Schon wenige Tage später verließ ein Kühltankwagen mit der Aufschrift „Wang-Transporte Frankfurt a. M.“ das Weingut Chang in der chinesischen Provinz Shandong und machte sich auf den weiten Weg. Zwischen dem Weingut Chang und dem Ziel, dem Weinort Maindorf in Unterfranken, lag eine halbe Weltreise.
Weitere zwei Wochen später läutete mitten in der Nacht, kurz nach drei Uhr, Max Runkelbauers Handy. Er war sofort hellwach, schnappte sich das Telefon und huschte auf nackten Füßen aus dem ehelichen Schlafzimmer in die Küche. Seine Frau hatte einen gesegnet tiefen Schlaf und bekam davon nichts mit.
Runkelbauer meldete sich und hörte die Stimme eines unbekannten Mannes, der ihm erklärte, die bestellte Lieferung aus China sei eingetroffen. Der Winzer bekam vor Aufregung feuchte Hände. Er erklärte dem Anrufer, dem Fahrer des Tankwagens, wie er in den Hof des Weinguts fahren konnte, ohne den Weg durch den Ort nehmen zu müssen. Runkelbauers Weingut lag etwas außerhalb von Maindorf. Eine halbe Stunde später wurde hektoliterweise Müller-Thurgau aus China in einen von Runkelbauers Edelstahltanks gepumpt. Als der letzte Tropfen im Tank war, bestätigte Runkelbauer die Lieferung auf einem Lieferschein, und wenig später war der Tankwagen wieder verschwunden. Danach stand Runkelbauer nachdenklich in seinem Weinkeller und betrachtete das silbrig schimmernde Metall des Tanks. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er löschte das Licht im Keller, ging zurück in seine Wohnung und legte sich wieder ins Bett. An Schlaf war jetzt allerdings nicht mehr zu denken.
Würzburg, Samstag, den 22. Oktober
Bürgermeister Andy Farmer stieg über die breite, aber steile Steintreppe hinunter in die historische Unterwelt des Weinkellers unter der Würzburger Residenz. Der Weg war ihm zwar vertraut, trotzdem musste man immer aufpassen, dass man auf den glitschigen Stufen nicht ausglitt. Die Luftfeuchtigkeit im Keller setzte sich auf den Steinen ab. Farmer konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wie oft er schon diese Stufen hinabgeschritten war, um im Namen der Stadt an irgendwelchen Feierlichkeiten teilzunehmen. Geblendet blinzelte er. Ungewöhnlich heller Lichtschein strahlte ihm aus der Tiefe entgegen. Die Fernsehleute waren offenbar schon mitten in den Vorbereitungen.
Der Bürgermeister fühlte sich innerlich angespannt. Das lag sicher nicht an den bevorstehenden Fernsehaufnahmen, derartige Aktionen waren ihm durchaus vertraut. Der eigentliche Grund war der Besuch zweier Männer vor vier Tagen in seinem Büro, der ihm nicht aus dem Kopf ging.
Dienstag, kurz nach 14 Uhr, Andy Farmer kam gerade von einer Besprechung mit dem Oberbürgermeister, als seine Sekretärin an die Tür klopfte.
„Entschuldigen Sie bitte, Herr Farmer, in meinem Büro stehen zwei Herren, die Sie dringend sprechen möchten. Sie haben allerdings keinen Termin.“
Wegen der offenen Tür beugte sie sich zu Farmer herab und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
„Für den Präsidenten habe ich natürlich Zeit. Und wer ist dieser Roger Wang?“, entgegnete Farmer laut.
Sie zuckte mit den Schultern. „Herr Wang ist Asiate, er spricht aber ganz ausgezeichnetes Deutsch.“
Farmer machte eine einladende Handbewegung. Er aß sehr gerne gebratene Ente süßsauer, fühlte sich dem Chinesischen essenskulturell also durchaus zugeneigt. Im Moment konnte er gerade einige Minuten erübrigen.
„Schauen wir mal, was sie auf dem Herzen haben. Schicken Sie sie rein.“ Flüsternd fügte er hinzu: „Wenn das Gespräch länger als zehn Minuten dauert, kommen Sie bitte rein und erinnern mich an meinen nächsten Termin.“ Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Sie lächelte verstehend und ging wieder hinaus. Einen Moment später betrat der Präsident zusammen mit einem kleinen, zierlichen Asiaten das Büro des Bürgermeisters. In der Nähe der Tür blieben beide kurz stehen und der Präsident breitete die Arme aus. Sein Begleiter machte lächelnd eine leichte Verneigung.
