Dieses Pferd sieht nicht schön aus. Das struppige Fell, die fehlenden Muskeln und sichtbaren Rippen sprechen für einen schlechten Gesundheitszustand. (Foto: Lisa Kittler)
Mit einer Vielzahl von eingezeichneten Linien können Sie überprüfen, ob Ihr Pferd ein harmonisches Gebäude hat. (Foto: Lisa Kittler)
Auch Fell und Langhaar des Pferdes fallen beim Betrachten des äußeren Erscheinungsbildes sofort ins Auge und tragen entscheidend dazu bei, ob wir das Pferd als schön empfinden oder eher nicht. Glänzend und voll sollen Mähne, Schweif und Fell sein. Struppiges und löchriges Fell oder dünne, stumpfe Mähnen sowie Schweife lassen das Pferd krank aussehen und sind wenig attraktiv.
Das Gebäude der Pferde kann im Hinblick auf seine Wirkung auf den Betrachter wissenschaftlich untersucht werden. Auf einem Bild eingezeichnete Linien geben Aufschluss über die Harmonie des Körperbaus. Als schön wird dabei ein Pferd wahrgenommen, dessen Gebäude stimmige Proportionen und klare Symmetrien aufweist. Einige allgemeingültige Anhaltspunkte möchte ich anhand des (auf Seite 15) abgebildeten Pferdes erläutern. Es ist nur eine auf dieses Tier beispielhaft zugeschnittene Auswahl an Kriterien. Sicherlich lassen sich noch viele weitere finden, was aber den Rahmen dieses Buches sprengen würde.
Zu sehen ist ein Warmblüter mit vielen Volloder Halbblütern in der Ahnenreihe vor dem Beginn seiner Ausbildung. Die Stute steht im Quadrattyp, die Tendenz ist aber durch den ausreichend langen Rücken nicht zu stark ausgeprägt, weswegen das Format ansprechend wirkt. Die Proportionen zwischen den einzelnen Körperpartien des Pferdes sind ebenfalls harmonisch. Der schön geschwungene Hals findet wie gewünscht im Genick seinen höchsten Punkt. Dieser und der ausdrucksstarke Kopf haben eine passende Größe im Verhältnis zum Restkörper. Die Beine sind ausreichend lang und haben kräftige Gelenke sowie klare Sehnen. Dies alles sind Punkte, die unserem Verständnis von Schönheit entsprechen. Einige Punkte verdeutlichen aber, dass das Exterieur nicht optimal ist. Die Proportionen und Symmetrien zwischen Vor- und Hinterhand sind nicht besonders günstig. Die Vorhand wirkt aufgrund der relativ steilen Schulter gedrungener als die Hinterhandpartie, die deutlich flacher und harmonischer geformt ist. Die steile Schulter in Kombination mit dem etwas tiefer angesetzten Hals bewirkt eine verstärkte Vorhandlastigkeit des Pferdes, die durch die rückständigen Vorderbeine noch klarer zu erkennen ist. Die Rückenlinie beginnt mit einer guten Widerristpartie, endet aber leider in einer aufgewölbten Lende, die nicht gewünscht ist.
Die Stute knapp drei Monate später: Die Muskulatur wurde gut aufgebaut und lässt das Pferd nun deutlich harmonischer erscheinen. Die Rückständigkeit ist weniger geworden, die Aufwölbung im Lendenbereich nicht mehr zu sehen. Nur der Hals dürfte sich noch etwas entwickeln. (Foto: Lisa Kittler)
Solche Pferde wie die abgebildete Stute begegnen Ihnen bestimmt oft. Sie wirken ansprechend, aber aufgrund ihres nicht optimalen Gebäudes nicht unbedingt sehr schön. Doch das können sie noch werden! Zwar ist das Exterieur von Geburt an vorgegeben und kann nicht wirklich verändert werden, aber eine ganzheitliche Ausbildung gleicht viele Mängel aus. Indem die veränderbaren Strukturen des Pferdes (wie die Muskulatur und über einen langen Zeitraum auch die Sehnen und Bänder) durch Training gut ausgebildet und/oder positiv verändert werden, können Exterieurmängel „kaschiert“ werden.
