrte, als Jess die Arme wieder sinken ließ.
„Wow“, machte Luan und nickte anerkennend. Jess strahlte ihn an.
„Aber ich kann noch viel mehr“, behauptete May und stellte sich vor Jess.
Luan hob eine Braue. May lächelte süß. Dann drehte sie sich um und warf sich die langen Haare über die Schulter. Sie deutete mit dem Kinn auf eine kleine, blaue Blume, deren Blüten sie in voller Pracht präsentierte. May schloss langsam ihre Finger und richtete den Blick unverhohlen auf die kleine Blume. Die Blüten der Pflanze wackelten, dann knickte der Stiel ein. Das Blau wurde von einem modrigen Grau erstickt und schließlich löste sich die Blume in Staub auf. Mit einem arroganten Lächeln drehte sich May wieder zu uns.
Luan hatte schweigend zugesehen. Dann streckte er die Hand aus und deutete auf ihr Werk. „Das war echt gut! Nein, es war hervorragend.“
May kicherte und ihr Blick huschte über seine Schulter hinweg zu mir. Ohne, dass sie die Worte aussprach, konnte ich sie deuten.
Tja, das war’s dann wohl für dich.
2
Nell
Meine Lust auf diesen Tag schwand zusehends. Und als sich May auch noch bei Luan einhakte, wurde es mir endgültig zu viel.
„Ich geh wieder zurück“, flüsterte ich Liam ins Ohr, als Nara gerade versuchte, einen Schmetterling auf einer von ihr erschaffenen Efeupflanze landen zu lassen.
Er drehte sich zu mir um und seine Stirn lag in Falten. „Ich komme mit.“
Ich winkte ab. „Lass dir von mir nicht den Tag verderben.“
Er umfasste meine Handgelenke und beugte sich vor. „Hast du eigentlich vergessen, dass das dein Geburtstag ist und nicht Mays?“
Ich spürte seinen Atem an meiner Wange und schloss die Augen.
„Aber alle sehen sie an“, brach es plötzlich aus mir heraus. Liam gegenüber hatte ich mich immer geöffnet. Bei ihm waren selbst die verworrensten Geheimnisse in Sicherheit. „Sie ist der Mittelpunkt – sie war es schon immer. Ich bin nicht mal ihr Schatten. Alle sehen …“
„Schhh“, machte Liam und zog mich an sich. Ich spürte sein Herz unter meiner Wange schlagen und entspannte mich etwas.
„Es stimmt, alle sehen sie an, aber nur, weil sie sich in den Vordergrund schiebt. Und das tut sie, weil sie gegen dich sonst keine Chance hätte. Du hast nämlich einen gewaltigen Vorteil ihr gegenüber und dafür beneidet sie dich sogar im Schlaf“, redete er leise auf mich ein.
Ich schnaubte in seine Brust hinein. „Und welcher sollte das sein?“
Ich spürte seine Lippen, die sich neben meinem Ohr zu einem Grinsen formten. „Du bist die Tochter des Anführers unseres Volkes. Du bist Nell Ivy. Du bist nicht nur unter den Green Eyes, sondern auch unter allen anderen Völkern bekannt. Und das macht sie so wütend.“
Ich biss mir auf die Lippe und löste mich von ihm. „Und was soll mir das nützen?“, fragte ich skeptisch.
Er legte den Kopf schief. „Du musst diesen Vorteil nutzen. Versuche deine Eltern davon zu überzeugen, dass du mit uns in die Ausbildung gehst. Mit allen anderen Green Eyes zusammen. Wenn sie es nicht erlauben, was höchstwahrscheinlich der Fall sein wird, versuche sie wenigstens für das gemeinsame Training rumzukriegen.“
Ich seufzte und setzte mich in Bewegung. Liam folgte mir.
„Aber wie soll ich das anstellen?“, grübelte ich. Es war ja schließlich nicht so, als hätte ich das noch nie versucht. Da ich immer noch im Schloss unterrichtet wurde, ließ sich leicht schließen, dass meine Versuche nicht funktioniert hatten.
