Hitlers Absicht der Judenvernichtung, die dann im Januar 1942 mit der Wannseekonferenz von der Naziführung organisatorisch in die Wege geleitet wurde, war also den Bischöfen und Pastoren der Kirchen wie den Gemeindemitgliedern bekannt. Trotzdem hat sich bis auf einzelne Ausnahmen die christliche Bevölkerung Deutschlands mit dem Mordregime abgefunden. Auch die Bekennende Kirche hat nach anfänglichem Protest vor allem versucht ihren Bestand zu retten und ist öffentlich nicht für die verfolgten Juden eingetreten. Immerhin verhalf die 1938 im Auftrag der Bekennenden Kirche gegründete Hilfsstelle für Nichtarier mit christlicher Taufe, das sogenannte Büro Grüber, ca. 2000 Juden in Zusammenarbeit mit den regionalen Hilfsstellen zur Auswanderung 3. Nach Grübers Verhaftung 1940, seiner Einlieferung in das KZ Sachsenhausen und der Schließung des Büros konnte die von der Wohlfahrtsabteilung geleistete Hilfe nur noch im Untergrund und beschränkt durchgeführt werden. Es gab aber weiter einzelne Christen mit „ungewöhnlicher Zivilcourage“, vor allem Frauen, die auch danach „Mut und Phantasie bei der Rettung jüdischer Frauen und Kinder bewiesen.“ 4
Man schaute weg, weil man es nicht sehen wollte. Eine, die genau hingeschaut hat und was sie sah, dokumentierte, war die Berliner Lehrerin Elisabeth Schmitz. Eine liberale Protestantin, 1893 in Hanau geboren, die bei Ernst von Harnack in Berlin studierte und bei dem Historiker Friedrich Meinecke promovierte, war seit 1929 im Höheren Schuldienst und mit Juden befreundet. Als große Teile der evangelischen Kirchen mit ihrem völkischen Protestantismus die Machtergreifung durch Hitler begeistert begrüßen, ist sie entsetzt. 1934 schließt sie sich der Bekennenden Kirche an, die das Führerprinzip und die Anbetung von Rasse und Volk in ihrem Barmer Bekenntnis im Mai 1934 entschieden ablehnt, aber kein Wort zu den Judenverfolgungen sagt. An ihrer nichtarischen Freundin, der evangelisch getauften Ärztin Martha Kassel, mit der sie eine Zeitlang zusammen wohnt, bis es ihr verboten wird, erlebt sie hautnah das Geschehen der Ausgrenzung jüdischer Mitbürgerinnen. Dagegen muss die Kirche doch ihre Stimme erheben, denkt sie und wird aktiv. Sie beschwört wichtige Kirchenführer und Theologen wie Karl Barth, Friedrich von Bodelschwingh, Martin Niemöller und Walter Künneth in eindringlichen Briefen, gegen Unrecht und Verfolgung besonders der Juden öffentlich aufzutreten. An den bekannten Theologieprofessor Karl Barth schreibt sie Anfang 1934: „Sollten die Gesetze, so wie sie heute sind, längere Zeit bestehen bleiben, so würde das das glatte Todesurteil bedeuten für hunderttausende, vielleicht für Millionen.“ 5Doch ihre Warnungen sind vergeblich. So entschließt sie sich, als im Juli 1935 eine neue antisemitische Welle mit fast pogromhaften Zügen durch Deutschland geht, eine Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ zu verfassen und anonym in mehreren Exemplaren zirkulieren zu lassen. Zu diesem Zweck schafft sie sich eine kleine Schreibmaschine vom Typ Erika an. In dieser Denkschrift fordert sie ein öffentliches Eintreten der Bekennenden Kirche für die Juden. Sie schildert die „innere Not“ der verfolgten Juden, dann ihre „äußere Not“ und fragt schließlich nach der „Stellung der Kirche“ dazu: „Was soll man antworten auf all die verzweifelten Bitten, Fragen und Anklagen? Warum tut die Kirche nichts? Warum läßt sie das namenlose Unrecht geschehen? Wie kann sie immer wieder freudige Bekenntnisse zum nationalsozialistischen Staat ablegen, die doch politische Bekenntnisse sind und sich gegen das Leben eines Teils ihrer Mitglieder richten? Warum schützt sie nicht wenigstens die Kinder? Sollte denn alles das, was mit der heute so verachteten Humanität schlechterdings unvereinbar ist, mit dem Christentum vereinbar sein?“ Ausdrücklich verurteilt sie den theologischen Antijudaismus, der in der Verfolgung und Ausgrenzung der Juden meint, dem Judentum das Gericht und die Gnade Gottes verkündigen zu können: „Seit wann ist es etwas anderes als Gotteslästerung zu behaupten, es sei der Wille Gottes, daß wir Unrecht tun?“ 6Eine Zeitlang wurde vermutet, dass ihr Text der dritten altpreußischen Bekenntnis-Synode in Berlin-Steglitz im September 1935 übergeben, aber nicht behandelt worden sei. Doch das ist inzwischen zweifelhaft. 7Vermutlich kursierte das anonyme Papier zunächst nur in wenigen Exemplaren. Aber es gibt wieder keine öffentliche Reaktion der Bekennenden Kirche (BK).
