„Ich möchte gerne dabei sein, wenn Ihr dies tut.“
„Ihr werdet vor der Tür warten müssen, Rion“, sagte Nalia.
„Sie ist meine Tochter, und ich will bei ihr sein. Ist das denn so schwer zu begreifen?
Verflucht noch mal“, brüllte er plötzlich.
Nalia musste mal wieder ihre Wachen davon abhalten, Rion anzugehen.
„Es erfordert absolute Konzentration, so etwas zu tun. Und es kann für Melea und auch für mich sehr gefährlich werden, sollte ich unerwartet aus ihrem Geist herausgerissen werden.“
Rion schüttelte verständnislos den Kopf und atmete tief durch.
„Verzeiht, Hoheit. Ich kenne mich mit derlei Dingen nicht aus.“
„Ich verstehe Euch. Glaubt mir bitte, wir tun wirklich alles, was in unserer Macht steht, um Melea zu helfen.“
„Ich danke Euch …“
Nalia unterbrach ihn, indem sie dazwischen sprach: „Ich muss nun wirklich los. Also, geht bitte in Euer Zimmer, macht Euch frisch, ruht Euch aus und esst etwas. Ich werde Euch nachher abholen, wenn ich zu den Krankenquartieren gehe.“
Rion wusste gar nicht, wie ihm geschah, als Nalia die Tür öffnete und ihn kurzerhand in den Raum schubste. Er zuckte ein wenig zusammen, da die Tür hinter ihm recht laut ins Schloss krachte.
Nalia blieb davor stehen und streichelte dem Wassermann über die Schwanzflosse. Dann ging sie zu der Tür, die Geralt ausgewählt hatte und murmelte: „Wer hätte das gedacht?“
Einen Moment lang betrachtete sie die gefiederte Seeschlange, dann eilte sie los.
Rion stand immer noch an der Tür und sah sich mit großen Augen um.
„Das Zimmer ist halb so groß wie mein Haus“, schoss es ihm durch den Kopf.
Der Raum maß fünfzehn Meter in der Länge und sieben in der Breite. Der Schlafbereich befand sich rechts von ihm und vereinnahmte ein Drittel des Zimmers. Allein das Bett war so groß, dass eine vierköpfige Familie darin Platz finden würde. Daneben stand ein kleines Tischchen mit einer Öllampe. Dann gab es einen Schrank, aus dem man ein weiteres Zimmer hätte machen können, und zwei Truhen, in die er sich bequem reinlegen könnte. Ein großer Kamin zierte die Wand vor ihm. Davor standen vier große Sessel.
Langsam ging Rion nach links und bestaunte die Fensterfront von fünf Metern Breite. Die Fenster reichten vom Boden bis unter die drei Meter hohe Decke. An der rechten Seite gab es eine Tür, die zum Balkon hinausführte. Es zog ihn jedoch zur linken Seite, wo es einen abgetrennten Bereich gab.
Vorsichtig, als hätte er Angst davor, dass ihn etwas anspringen könnte, schob Rion einen schweren Vorhang beiseite und warf einen Blick in den separaten Raum. Dort stand ein langer Tisch mit zwei eingelassenen Waschschüsseln. Ein großer Wasserkrug stand daneben auf einem Tischchen, auf dem auch weiße Tücher, Seife und Rasiermesser lagen.
Er schob den Vorhang nun ganz zur Seite und erblickte direkt den großen Badezuber zu seiner Rechten. Am Ende des Raums entdeckte er eine hölzerne Abdeckung auf dem Boden. Seine Überlegungen, welchem Zweck diese wohl diente, waren hinfällig, als er den Deckel anhob. Wegen des bestialischen Gestanks ließ er den Holzdeckel direkt wieder fallen und flüchtete ins Zimmer zurück. Er ging zur Balkontür, zog den Riegel zurück und wollte gerade hinausreten, als es vernehmlich klopfte. In der Annahme, die Königin sei zurück, eilte er durchs Zimmer und riss die Tür auf.
Ein alter, runzliger Mann ohne Haare und ein schwerbepackter Junge von vielleicht dreizehn Sommern schoben sich an ihm vorbei. Der Mann ging in die Richtung des Kamins, und der Junge schleppte einen großen Sack zum Bett.
„Kommt doch rein“, murmelte Rion und schloss die Tür.
Der Alte neigte sein Haupt, als Rion auf ihn zuging.
„Verzeiht die Störung, mein Herr. Die Königin beauftragte uns, Euch einige Kleidungsstücke zu bringen. Mein Name lautet Poro, und der Junge heißt Lenas.“
Der Junge kam herbei, musterte Rion von allen Seiten und lief wieder zum Bett. Dort hatte er den Inhalt des Sackes verteilt und sortierte nun Kleidungsstücke aus. Dies tat er recht zügig. Letztlich packte er ein paar wenige Sachen wieder ein.
