Ein Pferd kann somit nur schön werden oder schön sein, wenn die beiden Komponenten Körper und Seele zusammen gefördert werden. Hat ein Pferd schlechte Vorerfahrungen gemacht, macht häufig erst die Verbesserung des seelischen Befindens die physische Ausbildung möglich. Schulen Sie dann den Körper des Pferdes, lernt es, sich ausbalancierter und koordinierter zu bewegen. Das beeinflusst wiederum ebenso die positive Entwicklung seiner Seele. Denn wer seinen Körper besser nutzen kann, wird meist auch selbstbewusster, stolzer und freudiger. Einem stolzen Schwan steht so nichts mehr entgegen!
Leider kann sich diese Spirale auch abwärtsdrehen – vor allem dann, wenn Druck und Zwang in der Ausbildung des Pferdes eingesetzt werden. Anfangs entwickelt sich der Körper vielleicht noch in eine positive Richtung. Die Muskulatur wächst, ist aber meist verspannt und vielleicht schon schmerzhaft oder sogar an den falschen Stellen zu finden. Die Bewegungen mögen noch spektakulär sein, wirken aber bei genauerem Hinsehen hölzern und mechanisch, denn es fehlt ihnen die Leichtigkeit und Eleganz. Der schöne und freudige Ausdruck dieser Pferde ist längst verloren gegangen. Die Augen als Spiegel ihrer Seele künden den bald folgenden körperlichen Verfall schon viel früher an. Falten haben sich um sie herum gebildet, dreieckig sind sie geworden und es ist kein Glanz mehr in ihnen zu finden. Wie Roboter drehen diese Pferde ihre Runden, um in naher Zukunft aussortiert zu werden, da nun auch ihre Körper nicht mehr funktionieren.
Die Augen als Spiegel der Seele: Die angespannte Dreiecksform und die deutlichen Falten zeugen von Stress und Demotivation. (Fotos: privat)
Im Gegensatz dazu sprühen die Augen dieses Pferdes nur so vor Selbstbewusstsein.
Lassen Sie sich also nicht von den jeweiligen Modeerscheinungen leiten, sondern verlassen Sie sich lieber auf Ihr unbewusstes fühlendes Schauen, um die wirkliche Schönheit der Pferde zu erkennen und sie ganzheitlich zu fördern.
Schönheit – auch eine Frage des Lebensumfelds
Ein schönes Pferd lässt sich nicht allein durch ein rein körperliches Training „erarbeiten“. Wichtig ist ebenso sein seelischer Zustand. Dieser ist stark abhängig von seinem Lebensumfeld, denn dort verbringt es die meiste Zeit des Tages und erfährt somit die stärkste Prägung seiner seelischen Grundkonstitution. Sie hingegen haben im Training nur über einen kurzen Zeitraum Einfluss auf die Psyche des Pferdes. Und selbst wenn Sie sich in dieser Zeit die größte Mühe geben und den pferdefreundlichsten Umgang pflegen, werden Sie kaum Fortschritte erzielen, wenn die Lebensumstände nicht pferdegerecht sind. Deswegen ist es mir immer ein sehr großes Anliegen, diese den natürlichen Ansprüchen und Gegebenheiten des Pferdes so gut wie möglich anzupassen.
Natürlich können Sie dem Pferd in unserem Lebensumfeld keine Bedingungen bieten, die seiner ursprünglichen Umgebung entsprechen. Zudem haben wir es wegen der verschiedenen Rassen, die es in jedem Stall gibt, mit unterschiedlichen individuellen Bedürfnissen der Pferde zu tun. Deswegen können meine Vorschläge keine Allgemeingültigkeit haben, sondern sind nur als Anregungen zu verstehen.
Haltungsbedingungen und Fütterung
Das Pferd ist ein Herdentier, das ursprünglich, allen Witterungsverhältnissen ausgesetzt, in langsamen Bewegungen den ganzen Tag grasend über weite Flächen hinwegzog. Dabei suchte es fast dauerhaft nährstoffarme Gräser zum Fressen und machte zwischendurch Pausen, um zu ruhen, Fellpflege zu betreiben oder zu spielen. Körper und Psyche des Pferdes haben sich diesen Gegebenheiten über Jahrmillionen angepasst. Diese wissenschaftlich gut erforschten und allgemein doch recht bekannten Tatsachen scheinen viele Pferdebesitzer und Stallbetreiber vergessen oder verdrängt zu haben.
