Der hoch verehrte Lehrer der thailändischen Waldtradition Ajahn Chaa verwendete ein bekanntes Beispiel für diese Art von Balance. Einmal kam jemand zu ihm und beschwerte sich über die widersprüchlichen Empfehlungen, die er seinen Schülern gab. Manchmal riet er zu einer Sache und etwas später zu genau dem Gegenteil. Ajahn Chaa antwortete: »Es ist so. Wenn ich sehe, wie jemand einen Weg entlangwandert und links in den Graben zu fallen droht, rufe ich: ›Geh rechts!‹ Geht später dieselbe Person oder jemand anderes einen Weg entlang und droht rechts in den Gaben zu fallen, rufe ich: ›Geh links, geh links!‹ Es dreht sich immer darum, auf dem Weg zu bleiben.«
Manchmal kann der Atem sehr fein werden, manchmal sogar nicht mehr wahrnehmbar sein. Wir sollten den Atem dann nicht verstärken, um ihn zu spüren, sondern eher den Geist von unserem Atem auf seine subtile Ebene sinken lassen. Es ist, als lauschte man auf das Flötenspiel von jemandem, der allmählich in der Ferne entschwindet. Die Feinheit des Atems kann genutzt werden, um den Geist zu verfeinern. Wenn der Atem tatsächlich verschwindet und wir ihn gar nicht mehr spüren, können wir einfach unseres sitzenden Körpers gewahr bleiben, bis der Atem von alleine wieder auftaucht.
Einatmend empfinde ich den ganzen Körper …
An diesem Punkt des Suttas gibt es einen interessanten Wechsel in der Sprache. Wie Anālayo anmerkt, verwendet der Buddha in den ersten zwei Übungen das Verb »wissen«: Einatmend weiß ich, dass ich einatme etc. Aber in den nächsten beiden Übungen der Achtsamkeit auf den Atem verwendet der Buddha das Verb »üben«.
»Er übt sich so: ›Ich werde einatmen und dabei den ganzen Körper erleben‹; er übt sich so: ›Ich werde ausatmen und dabei den ganzen Körper erleben.‹ Er übt sich so: ›Ich werde einatmen und dabei die Gestaltung des Körpers beruhigen‹; er übt sich so: ›Ich werde ausatmen und dabei die Gestaltung des Körpers beruhigen.‹« 8
Dieser Wechsel in der Sprache – von »wissen« zu »üben« – lässt darauf schließen, dass mit der Erweiterung unseres Gewahrseins auf den ganzen Körper auch eine Intensivierung der Absicht unserer Praxis einhergeht.
Aber auch hier gibt es zwei Interpretationen dahin gehend, was es in diesem Zusammenhang bedeutet, den ganzen Körper zu erleben. Man kann es wortwörtlich nehmen, das heißt den Atem im ganzen Körper spüren oder während des Atmens den ganzen Körper spüren. Die zweite Interpretation von »den ganzen Körper erleben« findet sich in den buddhistischen Kommentaren, denen zufolge sich dieser Ausdruck auf den ganzen »Atemkörper« bezieht – dass wir also üben, den Anfang, die Mitte und das Ende jedes Atemzugs wahrzunehmen. Von der einfachen Wahrnehmung, ob der Atem lang oder kurz ist, spüren wir den Atem jetzt unmittelbarer und bemerken bei jedem Ein- und Ausatmen den ganzen Fluss des Atems mit all seinen wechselnden Empfindungen.
Wie bereits erwähnt, können beide Interpretationen als unterschiedliche geschickte Mittel betrachtet werden, die zu gegebener Zeit angewendet werden können. Wenn wir den Atem zu sehr kontrollieren, ist es nicht hilfreich, sich ganz auf den Atem zu konzentrieren. Möglicherweise ist es dann besser, sich des Atems im größeren Zusammenhang des ganzen Körpers bewusst zu sein. Falls wir jedoch etwas gedankenverloren sind, kann es unsere Achtsamkeit und Konzentration stärken, unseren Fokus ganz auf den Strom der Empfindungen des Atems zu beschränken.
Beruhigung der Gestaltungen
Die letzte Anweisung in dieser Reihe besteht darin, zu üben, mit jedem Atemzug die Gestaltung des Körpers zu beruhigen. Wir können das auf zwei Arten tun. Wenn wir den Satz »Den ganzen Körper empfindend einatmen und ausatmen« so verstehen, dass wir uns unserer gesamten sitzenden Haltung bewusst werden, bedeutet die Beruhigung der Gestaltung des Körpers, eine ruhige, beständige Haltung einzunehmen und unsere Neigung zur Bewegung zu beruhigen. Wir können uns vornehmen, eine bestimmte Zeit lang keine absichtliche Bewegung durchzuführen.