Liam legte mir einen Arm um die Schultern. „Darüber kannst du dir morgen den Kopf zerbrechen. Jetzt habe ich erstmal eine Überraschung für dich.“
Ich sah ihn von der Seite an und grinste, als ich seinen geheimnisvollen Blick bemerkte. Er wackelte mit den Brauen und wir fingen beide an zu lachen.
Als wir den Waldrand fast erreicht hatten, hörte ich hinter uns Stimmen, die stetig näherkamen. Ich drehte mich um und suchte mit den Augen die Bäume und Sträucher ab. Ich konnte deutlich Liz‘ und Brians Worte verstehen.
„Sie suchen uns“, bemerkte Liam trocken. Er sah mich an. Ich sah ihn an.
Wir brauchten uns nicht mit Worten zu verständigen und verließen zeitgleich den Pfad. Zusammen krochen wir durch das dichte Unterholz und gingen schließlich hinter einem breiten Brombeerstrauch in Deckung. Ich konnte mir nur schwer ein Kichern verkneifen. Liam ging es nicht anders. Als die verwirrten Gesichter von Liz und Brian auf dem Pfad erschienen, musste ich mir die Hand auf den Mund pressen, um nicht laut loszulachen. Es war vielleicht kindisch, sich mit vierzehn noch im Wald zu verstecken, aber das war mir in dem Moment egal. Ich fühlte mich auf einmal wieder in meine Kindertage zurückversetzt, in denen ich mich wöchentlich mit den Zwillingen im Wald verkrochen hatte und Mom das gar nicht lustig fand.
Doch schließlich konnte Liam nicht anders und wir beide brachen in lautes Gelächter aus.
Liz schob sich zu uns durch und boxte zuerst mich, dann ihren Bruder in die Seite, doch dann fiel sie mit ein in unser Gelächter. Als wir uns wieder beruhigt hatten, stolperten wir auf den Pfad zurück, auf dem auch schon die anderen warteten. Nara zog mir ein Blatt aus dem Haar und ich befreite Liz von einem Spinnennetz, das sich an ihrer Hose verfangen hatte.
„Musstet ihr unbedingt weglaufen?“, fragte May und musterte mich kühl. Liam warf mir einen vielsagenden Blick zu und nickte kaum merklich.
„Das war ziemlich kindisch“, feuerte sie hinterher.
Ein böses Lächeln hob meine Mundwinkel und mein Blick wurde kalt. „Ich weise nur ungern darauf hin, aber ist es nicht viel peinlicher, beim Singen unter der Dusche vom Nachbarn darauf hingewiesen zu werden, dass man sich woanders duschen soll?“, fragte ich und setzte eine unschuldige Miene auf. „Weil der Gesang nicht so vielversprechend ist?“, fügte ich hinzu.
May schnappte nach Luft und rote Flecken bildeten sich auf ihren Wangen.
Ich wechselte einen triumphierenden Blick mit Liam.
„D… das ist nicht wahr! Das ist nie passiert!“, keuchte sie und ihre Stimme überschlug sich. Ich beugte mich vor und mein Blick wurde hart.
„Was spielt es denn für eine Rolle, ob es wirklich geschehen ist oder nicht? Es ist immerhin viel lustiger, ausgedachte Lügen weiterzuerzählen als die langweilige Wahrheit.“
May starrte mich einige Augenblicke sprachlos an, dann presste sie die Lippen aufeinander, drehte sich um und stapfte ohne ein weiteres Wort davon. Unbeeindruckt sah ich ihr hinterher. Ich war überrascht von mir selbst, dass ich in der Lage war, so gemein zu sein – gut zu wissen.
„Musste das jetzt sein?“, murmelte Jess und wandte sich ebenfalls zum Gehen. Ich sah sie irritiert an.
„Sie macht mich seit Jahren runter und hat noch nie dafür bezahlen müssen!“, konterte ich. Jess verdrehte die Augen und eilte May hinterher. Empört stieß ich die Luft aus und schaute zu Brian und Nara.
Beide wichen meinem Blick aus.
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