Schmitz entschließt sich, weiteres Material zu sammeln und die um einen Nachtrag, „Folgen der Nürnberger Gesetze“, erweiterte Denkschrift im Mai 1936 erneut unter die Leute zu bringen. In der Zwischenzeit hatte sie einen Vervielfältigungsapparat erworben. Diesmal schrieb sie den Text auf Matrizen und stellte eigenhändig 200 Exemplare her, die sie an wichtige Personen wie den BK-Pfarrer Wilhelm Niesel, an die Vorläufige Leitung der BK und an die Provinzialbruderräte schickt. Aus einem Bericht der Londoner Times übernimmt sie den Begriff „cold Pogrom“ und belegt dieses kalte Pogrom durch den Hinweis, dass es inzwischen in den jüdischen Gemeinden zwischen Sterbefällen und Geburten ein Verhältnis von sechs zu eins gebe. 8Sie betreibt diese nicht ungefährliche Aufklärungsarbeit in einer gleichgeschalteten Öffentlichkeit, weil sie, wie sie gegenüber Karl Barth formuliert, erreichen möchte, „dass die Kirche anerkennt, daß es sich um ein Gebiet handelt, das sie angeht.“ Ihre Aktivitäten in den ersten fünf Jahren des NS-Regimes zusammenfassend, formuliert ihr Biograph Manfred Gailus: „Da der Verfolgungsdruck wuchs und von der Kirche wenig geschah, fasste sie den einsamen Entschluss, die Denkschrift zu schreiben, um aufzuklären und aufzurütteln. Diese Schrift war eine mutige Tat: der Text selbst, die Schreibmaschine, die Anschaffung des Vervielfältigungsapparats, die riskante Verteilung der hochbrisanten Flugschrift an mehr als ein Dutzend Stellen, das Abziehen von 200 Exemplaren, der Berg subversiven Papiers in der eigenen Wohnung. Die christlich-fromme Studienrätin in der weißen hochgeschlossenen Bluse und dem langen, grauen Faltenrock war damit zur Widerstandskämpferin geworden.“ 9
Der Dienst in der Schule wurde für Elisabeth Schmitz angesichts der stärker geforderten Indoktrinierung der jungen Generation immer schwieriger. Eine nichtarische Kollegin, Lottesophie Hartzfeld, brachte sich um. Kirchlich orientierte sie sich in dieser Zeit stärker zur Dahlemer Gemeinde hin, wo Martin Niemöller sonntags oft vor eintausend Zuhörern in der Jesus-Christus-Kirche predigte. Dann kam es zu einer Zuspitzung des Kirchenkampfes mit der Verhaftung Martin Niemöllers am 1. Juli 1937; als Hitlers persönlichen Gefangenen brachte man ihn in das KZ Dachau. Es ist anzunehmen, dass sich Elisabeth Schmitz an den Fürbittgottesdiensten für die inhaftierten Pfarrer der BK beteiligte. Sie trat in Kontakt mit dem inoffiziellen Nachfolger Niemöllers in Dahlem, dem jungen Pfarrer Helmut Gollwitzer, einem Barth-Schüler. Noch einmal unternimmt sie im September 1938 einen Versuch mit einem Brief-Appell an den BK-Pfarrer Niesel, „die Bekennende Kirche möge endlich über die Behandlung der Juden in Deutschland ein Wort an die Gemeinden richten.“ Sie schreibt diesen Brief vor dem Hintergrund der Sudetenkrise und der damit drohenden Kriegsgefahr. Sie mahnt: „Denn was ein Krieg für die Behandlung der Juden in Deutschland bedeuten würde, ist nicht abzusehen.“ Die Gemeinden müssten über die Verfolgung der Juden in Deutschland besser informiert werden. Sie müssten ihre Mitschuld an der Vereinsamung und Verzweiflung erkennen, denn „wir“ hätten geschwiegen, wo „wir“ hätten reden müssen, zu den Misshandlungen in den Lagern und zum Mord. 10Ein solches klares Wort, durch Unterschrift bekräftigt, wozu sie bereit sei, müsse jetzt kommen. Doch wieder kommt keine positive Reaktion von der BK. Diese war mit den Folgen der Gebetsliturgie zur Erhaltung des Friedens angesichts der Sudetenkrise beschäftigt und wollte sich nicht durch eine solche Stellungnahme zu der Verfolgung der Juden zusätzlich in Schwierigkeiten bringen. Die Ereignisse um den 9./10. November, die sie vorausgesehen hatte, versetzen Elisabeth Schmitz in schlimmste Aufregung. Sie lässt sich krankschreiben (und kehrt danach auch nicht in den Schuldienst zurück, der für sie ohnehin wegen der ihr abgeforderten nationalsozialistischen Lehrinhalte immer schwieriger geworden war.) Zugleich unternimmt sie einiges, um das Ungeheuerliche der Reichspogromnacht mit genaueren Berichten in der Kirche bekannt zu machen. In drei Briefen an den Dahlemer Pfarrer Helmut Gollwitzer versorgt sie diesen mit zusätzlichen Informationen zum minutiös geplanten Ablauf des Pogroms, die sie durch eigene Recherchen und Lektüre ausländischer Presse herausbekommen hatte. „Die Verhaftungen dauerten gestern noch an. Es wird die Zahl von 40.000 genannt. In München, Nürnberg, Breslau und wohl auch in Frankfurt a. M. scheinen alle Männer im Alter von 16–40 Jahren verhaftet zu sein.“ Sie gibt zu bedenken, dass zu einem solchen Vorgehen die Kirche nicht schweigen dürfe, sondern „sofort in allen Gemeinden Bußgottesdienste ansetzen müsste.“
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