Rion warf einen Blick aufs Bett, auf dem nun Hosen, Hemden und zwei Umhänge lagen.
„Das sollte als Erstausstattung reichen.“
Völlig verblüfft schaute Rion die beiden abwechselnd an, bis Lenas auf seine Stiefel zeigte.
„Oh, da hast du wohl Recht, mein Junge.“
Rion schaute kurz an sich hinunter.
„Lenas ist der Meinung, Eure Stiefel hätten ihren Dienst getan, mein Herr. Er wird Euch gleich neue bringen“, sagte Poro lächelnd.
„Nennt mich bitte nicht so. Mein Name ist Rion.“
Er sah Lenas an und fragte: „Kannst du nicht sprechen?“
„Niemand weiß, wieso er nicht spricht. Auch die Heiler nicht. Lenas ist bereits sein halbes Leben hier und hat bisher nicht ein Wort gesprochen.“
Der Junge schnappte sich den fast leeren Sack und ging zur Tür.
„So, bis auf die Stiefel sind wir hier erst mal fertig.“
Rion sah die beiden verwundert an.
„Soll ich die Sachen nicht anprobieren?“
Poro schüttelte lächelnd den Kopf.
„Glaubt mir, sie werden passen, Lenas hat einen Blick dafür.“
Nachdem sie gegangen waren, stand Rion wieder allein im Zimmer und betrachtete seine Stiefel.
„So schlimm sehen die doch gar nicht aus“, dachte er.
Wenig später wühlte er in den Kleidungsstücken und murmelte erstaunt vor sich hin.
„Das sind ja alles neue Sachen.“
Er entschied sich für eine dunkle Lederhose und ein Hemd in der gleichen Farbe. Seine vor Dreck und Blut starrenden Klamotten warf er auf einen Haufen neben das Bett. Dann begab er sich hinter die Abtrennung, wusch sich ausgiebig, und nachdem er sich auch noch rasiert hatte, zog er die neuen Sachen an. Verwundert stellte er fest, dass sie wirklich perfekt passten.
Die anderen Sachen legte er ordentlich zusammen und verstaute sie im Schrank. Da er jetzt nichts mehr zu tun hatte, begann er damit, im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Hoffentlich kann ihr dieser Heiler helfen“, murmelte er vor sich hin.
„Und was, wenn nicht?“, schoss es ihm durch den Kopf.
„Wird die Königin dann wirklich in Leas Geist eindringen? Wie soll das vonstattengehen? Mit Magie? Oh Mann, bloß keine Magie. Ich hasse Magie, sie führt zu nichts Gutem.“
Am Kamin blieb Rion stehen und schaute zur Tür.
„Ich halte diese Warterei nicht aus. Ob Geralt schon zurück ist?“
Er ging zu Geralts Zimmer, doch sein Klopfen blieb ungehört.
„Verdammt, er ist bestimmt mit seinem Bruder unterwegs. Falls Halldor denn sein Bruder ist.“
Missmutig kehrte er in sein Zimmer zurück, wo er von Lenas erwartet wurde. Er stand mitten im Raum, schaute ihn ernst an und reichte ihm ein zugeschnürtes Bündel. Rion nahm es entgegen und blickte Lenas verdattert nach, als der zur Tür hinausging.
„Danke“, rief er ihm nach.
„Seltsamer Junge“, dachte er und setzte sich auf einen Sessel.
Dort packte er seine neuen Stiefel aus und bekam große Augen. Solche Stiefel hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht besessen. Sie bestanden aus schwarzem Büffelleder, waren unglaublich weich und passten wie angegossen. Rion ging ein paar Schritte auf und ab und schüttelte verwundert den Kopf.
„Wie macht der Junge das nur? Nur durch Ansehen eines Menschen zu wissen, welche Kleidung er braucht … unglaublich.“
Seufzend setzte er sich wieder und hoffte auf weitere Ablenkung, doch die kam nicht. So wurde das Warten zur Tortur.
8. Mond, im 988. Jahr der Barriere
Bewusstseinsstarre
1
Geralt schlenderte über das Deck der Seeschlange und blickte über die Reling. Von Halldor war noch nichts zu sehen. Sie hatten die Kiste an vier Soldaten übergeben, mit dem Auftrag, diese so schnell wie möglich in den Palast und zu den Alchimisten zu schaffen. Danach war Halldor direkt weitergeritten, um mit dem Flottenkommandanten zu sprechen. Nun wartete Geralt auf dessen Rückkehr.
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