Glücklicherweise hat sich in den letzten Jahren vieles zum Positiven verändert, aber immer noch stehen einige Pferde stunden- oder gar tagelang allein in engen, vielleicht sogar fensterlosen Boxen und bekommen nur zweimal am Tag kleine Heuportionen, dafür aber große Mengen Kraftfutter. Nur für das Training oder aber den kurzen stundenweisen Auslauf auf einem klein parzellierten Paddock können sie ihre Box verlassen.
Die einzelnen Auswirkungen auf Körper und Geist können in vielen Fachbüchern, Zeitschriften oder Internetbeiträgen nachgelesen werden. Allen Publikationen gemein ist die Erkenntnis, dass eine Haltung entgegen den natürlichen Bedürfnissen nachweisbar psychische und physische Schäden hervorruft. Das oben beschriebene Negativbeispiel muss nachhaltig verändert werden!
Da unsere Flächen zur Haltung der Pferde zumeist beschränkt sind, sollten wir schauen, dass die Gruppen harmonisch sind. Nicht jedes Pferd versteht sich mit dem anderen gut. Auf begrenzten Flächen kann es zu körperlichen Angriffen oder dauerhaftem psychischen „Mobbing“ kommen. Ich befürworte deswegen die Haltung in altersgemischten Kleingruppen, die harmonisch zusammengestellt werden. Die Pferde werden ganzjährig draußen auf genügend großen Flächen gehalten. Schutz vor Witterungseinflüssen sowie Rückzugsorte zum Schlafen bieten dabei Bäume und großzügige Unterstände. Bei empfindlichen Rassen oder älteren Pferden kann es zusätzlich nötig sein, bei ungünstiger Witterung Regendecken aufzulegen. Tägliches Ab- und Ausmisten sowie das Beseitigen von Dauermatschstellen auf dem Paddock sorgen für die notwendige Hygiene und entziehen Krankheitserregern und Würmern den Nährboden.
Pferde sind Herdentiere und brauchen immer Sozialkontakte, um gemeinsam zu dösen, zu fressen, zu spielen und Fellpflege zu betreiben. (Foto: Lisa Kittler)
Um die Pferde ähnlich wie in ihrer ursprünglichen Umgebung zum Bewegen sowie zur Suche nach Nahrung zu animieren, sollten die Paddocks Bewegungsanreize zwischen Futter-, Wasser- und Ruhestellen bieten, wie es zum Beispiel die Konzepte des „Paddocktrails“ oder „Paddock Paradise“ vorsehen. Eine Fütterung aus Heunetzen in natürlicher Fressposition sowie der regulierte Zugang zum Gras und die Reduzierung von Kraft- oder Zusatzfuttergaben helfen, die in letzter Zeit vielfach zu beobachtenden „Wohlstandskrankheiten“ der Pferde zu vermeiden. Denn leider entsprechen die hiesigen Hochleistungsgräser und damit verbundenen Heusorten nicht dem Futterangebot, das die meisten Rassen gewohnt sind.
Um optimale Voraussetzungen für ein erfolgreiches Training zu schaffen, muss der regelmäßigen Pflege des Pferdes genügend Aufmerksamkeit geschenkt werden. Zum einen ist damit die Erhaltung der vollen Funktionsfähigkeit des Pferdekörpers gewährleistet und damit die Möglichkeit der körperlichen Entwicklung gegeben. Zum anderen wirken sich Schmerzen und körperliche Einschränkungen immer negativ auf die Pferdepsyche aus. Das verhindert jedes Lernen – also auch jede körperliche und psychische Weiterentwicklung.
Brusthoch im Gras zu verschwinden und nur zu fressen, ist wahrscheinlich der Traum vieler Pferde, doch dauerhaft ist das ungesund. (Foto: Lisa Kittler)
Читать дальше