Wir müssen in der Moderne so handeln, als ob es Gott nicht gäbe, etsi deus non daretur , hat Dietrich Bonhoeffer 1944 unter Beziehung auf Hugo Grotius formuliert. Deutlich gesagt: Es gibt keinen direkt in Natur und Geschichte eingreifenden rettenden Gott, keinen Gott, der die Pandemie verhindern oder begrenzen kann. (Und schon gar nicht einen Gott, der durch Naturkatastrophen und Unglücksfälle die Menschen erziehen und strafen will, wie manche Fundamentalisten auch jetzt wieder behaupten). In der Natur treten Lebewesen wie die sich vermehrenden Viren auf, die aufs Überleben hin optimiert sind und die für den Menschen gefährliche Mutationen durchlaufen. Auch wenn unsere technischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten gewachsen sind, wir haben die Zukunft nicht im Griff. Sie ist unverfügbar.
Als Theologie und Kirche müssen wir zugeben: Gott kann nicht eingreifen. Aber das macht Gebete nicht überflüssig. Sie bringen Klagen und Überforderungen expressiv vor Gott. „Herr, was tust du?“, ruft Jakob aus, als Rahel bei der Geburt Benjamins stirbt. „In solchen Fällen erfolgt keine Antwort“, heißt es in Thomas Manns Roman Joseph und seine Brüder weiter. „Aber der Ruhm der Menschenseele ist es, daß sie durch dieses Schweigen nicht an Gott irre wird, sondern die Majestät des Unbegreiflichen zu erfassen und daran zu wachsen vermag.“ Ähnlich hat es der islamische Mystiker Rumi gesagt: „Die Antwort liegt im Schrei“. Noch mal: Der eingreifende Gott ist lange tot. Aber es ‚gibt‘ Gott als Beziehungskraft. Als Christen sollen wir den Glauben an den Gott, der sagt, meine Kraft ist den Schwachen mächtig, nicht aufgeben. Gerade in schwierigen Zeiten nicht, wo hunderttausende an Covid-19 sterben. Auch wenn Gott nicht eingreift ins Naturgeschehen, so kann er doch eine stärkende Beziehungsmacht sein. Die Pandemie ist eine Erinnerung an das Unverfügbare vor allem in dem Sinn, dass dieser Glaube den Menschen trotz aller Schwierigkeiten in seinem Kampf um Rettung stärken kann. Auch die Kranken und ihre Angehörigen, die ÄrztInnen und PflegerInnen, die ForscherInnen und PolitikerInnen, die VerkäuferInnen und andere sogenannte ‚systemrelevante‘ Gruppen. Dass dies Unverfügbare den Menschen zwar demütig, aber nicht resignativ macht, wie das in Pestzeiten oder zur Zeit der Spanischen Grippe vor 100 Jahren noch der Fall war. Und dass der Grundsatz antiselektiver Rettung, der den barmherzigen Gottesgedanken seit dem Exodus der israelischen Sklaven aus Ägypten begleitet, in den ethischen Debatten um die harten Maßnahmen in der Corona-Pandemie weiter zur Geltung kommt. Denn wie sonst könnte eine Kanzlerin eine ganze Gesellschaft dazu auffordern, einen harten Lockdown mitzutragen, um die besonders gefährdeten Großeltern vor Ansteckung durch das Virus zu schützen?! Die Schwachen zuerst schützen! Ja, und schließlich darf dann auch der Gott, der nach dem Zeugnis der Offenbarung am Ende die Tränen abwischt, zitiert werden als letzter Trost für die, die in diesem Kampf noch zu Opfern wurden und für ihre Angehörigen.
„Verweinte Augen zum Leuchten bringen.“
Die Predigttätigkeit des Laien Arthur Goldschmidt in der evangelischen Gemeinde im KZ Theresienstadt
In dem Buch über den französisch-deutschen Autor Georges-Arthur Goldschmidt, Überqueren, überleben, übersetzen (veröffentlicht im Göttinger Wallstein-Verlag 2018 zu seinem 90. Geburtstag) ist ausführlich kommentiert und historisch eingeordnet der bewegende Bericht von Goldschmidts Vater Arthur Goldschmidt Geschichte der evangelischen Gemeinde Theresienstadt 1942–1945 abgedruckt. Ich wusste von diesem Bericht, 1948 im Furche-Verlag zuerst veröffentlicht, hatte aber bislang nicht die Gelegenheit gehabt ihn zu lesen. Jetzt tue ich es also, am Vorabend des 8. Mai 2020, des Tags der Befreiung vom Faschismus und der Niederlage Nazi-Deutschlands. Arthur Goldschmidt, 1873 geboren, 1887 evangelisch getauft (zusammen mit seinen Eltern), studierte Jura, wurde Richter am Hamburger Oberlandesgericht, 1933 in den Ruhestand versetzt, malte gerne und war ein überzeugter evangelischer Christ in Reinbek, aber nicht aktiv in der Gemeinde. 1938 schickte er seine beiden Söhne ins Exil, zuerst nach Italien, von wo sie 1939 nach Frankreich kamen. Nach dem Tod seiner Frau 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert.
