„Ich kam kurze Zeit nach den beiden dort an und sprach mit Geralt über das, was ich am Strand beobachtet hatte. Wider Erwarten hielt er mich nicht für verrückt und erzählte mir stattdessen von den gleichen Beobachtungen. Und so kamen wir überein, Wachen einzuteilen, was gar nicht so einfach war. Die anderen glaubten uns natürlich nicht, doch letztendlich teilten wir die Männer in zwei Gruppen auf. Jon, Matt und ich gingen zur Klippe, um die erste Wache zu übernehmen.
Es war eisig kalt geworden, Schnee und Eisregen peitschten auf uns ein. Und je später es wurde, umso schwieriger war es, Jon und Matt zum Bleiben zu bewegen. Es tat sich nichts im Meer, aber dafür wurde es stetig kälter. Letztlich überredete ich die beiden, auszuharren und lief zurück, um ein paar Decken zu holen. Als ich an Mos Höhle vorbeikam, sah ich Geralt und meine Tochter bei ihm.“
Rion atmete zitternd durch, bevor er weitersprach.
„Ich war darüber wenig begeistert, da ich Melea eindringlich gebeten hatte, in der Schutzhöhle zu bleiben. Ich wollte sie natürlich mitnehmen, doch ich hielt inne, als ich Mo sagen hörte: ‚So wie meine Heimat werden diese Kreaturen auch diese Insel einnehmen. Und zwar noch heute Nacht.‘“
Rion erzählte Mowanyes Geschichte, woraufhin einen Moment lang angespanntes Schweigen herrschte.
„Nach so vielen Jahren – warum erzählte er ausgerechnet vergangene Nacht seine Geschichte?“, fragte Nalia schließlich.
„Melea und ich ließen ihm keine andere Wahl. Nicht bei dem, was kurz zuvor geschehen war.“
„Wieso? Was ist denn passiert?“, fragte Rion alarmiert.
Geralt hatte eigentlich nicht vorgehabt, davon zu erzählen, weil es noch unglaublicher war als der Umstand, dass Kalmar angegriffen wurde. Aber ihm blieb nun keine andere Wahl, weil ihn auch die Königin auffordernd ansah. Und so erzählte er von Mos Ritual, bei dem er inmitten eines Lagerfeuers stand. Von den Feuerkugeln, die der Schamane als Ahnen betitelte, und letztlich von dem Ahnen, der in Lea gefahren war.
„Seid ihr irre? Wie konntet ihr mir das verschweigen?“, regte sich Rion auf.
Nalia hob beschwichtigend eine Hand.
„Ich sah keine Verbrennungen an ihr.“
„Weil sie keine erlitten hat, wieso auch immer. Ich konnte keine fünf Schritte an diese Wesen herangehen, so viel Hitze strahlten sie aus. Doch Lea stand inmitten einiger Ahnen, und es machte ihr überhaupt nichts aus. Sie wurde allerdings zweimal bewusstlos, nachdem dieses Wesen in sie eingedrungen war. Und beim ersten Mal, als sie die Augen aufschlug, blieb mir fast das Herz stehen, da sie wie glühende Kohlen glommen. Es dauerte jedoch keine drei Herzschläge, bis sie erneut ohnmächtig wurde. Als sie dann erwachte, war alles wieder normal. Das heißt, sie war natürlich völlig schockiert und wollte wissen, wer die Flammenfrau wäre, die sie nun in sich trug.“
„Flammenfrau?“
Geralt nickte und richtete seinen Blick wieder auf die Königin, da er befürchtete, Rion würde ihn mit seinen Blicken aufspießen.
„Lea sah keine Feuerkugeln, so wie Mo und ich. Sie war oder ist der Meinung, flammende Gesichter gesehen zu haben. Und jenes, das sie verschluckt hat, war wohl das Antlitz einer Frau.“
„Verflucht noch mal, wann wolltet ihr mir das erzählen?“
„Rion, wie du selbst mitbekommen hast, überschlugen sich danach die Ereignisse.
Bisher blieb einfach keine Zeit dafür.“
„Und nach Mowanyes Geschichte seid Ihr dann von der Insel geflohen“, unterbrach Nalia die beiden.
„Nein, nicht sofort“, antwortete Rion mühsam beherrscht.
„Mo beharrte zwar darauf, dass wir sofort von der Insel runter müssten, doch ich konnte nicht so recht glauben, was er von den Kreaturen berichtet hatte. So schnappte ich mir ein paar Decken und lief wieder zur Klippe, wo ich dann eines Besseren belehrt wurde. Matt kam mir auf halbem Weg entgegen, völlig entsetzt und aufgebracht. Er stammelte die ganze Zeit etwas von einem Monstrum, das die Felsen emporkriechen würde. Kurz darauf kamen wir bei Jon an, und ich legte mich neben ihn auf den Felsen, da die Böen noch heftiger geworden waren.