Stellen Sie sich zum Beispiel vor, die Fuchsstute hätte eine weniger verkrampfte Lendenmuskulatur und würde somit diesen Bereich nicht so stark stauchen. Die Erhebung der Rückenlinie wäre gar nicht mehr so deutlich zu sehen. Würde die Hinterhand- und Rumpfmuskulatur etwas besser aufgebaut, wäre die Rückständigkeit der Vorderbeine wahrscheinlich kaum noch vorhanden, weil sie die Vorhand tragen helfen würden. Die Stute würde – trotz des immer noch nicht optimalen Gebäudes – durch die muskuläre Entwicklung insgesamt viel harmonischer aussehen und damit schöner wirken. Kann der Betrachter ein Pferd live sehen, bezieht er ebenfalls die Bewegungsqualität in seine Beurteilung der Schönheit mit ein. Die Bewegungen eines Pferdes sind zwar abhängig vom angeborenen Gebäude, lassen sich aber durch ein sinnvolles Training formen und deutlich verbessern.
Bei der Beurteilung sind ebenfalls bestimmte Symmetrien und Proportionen entscheidend. Vorgriff und Rückschub der Vorder- und Hinterbeine sollten möglichst gleichmäßig sein. Auch die Auf-und-ab-Bewegung des Rückens oder die Pendelbewegung des Halses und Schweifes wünscht sich der Betrachter nahezu ausgeglichen. Der Takt in allen drei Gangarten muss absolut gleichmäßig sein und vieles mehr. Insgesamt sollte sich das Pferd also losgelassen, fließend, leicht und harmonisch bewegen, um vom Betrachter als schön wahrgenommen zu werden.
Das angeborene Gebäude des Pferdes ist die Grundkomponente bei der Beurteilung seiner Schönheit. Doch können durch eine ganzheitliche Ausbildung der Fütterungszustand, die Muskulatur und die Bewegungsqualität verbessert werden, sodass das Pferd deutlich schöner erscheint. Jedes Pferd hat demnach Entwicklungspotenzial!
Unter dem Begriff „Interieur“ werden alle Charaktereigenschaften sowie Verhaltensmerkmale (wie zum Beispiel Aufmerksamkeit, Nervosität oder Ausgeglichenheit) eines Pferdes zusammengefasst – also das innere Erscheinungsbild wird beschrieben. Wie beim Exterieur gibt es genetisch vererbte Dispositionen, die durch das Training nicht veränderbar sind. Deswegen sollte bei der Zucht nicht nur darauf Wert gelegt werden, möglichst optimale körperliche Merkmale, sondern auch positive psychische Eigenschaften zu vererben.
Glücklicherweise kann aber auch das Interieur des Pferdes durch Umwelteinflüsse und Erfahrungen geformt werden. Eine prägende Rolle haben dabei das Lebensumfeld des Pferdes und natürlich die Menschen, mit denen es regelmäßigen Kontakt hat. Die positive Entwicklung der Pferdepersönlichkeit mithilfe einer ganzheitlichen Ausbildung hat direkte Auswirkungen auf die körperliche Erscheinung. Denn das seelische Befinden eines jeden Lebewesens beeinflusst immer auch sein gesamtes Dasein und somit ebenfalls seinen Körper.
Es ist der Geist, der
sich den Körper baut.
(Friedrich Schiller)
Sind Pferde zufrieden und stolz, strahlen sie dies beispielsweise durch einen offenen, interessierten Blick und federnde Bewegungen nach außen hin aus. Sie wirken gesund, leistungsfähig und leistungsbereit. Ihr Gesamteindruck von Körper und Geist fesselt alle Betrachter in seiner Schönheit.
Außerdem beeinflusst die psychische Konstitution viele körpereigene Prozesse positiv. Ist das Pferd glücklich, schüttet es zum Beispiel spezielle Hormone aus, die das Fell zum Glänzen und die Muskulatur zum Wachsen bringen. Ist ein Lebewesen also seelisch mit sich und anderen im Einklang, wird seine äußere Erscheinung schöner.
Andersherum spiegeln sich Trauer und Demotivation ebenso in der „äußeren Hülle“. Schon nach einem einzigen Blick auf ein Tier, das über einen längeren Zeitraum unglücklich ist, stufen wir dieses als eher wenig ansprechend bis sogar hässlich ein. Das Fell ist häufig zottelig, die Augen trübe, die Muskulatur eingefallen, die Bewegungen schleppend und vieles mehr. Das Tier scheint sich körperlich nicht zu entwickeln, obwohl es nicht zwingend schlecht gehalten oder gepflegt sein muss. Seine Unzufriedenheit allein reicht aus, um die körperliche Ausbildung zu hemmen.
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