„Wo ist Frau Feen?“, brüllte ein Mann mit Klemmbrett in der Hand, vermutlich der Aufnahmeleiter, quer durch den Keller. „Hat jemand Frau Feen gesehen?“
Andy Farmer wusste natürlich, dass die Sendung von Nikki Feen, der ehemaligen deutschen Weinkönigin, moderiert werden sollte. Auch er wunderte sich. Üblicherweise führten Moderatoren mit den Gästen Vorgespräche. Gewissermaßen ein Warm-up, das als „Eisbrecher“ für nervöse Kandidaten gedacht war. Eine Maßnahme, die bei ihm natürlich nicht erforderlich war. Medienmäßig war er ein alter Hase.
Eine junge Frau, vermutlich die Assistentin, die sich gerade mit den Kameraleuten unterhalten hatte, kam zum Aufnahmeleiter gelaufen.
„Ich habe Frau Feen zuletzt gesehen, als sie aus der Maske kam und mir erklärte, sie wolle noch einmal die Toilette aufsuchen. Das war aber schon vor einer halben Stunde.“
„Mein Gott, dann sehen Sie halt nach! Wir müssen endlich anfangen!“
Hastig eilte die junge Frau davon. Es dauerte keine zwei Minuten, dann tauchte sie wieder auf. Der Aufnahmeleiter sah sie fragend an. „Was ist los? Wo ist sie?“
Die Assistentin näherte ihren Mund seinem Ohr und flüsterte etwas.
„Verdauungsprobleme? Was heißt hier Verdauungsprobleme? Wir können doch nicht ewig warten, bis Frau Feen ihre Innereien wieder im Griff hat!“
„Sie hat gesagt, sie kommt in ein paar Minuten“, versuchte die Assistentin ihren Chef zu besänftigen.
Der Regisseur gesellte sich dazu und klopfte fordernd mit dem Finger auf seine Armbanduhr. „Meine Herrschaften, Zeit ist Geld! Wir liegen schon deutlich im Zeitplan zurück.“
Mit wenigen Sätzen erläuterte der Aufnahmeleiter dem Regisseur die Problematik. Der verdrehte die Augen und ging zu dem Mann am Aufnahmepult.
In diesem Augenblick erschien endlich die erwartete Nikki Feen im Lichtkreis der Scheinwerfer. Sie trug einen knallroten Hosenanzug, der ihre schlanke Figur ansprechend betonte.
„Ich muss mich vielmals entschuldigen“, sagte sie mit einem verlegenen Lächeln, „aber das Lampenfieber …“
Der Aufnahmeleiter winkte ab. „Kein Problem!“ Zu seiner Assistentin gewandt: „Ist sie schon verkabelt?“ Als diese den Kopf schüttelte, machte er eine auffordernde Handbewegung. „Also, dann los, worauf wartet ihr noch?“
Nikki Feen wurde von der Assistentin zur Seite geführt, wo eine Tontechnikerin ein Funkmikrofon unter ihrer Kleidung befestigte. Der hautfarbene Mikrofonkopf selbst wurde mit einem Klebepad an ihrer rechten Wange befestigt.
Während Andy Farmer den Vorgang noch interessiert beobachtete, fühlte er sich plötzlich am Arm gefasst. Auch er wurde von einem Tontechniker verkabelt.
Zehn Minuten später betraten die beiden Hauptakteure die kleine Bühne. Der Regisseur wies sie kurz ein.
„Frau Feen, Herr Bürgermeister, Ihnen ist ja bekannt, dass es sich bei dieser Wahl des diesjährigen Narrenweins um eine Blindverkostung handelt. Sie sehen dort oben zehn verschiedene Weine in Bocksbeuteln von unterschiedlichen Weingütern aufgereiht. Ich kann Ihnen hierzu nur Folgendes sagen, es wurden drei Silvaner, drei Müller-Thurgau, zwei Grauburgunder und zwei Riesling eingereicht. Sie können beide natürlich nicht sehen, welcher Wein sich in welchem Bocksbeutel befindet. Von den Flaschen wurden die Originaletiketten entfernt, stattdessen befindet sich auf jedem Bocksbeutel das eigens für den diesjährigen Narrenwein von einem Grafiker entworfene Etikett, das keine Rückschlüsse auf das jeweilige Weingut zulässt. Auf der Rückseite wird später das weinrechtlich vorgeschriebene Etikett aufgeklebt. Während der Verkostung befindet sich dort nur eine Nummer. Frau Feen, Sie moderieren diese Verkostungen ohne jegliche Textvorgabe. Ihre Augen, Herr Bürgermeister, werden verbunden sein, so dass Sie die Bocksbeutel nicht sehen können, da sie teilweise unterschiedliche Formen haben. Anfassen dürfen Sie sie natürlich auch nicht. Auch die Zuseher haben keinen Wissensvorsprung. Frau Feen nennt für das Protokoll die Nummer des Weines und schenkt Ihnen anschließend ein. Der Bocksbeutel wird dann sofort wieder verhüllt. Jetzt können Sie die Binde abnehmen und versuchen. Anschließend bleibt es Ihnen überlassen, sich auf dem bereitliegenden Zettel zum jeweiligen Wein Notizen zu machen. Wenn Sie die zehn Weine durchprobiert haben, geben Sie in die Kamera die Nummern der Weine bekannt, die Ihrer Meinung nach ausscheiden sollen. Anschließend werden Ihnen wieder die Augen verbunden und Frau Feen hält die Nummern der ausgeschiedenen Bocksbeutel in die Kamera. Der soeben beschriebene Vorgang wird so oft wiederholt, bis nur noch ein Wein übrig ist, der dann als Sieger zu küren ist. Den Sieger geben Sie dann persönlich in der Fernsehübertragung bekannt.“ Er sah Feen und Farmer prüfend an. „Haben Sie das so verstanden oder haben Sie noch Fragen?“
Beide schüttelten einträchtig den Kopf.
