„Oh Mann. Diese Getica werde ich mir mal vornehmen. Das darf doch wohl nicht wahr sein.“
„Ihr haltet Euch zurück, General. Denn zuerst werde ich mich mit der Dame unterhalten“, sagte Nalia verärgert.
Sie trank einen Schluck Wein und schaute Geralt wieder an.
„Was hat Melea über die Kreatur berichtet, die Getica aus dem Boot gezerrt hatte?“
Geralt erzählte nun, was Lea ihm in seiner Kajüte offenbart hatte und berichtete auch gleich weiter. Von den Angriffen der aalähnlichen Wesen, dem Biss, den sich Lea zugezogen hatte. Dann kam der Angriff des Geflügelten, Sanders wundersame Auferstehung und auch dessen geistige Genesung. Und letztlich die Beobachtungen von den Kreaturen, die zu Dutzenden das Ufer Kalmars erreichten, und die unzähligen Schiffe.
Eine kleine Weile sagte niemand etwas, bis Nalia nachfragte.
„So wie es aussieht, habe ich gleich noch ein paar Gespräche vor mir. Vor allem diesen Sander werde ich mir ansehen. Wie kann es sein, dass ein Mann mit dem Gemüt eines Sechsjährigen plötzlich von dieser Krankheit geheilt ist? Zumal er hätte tot sein müssen, bei dem, was Ihr mir erzählt habt.“
„Und es ist wirklich keine Wunde zu sehen?“, fragte Halldor.
„Nein, sein Nacken ist vollkommen unversehrt. Und wir alle haben gesehen, wie der Geflügelte seine langen Zähne hineingeschlagen hat. Es tropfte sogar Blut auf uns herab.“
„Und Melea musste dies hautnah erleben. Die junge Frau tut mir unglaublich leid“, sagte Nalia leise.
„Ihr habt ein paar von den Biestern eingesammelt, die Euch zu Dutzenden angriffen.
Wo ist die Kiste?“, wollte Halldor wissen.
„In den Kutschen war zu wenig Platz, deshalb ließ ich sie auf mein Schiff zurückbringen.“
Halldor wandte sich der Königin zu.
„Ich würde gerne einen kleinen Trupp hinschicken, um das Schiff zu bewachen.“
Danach sah er Geralt an.
„Nichts gegen die Hafenarbeiter, aber unter ihnen gibt es einige, die ihre Nasen gerne in verschlossene Kisten stecken.“
Nalia winkte einen Wachmann heran.
„Lauft zu Hauptmann Celvin! Er soll zwei Dutzend Mann zum Hafen schicken. Sie sollen niemanden an Bord der Seeschlange lassen.“
Der Mann eilte davon, und Nalia rief den Nächsten herbei.
„Ich möchte unverzüglich mit Mowanye und Sander sprechen. Sie sollten sich im Gästehaus befinden. Fragt die Diener, wo sie die beiden Männer einquartiert haben.“
Während sie auf die Ankunft der beiden Männer warteten, löcherte Nalia die beiden Kalmarer mit weiteren Fragen. Die waren mehr als froh, als die Königin und Halldor zwei neue Opfer fanden. Allerdings wurden die folgenden Gespräche nicht nur für Rion zur Zerreißprobe. Auch Geralt bekam Atemnot, als Mo von seinen Visionen berichtete und in mindestens jedem zweiten Satz Meleas Name fiel. Doch im Gegensatz zu Rion konnte er sich beherrschen und brüllte Mo nicht unentwegt an, oder wollte ihm gar an den Hals gehen. Letztere Aktion veranlasste Nalia dazu, Rion vor die Tür zu setzen.
„Das war definitiv zu viel für ihn“, murmelte Geralt, als Rion von drei Wachen hinausgebracht wurde.
„Kein Wunder! Hätte ich gewusst, worum es hier geht, hätte ich ihn erst gar nicht an diesen Gesprächen teilhaben lassen“, sagte Nalia.
„Selbst ich bin völlig schockiert, wie muss es dann ihm ergehen? Er ist Meleas Vater!“
Halldor nickte dazu, wobei er Geralt beobachtete. Der verbarg sein Gesicht hinter den Händen und schüttelte alle naselang den Kopf.
Nun beugte sich Halldor vor und musterte Mo eindringlich.
„Ihr sagtet, Eure Visionen lassen keinen Zweifel zu. Wieso denkt Ihr das?
Ich meine, es sind Visionen der Zukunft! Was macht Euch so sicher, dass wir sie nur auf diese Weise beschreiten können?“
„Weil ich nicht allein mit diesen Visionen bin.“
„Respa?“, fragte Nalia direkt.