„Lieber Andy, herzlichen Dank, dass du für uns etwas Zeit erübrigen kannst, obwohl wir keinen Termin haben. Ich darf dir Herrn Wang vorstellen.“
Der Asiate verbeugte sich erneut. Der Präsident und Farmer duzten sich schon seit ewigen Zeiten.
Andy Farmer erhob sich, kam hinter seinem Schreibtisch hervor und gab seinen Besuchern die Hand. Dann wies er in Richtung seines Besprechungstisches und bot ihnen Platz an. Der Präsident und Wang ließen sich nieder, Farmer setzte sich ihnen entspannt gegenüber und musterte sie neugierig. Wang stellte einen Aktenkoffer neben seinem Stuhl ab, dann blieb er, ohne sich anzulehnen, kerzengerade sitzen.
Als hätte er einen Stock verschluckt, dachte Farmer. Laut fragte er: „Was führt euch beide zu mir? Wie kann ich helfen?“
Der Präsident fuhr sich durch seine dichten, nach hinten gegelten weißen Haare.
„Lieber Andy, du weißt ja, dass die nächste Faschingssession vor der Tür steht und ich als einer der Verantwortlichen in diesem Narrenzirkus mir rechtzeitig Gedanken darüber machen muss, wie die finanzielle Seite aussieht. Es ist ja nichts Neues, dass es keine ernstere Angelegenheit gibt als den Fasching. Seit Jahren schon haben wir massive Probleme, beispielsweise die Kosten des Faschingszugs zu stemmen.“
Wenn er betteln will, warum hat er dann diesen Asiaten mitgebracht?, dachte Farmer.
Als hätte er Farmers Gedanken gelesen, fuhr der Präsident fort: „Da ich ja weiß, dass auch die Stadt in den Miesen steckt und wir kaum nennenswerte Unterstützung bekommen können, habe ich mir etwas einfallen lassen, das unsere Situation nachhaltig verbessern könnte.“ Er nickte in Richtung Wang. „Dies ist auch der Grund, warum ich Herrn Wang mitgebracht habe.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich war gewissermaßen der Türöffner für Herrn Wang und werde mich aus terminlichen Gründen jetzt wieder verabschieden. Herr Wang wird dir erläutern, um was es geht. Es wäre mir ein großes Anliegen, wenn du unsere Vorstellungen unterstützen könntest.“ Hastig stand er auf, gab dem überraschten Farmer die Hand, nickte Wang kurz zu und verließ das Büro.
Der Bürgermeister fühlte sich etwas überrumpelt, wollte aber nicht unhöflich sein. „Also, Herr Wang, dann legen Sie mal los. Aber meine Zeit ist leider begrenzt.“
Herr Wang verneigte sich, dann begann er zu sprechen. „Ich vertrete eine Interessengruppe, die ihre geschäftlichen Aktivitäten gern auf Unterfranken ausdehnen möchte.“
„Aha“, machte der Bürgermeister. Er musste seiner Sekretärin recht geben, der Mann sprach ganz ausgezeichnet Deutsch, wenn es auch etwas gestelzt klang. „Das ist ja sehr interessant, da wir hier in Würzburg immer an einem Zuwachs neuer Firmen interessiert sind. Können Sie mir sagen, auf welchen Geschäftsfeldern Sie aktiv sind?“
„Die Volksrepublik China ist, wie Sie sicher wissen, eine massiv wachsende Volkswirtschaft, die neben vielen anderen Produkten in zunehmendem Maße qualitativ hochwertigen Wein produziert. Dies gilt auch für das Weingut, das ich hier vertrete.“ Er bemerkte die hochschnellenden Augenbrauen des Bürgermeisters und fuhr fort: „Wir wissen, dass man China nicht unbedingt mit Weinproduktion in Verbindung bringt. Es wird Sie aber vielleicht in Erstaunen versetzen, zu hören, dass wir mittlerweile bei der Weinerzeugung beispielsweise Frankreich bereits überholt haben.“
„Das ist ja sehr interessant“, warf Farmer ein, der noch immer keine Vorstellung hatte, warum der Mann ihm dies alles erzählte.
„Mainfranken als qualitativ hochwertiges und international bekanntes Weinanbaugebiet hat unser Interesse geweckt. Wir würden gern in einem ersten Schritt mit Hilfe etablierter Winzer einen Fuß in die Tür der unterfränkischen Weinproduktion bringen.“
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