„Na, dann fangen wir einfach mal an. Da es sich ja um eine Aufzeichnung handelt, können wir erforderlichenfalls wiederholen oder durch den Schnitt korrigieren. Der Vorgang wird von Dr. Rosenberger, dem Notar, beobachtet.“
In diesem Augenblick hörte man vom Eingangsbereich des Weinkellers her laute Stimmen. Dort wurde offenbar gestritten. Der Regisseur drehte verärgert den Kopf in Richtung des Stimmenwirrwarrs und rief: „Kann ich hier mal Ruhe haben! Hier läuft gerade eine Fernsehaufzeichnung!“
Die Assistentin des Aufnahmeleiters hastete nach vorne, um nach der Ursache des Lärms zu sehen. Einen Moment später kam sie zurück und erklärte: „Am Eingang steht ein gewisser Herr Schöpf-Kelle, der behauptet, er sei Reporter der Würzburger Mainpostille. Er beharrt darauf, dass er ein Recht darauf habe, über die Vorauswahl des Narrenweins berichten zu dürfen. Ich habe es nicht geschafft, ihn abzuweisen.“
„Der hat schon ganz andere geschafft“, mischte sich Bürgermeister Farmer ein. „Am besten, Sie lassen in rein, sonst faselt er morgen in der Zeitung eine Ente zusammen, die sich gewaschen hat. Sie müssen nur dafür sorgen, dass er nicht mitbekommt, welchen Wein ich letztendlich aussuche. Sonst weiß es morgen schon der ganze Landkreis.“
Der Regisseur gab der Assistentin ein Zeichen und sie eilte nach vorn, um den Reporter ans Set vorzulassen.
Vergnügt grinsend kam Schöpf-Kelle heran und winkte den Beteiligten gut gelaunt zu. Sofort zückte er seine Kamera, die ihm um den Hals hing, und begann, Bilder zu schießen.
Der Aufnahmeleiter eilte mit beiden Händen abwinkend auf den Reporter zu, fasste ihn am Arm und schob ihn ein Stück zur Seite. Dort redete er ziemlich intensiv auf ihn ein. Schöpf-Kelle erwiderte etwas, hob dann aber beide Hände zum Zeichen seiner Kapitulation und ließ die Kamera wieder sinken.
„Ich habe ihm gesagt, dass wir anschließend die von ihm geschossenen Bilder gerne ansehen würden. Letztendlich hat er zugestimmt.
„Also, nun aber los!“, kommandierte der Regisseur leicht genervt.
„Ton okay?“ – „Ton okay!“
„Kamera bereit?“ – „Kamera bereit!“
„Dann Action!“ Er ließ seine Hand wie ein Fallbeil von oben nach unten fallen.
Nikki Feen, die neben dem am Tisch sitzenden Andy Farmer stand, blickte freundlich lächelnd in die Kamera, an deren Vorderseite ein Rotlicht aufleuchtete.
„Guten Abend, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie sehr herzlich zur ersten Wahl des Würzburger Narrenweins, der in dieser Faschingssession eigens für diesen Zweck in einem speziellen Bocksbeutel abgefüllt wird.“ Sie gab einen kurzen Abriss über die bisher gepflegte Praxis der Auswahl des Narrenweins und berichtete von dem Wunsch der fränkischen Fernsehzuschauer, zukünftig diesen für die Region so repräsentativen Wein im Rahmen einer Blindverkostung durch einen Weinexperten auswählen zu lassen.
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