„Ja, Eure Hoheit!“
„Ich werde später mit ihr reden. Und jetzt seid so freundlich und wartet einen Moment draußen. Ich muss mich kurz mit General Halldor besprechen und komme gleich nach. Richtet Rion aus, dass ich ihn gleich zu seiner Tochter bringen werde.“
Eine Wache kam herbei und führte die beiden Männer hinaus.
„Ihr zieht doch wohl nicht tatsächlich in Erwägung, den Herrscherrat einzuberufen?“, fragte Halldor.
„Doch, das tue ich durchaus.“
„Hoheit, Ihr …“
„Habt Ihr den Männern zugehört, General?“
„Ja!“
„Und Ihr glaubt ihnen nicht!“
„Doch. Aber ich halte es für unnötig, deswegen den Rat einzuberufen. Schon gar nicht Torgulas.“
Nalia sah ihn nachdenklich an.
„Überstürzt nichts, Hoheit. Lasst mich mit Gento sprechen und eine Schiffsflotte aussenden, die sich ein Bild von der Lage machen“, sagte Halldor.
„Also gut, Halldor.“
Er atmete erleichtert auf, bis Nalia aufstand.
„Schickt Schiffe aus! Aber was meine Entscheidung wegen des Rates anbelangt – diese werde ich fällen, sobald ich Melea einen Besuch abgestattet habe. Ich hoffe, sie ist wach und kann mir ein paar Fragen beantworten.“
3
Halldor schnappte sich seinen Helm und lief eilig zur Tür, aus der Nalia bereits hinaus war.
„Ich würde auch gerne zu Lea und sehen, wie es ihr geht“, sagte Geralt.
„Eigentlich wollte ich Euch mit Halldor und meinem Sekretär in die Stadt schicken. Ich hätte gerne die seltsamen Fische, damit meine Alchimisten diese untersuchen können. Außerdem muss Halldor zu meinem Flottenkommandanten. Und in derZwischenzeit wird mein Sekretär herausfinden, ob mein General einen Bruder hat.“
Geralt und Halldor sahen sich kurz an und grinsten zeitgleich, worauf die Königin meinte: „Eigentlich bedarf es nur einer schriftlichen Bestätigung seitens des Waisenhauses. Denn was ich sehe, lässt nur einen Schluss zu. Damit meine ich nicht nur eure äußerliche Ähnlichkeit.“
„Haben wir noch einen kleinen Moment Zeit? Ich möchte wirklich nur sehen, ob alles in Ordnung ist.“
Halldor warf der Königin auf Geralts Frage hin einen Blick zu.
„Also gut, ich kann Euch ja verstehen. Aber wirklich nur einen Moment, denn Halldors Auftrag duldet keinen Aufschub.“
Rion bekam alles nur mit einem Ohr mit. Seine Sorge um Lea und die Geschehnisse, von denen er erst vorhin erfahren hatte, machten ihm sehr zu schaffen. Und dann noch Mo mit seinen seltsamen Visionen.
„Meine Tochter soll ein Bündnis der Königsreiche herbeiführen? Der ist doch irre. Wie soll sie das bewerkstelligen?“, dachte er kopfschüttelnd.
„Und wie war das mit dem Feuerwesen? Ist das Ding jetzt wirklich in ihr?“
Er schaute zu Mo, der sicherheitshalber Abstand zu ihm wahrte, was auch gut war. Rion hätte ihn am liebsten erwürgt.
Er wäre fast in einen Leibwächter gelaufen, da Nalia und somit ihre Wachen unvermittelt stehengeblieben waren.
„Bevor wir weitergehen möchte ich, dass sich Geralt und Rion ein Zimmer aussuchen. Dort könnt ihr Euch nachher frisch machen und ausruhen.
Außerdem werde ich Euch frische Kleidung bringen lassen. Und falls Ihr sonst noch Wünsche habt, sagt es bitte der Dienerschaft.“
Nalias Wachen traten zurück, sodass sie die beiden Männer ansehen konnte.
„Wir sollen hier im Palast bleiben?“, fragte Geralt verblüfft.
„So ist es am einfachsten. Denn ich werde mit Sicherheit noch einige Fragen an Euch haben. Also, sucht Euch eine Tür aus.“
Geralt zuckte mit den Schultern.
„Als wir vorhin hier vorbeikamen, wäre ich am liebsten direkt durch diese Tür gegangen. Sie zieht mich irgendwie magisch an.“
Er drehte den Knauf und warf einen Blick in den Raum dahinter. Nalia nickte Rion aufmunternd zu, woraufhin er mit dem Kopf auf die Tür vor ihm deutete.
„Gut! Die Diener werden frisches Wasser und Getränke für Euch bereitstellen, solange wir noch unterwegs sind.“
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