Derweil entzündete Matt im Windschatten ein paar Fackeln, aber ich erkannte bereits im Lichtkegel von Jons Fackel, dass er mit ‚Monstrum‘ nicht übertrieben hatte. Ich konnte zunächst nur Teile des Kopfes sehen, und dies war ausreichend, um mein Herz für einen Moment aussetzen zu lassen.
Die Kreatur besaß ein riesiges Rundmaul mit wulstigen Lippen. Mehrere Reihen mit nach hinten gerichteten Zähnen, die bis weit in den Rachen reichten. Mit den Lippen vermochte es sich am Felsen festzusaugen, und wahrscheinlich besaß es an der Körperunterseite ebenfalls etwas, womit es sich festsetzen konnte. Genau konnten wir es nicht sehen, auch nicht, als wir in schneller Folge sechs Fackeln hinabwarfen. Aber was wir sehen konnten, war die Größe des Wesens. Und die betrug gute acht Meter, bei einem Umfang von etwa zwei Metern.“
„Besaß es Schuppen wie ein Fisch und glänzte es silbergrau?“
Rion schüttelte den Kopf.
„Nein, die Haut glänzte und schien glatt zu sein, wie die eines Aals, und es war dunkelgrau.“
Halldor nickte der Königin zu.
„Passt ziemlich genau auf das Wesen, das vergangene Nacht angespült wurde.“
„Eines der Biester wurde hier angespült?“, fragte Geralt schockiert.
„Was sollte die Fangfrage?“, hakte Rion nach.
„Verzeiht, aber ich muss sichergehen, dass …“
„Wie ging es weiter?“, unterbrach Nalia ihren General.
„Das Wesen kam nur langsam vorwärts. Wir hatten kein Bedürfnis zu erfahren, wie schnell es sich auf ebenem Boden fortbewegt. Und deswegen nahmen wir die Beine in die Hand. Wir liefen zu den Höhlen, und nach endlos erscheinenden Diskussionen, weil uns mal wieder keiner glaubte, traten wir die Flucht an. Allein von der Insel runterzukommen war nervenaufreibend und …“
„Wurdet Ihr angegriffen?“, fragte Halldor dazwischen.
„Wir nicht, aber Respa und Safrax. Lea und ich wollten die beiden holen, da sie nicht in die Höhle mitgekommen waren“, antwortete Geralt.
„Wieso wart Ihr beide allein?“, hakte Nalia nach.
Geralt schaute kurz zu Rion, der daraufhin betrübt den Kopf hängen ließ.
„Zwischen Gebirge und Wald fließt ein Bach, der sich aufgrund des Unwetters zu einem wilden Sturzbach entwickelt hatte. Es erschien uns unmöglich, rüberzukommen, und wir überlegten fieberhaft, wie wir alle heil auf die andere Seite bekommen sollten.“
Geralt atmete tief durch und schüttelte dann den Kopf.
„Lea dauerte dies wohl zu lange. Wir bemerkten sie erst, als sie bereits in der Mitte des reißenden Stroms stand, bis über die Hüften im Wasser. Mit nichts außer einem langen Ast arbeitete sie sich langsam voran. Sie hörte natürlich nicht auf uns, als wir nach ihr riefen.“
Wieder warf er einen kurzen Blick zu Rion, der aber nach wie vor zu Boden sah.
„Rion kam fast um vor Sorge und wollte ihr nach, was ich jedoch verhinderte.“
„Wieso?“, wollte Halldor wissen.
„Er kann nicht schwimmen. Dies musste ich ihm leider mit einem Kinnhaken ins Gedächtnis rufen. Und während Adaric und Jon auf ihn aufpassten, eilte ich Lea hinterher. Sie hatte fast das andere Ufer erreicht, wie ich verblüfft feststellte, als mich irgendein Ast oder Stamm unter Wasser traf. Es riss mich von den Füßen, und ich prallte wohl mit dem Kopf gegen einen Stein. Das nächste, woran ich mich erinnere, ist Leas angestrengte Miene, während sie verzweifelt versuchte, meinen Kopf über Wasser zu halten. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, wo wir waren – an der kleinen Brücke, die über den eigentlich ruhigen Bach führte. Sie war komplett überspült, und ich fühlte den Sog, der mich unter die Holzplanken ziehen wollte, was Lea jedoch irgendwie verhinderte. Und jetzt fragt mich bloß nicht, wie sie das geschafft hat. Das frage ich mich nämlich auch noch. Auch wenn sie meine Hüften mit ihren Beinen umschlossen hielt, war die Strömung unbeschreiblich stark. Sie trug unser Gewicht nur mit einem Arm, mit dem sie einen Pfosten des Brückengeländers umklammerte. Mit der freien Hand hielt sie meinen Kopf über Wasser.“
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