Beziehen wir den Satz »Den ganzen Körper erleben« auf den Atemkörper, so bedeutet die Beruhigung der Gestaltung des Körpers, sich mit der Absicht zu verbinden, das Atmen selbst zu beruhigen. Manchmal hilft es dann, einfach leise die Worte »ruhig, beruhigend« zu wiederholen. Ist der Atem ruhig, dann wird auch der Körper ruhiger, und wenn die Körperhaltung ruhiger wird, beruhigt sich der Atem. Beides steht in Wechselwirkung miteinander.
Es ist überraschend, wie oft wir in unserem Leben den Atem übersehen und ihn in unserer Meditationspraxis manchmal langweilig finden. Nicht nur, dass jeder Atemzug uns am Leben erhält – die bewusste, achtsame Wahrnehmung des Atems bildete die Grundlage für das Erwachen des Buddha. Sie kann auch die Grundlage unseres eigenen Erwachens sein.
»Wenn euch, ihr Mönche, andersfährtige Pilger etwa fragen sollten: ›Was war das, ihr Brüder, für ein Verweilen, in dem der Erhabene während der Regenzeit am meisten verweilte?‹, so mögt ihr Mönche auf solche Frage den Pilgern antworten: ›In der Einigung bedachtsamer Ein- und Ausatmung hat der Erhabene während der Regenzeit am meisten geweilt.‹ …
Wenn man nun, ihr Mönche, zu Recht von etwas als ›Edles Verweilen‹ oder ›Göttliches Verweilen‹ oder ›Verweilen des Vollendeten‹ sprechen kann, so mag es bei der Einigung bedachtsamer Ein- und Ausatmung sein.
Die da, ihr Mönche, übende Mönche sind und in geistiger Unermüdlichkeit verweilen, um den unübertrefflichen Yoga-Frieden zu erreichen, die führt die Einigung bedachtsamer Ein- und Ausatmung, entfaltet und ausgebildet, zur Triebversiegung. Die da aber, ihr Mönche, als Mönche Heilige sind, Triebversiegte, Endiger, die das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln versiegt haben, die durch vollkommenes höchstes Erkennen erlöst sind, die führt die Einigung bedachtsamer Ein- und Ausatmung, entfaltet und ausgebildet, schon zu Lebzeiten zu glücklichem Verweilen in achtsamer Klarbewusstheit.« 9
1. Bhikkhu Ñāṇamoli und Bhikkhu Bodhi, Übers., The Middle Length Discourses of the Buddha (Somerville, MA: Wisdom Publications, 1995), 955. Dt.: Die Lehrreden des Buddha aus der Mittleren Sammlung, übers. von Mettiko Bhikkhu (Kay Zumwinkel), Jhana Verlag, Uttenbühl, 2. Auflage 2012, Nr. 119.http://www.palikanon.com/majjhima/zumwinkel/m119z.html.
2. Ebenda 956–58; dt.: 119.
3. Ebenda 145; dt.: 10.
4. Anālayo, Der direkte Weg. Aus dem Englischen übersetzt von Ilse Maria Bruckner und Siegfried C.A. Fay, Verlag Beyerlein & Steinschulte, Stammbach 2010. Siehe Anmerkung Kapitel 1, Punkt 1.
5. Ebenda.
6. Bhikkhu Ñāṇamoliund Bhikkhu Bodhi, Übers., The Middle Length Discourses of the Buddha (Somerville, MA: Wisdom Publications, 1995), 748. Dt.: Die Lehrreden des Buddha aus der Mittleren Sammlung, übers. von Mettiko Bhikkhu (Kay Zumwinkel), Jhana Verlag, Uttenbühl, 2. Auflage 2012, Nr. 91. http://www.palikanon.com/majjhima/zumwinkel/m091z.html.
7. Ebenda, 943; dt.: 118.
8. Ebenda, 944; dt.: 118.
9. Bhikkhu Bodhi, Übers., The Connected Discourses of the Buddha (Somerville, MA: Wisdom Publications, 2000), 1778. Dt.: http://www.palikanon.com/samyutta/sam54.html#s54_11.
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