Theresienstadt, eine kleine Festungsanlage, die Kaiser Josef II einst hatte erbauen lassen, wurde 1941 freigeräumt und von Hitler „den Juden geschenkt“. Es sollte einerseits ein Vorzeigelager sein, ein Ghetto, eine jüdische Siedlung in Selbstverwaltung, von der SS kontrolliert. Goldschmidt nennt es kommunistisch, kollektiv. Alle, so unterschiedlich sie waren, waren gleichgestellt. Es war aber zugleich großenteils ein Durchgangslager für den Transport der Juden nach Osten in die Vernichtungslager.
In Theresienstadt angekommen fasste Arthur Goldschmidt den Entschluss, evangelische Gottesdienste abzuhalten. Anders gesagt, der Auftrag drängte sich ihm wie bei einer alttestamentlichen Prophetenberufung auf: „Ich ging dorthin, wie unter dem Auftrag, dort Gottes Wort zu verkünden zu sollen (…) Nach einigen furchtbaren Wochen in der Kaserne, kam ich mit einigen Hamburger Herren auf den Dachboden einer Kaserne. Dort versammelte ich, am ersten Sonntag, einige Bekannte von mir; wir lasen einen Text des Evangeliums und ein geistliches Lied. Das sprach sich rasch herum, von Sonntag zu Sonntag wuchs die kleine Gemeinde.“ (222) Der damalige Judenälteste, Herr Edelstein, war erstaunt, dass sich eine evangelische Gemeinde gebildet hatte, aber verständnisvoll. „Der liebe Gott sei ja schließlich derselbe, und ihm Edelstein, sei es gleichgültig, in welcher Weise man ihn verehre.“ (223) Goldschmidt forderte als Fürsprecher einer religiösen Minderheit unter den Juden Theresienstadts Respekt und religiöse Autonomie, wie es die Juden seit Moses Mendelssohn auf ähnliche Weise gegenüber den Preußen getan hätten. „Wir geben zu bedenken“, heißt es mit kaum verhaltener juristischer Schärfe in seinem Protestschreiben an den Ältestenrat, „was das Weltgericht der Geschichte einmal über die Anklage befinden würde, daß eine soziale Gemeinschaft, die als Minderheit Kulturautonomie begehrt und gefunden hat, als Mehrheit eine solche nicht einräumen will.“ (233) Schließlich wurde der Dachboden als Versammlungsraum offiziell zur Verfügung gestellt. Ein ehemaliger Landgerichtsrat aus Berlin, Dr. Stargadt, wurde von Goldschmidt zum Diakon berufen und ging ihm zur Hand. Man erstellte eine Mitgliederliste, später ohne das Taufdatum anzugeben, weil Juden, die erst als Erwachsene übergetreten waren, von den gesetzestreuen Juden als Abtrünnige angesehen und diskriminiert wurden. Insgesamt standen wohl ca. 800 evangelische Christen aller möglichen Denominationen auf dieser Liste. Der Altar wurde mit einem von Goldschmidt gemalten Bild Marias mit Kind geschmückt, dazu wurde ein in Theresienstadt gefundenes Kruzifix aufgestellt. In diesem Raum konnte auch die katholische Gemeinde ihre Gottesdienste feiern.
Die Gemeinde zu leiten, Gottesdienst zu halten und das Abendmahl auszuteilen, stand nur ihrem Begründer zu, der sich dabei auf die Schmalkaldischen Artikel berief, die ein Notregiment durch einen Laien vorsahen, wenn kein ordinierter Pastor zur Verfügung stand. Wie oft in urchristlichen Gemeinden kam es auch zu Rivalitäten. Die Bemühung eines der Dahlemer Bekennenden Gemeinde nahestehenden Gemeindeglieds, Dr. Hamburger, als dort ordinierter Notgeistlicher auch zu predigen, wurde nach einem ersten Versuch von der Gemeindeversammlung abgewiesen. Neben der Treue zu dem Gemeindegründer spielte auch das Argument eine Rolle, er komme nicht richtig an und stelle mehr als den Auftrag, der Gemeinde „einen gewissen Halt gegen das äußere Leiden zu geben“ (234), dogmatische Fragen in den Mittelpunkt. Später kam ein holländischer Pastor jüdischer Herkunft, Dominus Enker, nach Theresienstadt, der dann wegen der deportierten holländischen Juden selbstverständlich predigen durfte. Neben den Gottesdiensten gab es auch Gemeindeabende mit Vorträgen verschiedener Referenten und Bibelarbeiten. Goldschmidt, ein begabter Maler, fertigte davon Zeichnungen an, auch von den Trauerfeiern, die angesichts der hohen Sterblichkeit häufig stattfanden. Zunächst nicht unterschieden von den jüdischen Trauerfeiern, später dann doch in einer eigenen Halle mit Kruzifix und dem Spruch „Ego sum resurrectio“. Taufen wurden nicht vorgenommen, Trauungen nur in Ausnahmefällen. Es hätte ja dazu einer vorherigen standesdesamtlichen Eheschließung bedurft.
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